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Politik Hier kommt Markus Söder
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10:35 16.12.2017
Selbstironie oder Selbstüberschätzung? Beim Besuch des Festivals „„Rock im Park”“ trägt Markus Söder im Juni ein eigenwilliges T-Shirt. Darauf prangt der Schild der Comicfigur Captain America, des „Supersoldaten“, der sein Land retten muss. Quelle: dpa
Nürnberg

Plötzlich ist sie da, die Nachricht, auf die er so lange hingearbeitet hat. „Söder soll bayerischer Ministerpräsident werden“, meldet der Bayerische Rundfunk. Doch der Mann, um den es geht, freut sich nicht, sondern zieht die Augenbrauen hoch. Er weiß es besser. Die Meldung stimmt nicht. Noch nicht.

Dunkelgrauer Anzug, hellblaue Krawatte, Pokerface – Markus Söder steht vor dem Münchner Landtag, umringt von Reportern und Kameraleuten, gibt sich wortkarg. So kurz vor dem Ziel will er bloß keine Fehler machen. „Was hat BR24 da wieder gemacht?“, zischelt er.

Es ist Donnerstag, der 23. November. In der CSU geht ein beispielloser Machtkampf in die entscheidende Phase: Horst Seehofer, Ministerpräsident und CSU-Chef, will von der Macht nicht lassen. Söder, Finanzminister und gelernter Journalist, tut hinter den Kulissen alles, dass aus der Falschmeldung der früheren Kollegen beim Bayerischen Rundfunk eine echte Nachricht wird. Unzählige Vier-, Sechs- und Acht-Augen-Gespräche sowie Marathonsitzungen der Spitzengremien später geben sich die Kontrahenten am 4. Dezember vor den Kameras im Vorstandssaal der CSU-Zentrale im Münchner Norden die Hand.

Söder wird Ministerpräsident, Seehofer darf – vorerst – Parteichef bleiben. Es ist ein fragiler Burgfrieden. An diesem Wochenende soll er beim CSU-Parteitag ausgerechnet in Söders Heimatstadt Nürnberg noch einmal besiegelt werden.

Ziemlich beste Feinde: Am CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer kommt der Aufsteiger Markus Söder (noch) nicht vorbei. Quelle: dpa

Ob er hält – davon hängt viel ab. Für Söder, der im Frühjahr in die Münchner Staatskanzlei einziehen will, für Seehofer, der die Politik im Bund mitbestimmen will. Eine von miesen Umfragewerten in Bayern verunsicherte CSU, die sich weiter zerstreitet, wäre ein unkalkulierbarer Faktor bei der schwierigen Regierungsbildung in Berlin. Kann Söder die Partei wieder stabilisieren? Was hat er politisch-inhaltlich vor, um verloren gegangenes Vertrauen in die CSU zurückzugewinnen?

Auf jeden Fall gibt er sich am Freitag, zum Auftakt des Parteitags, vernunftbetont. Von einer „Verantwortungsgemeinschaft“ mit Seehofer spricht er, davon, dass die Herausforderungen „so groß wie noch nie“ seien, und deshalb sei es „wichtig klarzumachen, dass die Stärksten zusammenhalten und das Beste für die Partei wollen und fürs Land“.

Die Frau für die Erdung: Karin Söder bringt ihren Mann angeblich immer mal wieder auf den Teppich. Quelle: dpa

Aber ist er, das Alphatier mit ausgeprägtem Hang zur Selbstinszenierung, der mitunter skrupellose Machtpolitiker mit dem Ruf des In­triganten, wirklich fähig zum Teamplay? Seine Frau Karin hat ihm jedenfalls geraten, jetzt auf keinen Fall abzuheben.

Söder im Kreis seiner Fans

Vielleicht sagt sie es, weil sie weiß, wie sehr er sich an öffentlichen Auftritten berauschen kann – so wie neulich in Erlangen. „MP Söder“ oder „Erneuerung jetzt!“ steht auf den weiß-blauen Pappschildern seiner Fans aus der Jungen Union Bayern, die hier tagt. Lange haben sie im Foyer der Heinrich-Lades-Halle gewartet. Söder hat eine Rede gehalten, die von seinen Leuten als Signal zum Angriff auf Seehofer verstanden wird. Kurz zögert er, dann gesellt er sich zum Parteinachwuchs. „Ich habe großen Respekt davor, welchen Mut ihr habt, was ihr euch traut“, lobt Söder. Die Kameras klicken. Das Bild mit ihm im Kreis seiner Fans – es ist die Illustration seines Machtanspruchs. Seehofer grollt im fernen Berlin, wo er in den Jamaika-Sondierungen festsitzt.

Deutschlands bekanntester Landesminister

Söder weiß wie kein anderer Politiker in der CSU um die Kraft von Bildern. Jetzt erntet er, was er über Jahre hinweg gesät hat. Der 50-Jährige ist Deutschlands bekanntester Landesminister, nicht nur wegen seiner Omnipräsenz in Talkshows, bei Twitter und Facebook. Legendär sind die Wortmeldungen aus seiner Zeit als CSU-Generalsekretär. Einen Internetpranger für Schwarzfahrer forderte er, Drogentest für Grünen-Bundestagsabgeordnete, und dass deutsche Kinder in Zukunft wieder Klaus statt Kevin genannt werden müssten. Mit ausgefallenen Faschingskostümen schafft es der Vater von vier Kindern aus zwei Ehen regelmäßig in die bunten Blätter. Mal posiert er als Shrek, mal als König Ludwig II., dann als Homer Simpson oder Marilyn Monroe. Hauptsache, der schillernde CSU-Hoffnungsträger aus Franken bleibt irgendwie im Gespräch, spotten seine Kritiker.

Markus Söder strotzt nur so vor Ehrgeiz, setzt sich in Szene und überdreht dabei regelmäßig. Kein Ortsverband der CSU, den er in den vergangenen Jahren nicht als Festredner beehrt hätte. Kaum ein bayerischer Kreis, in dem nicht Förderbescheide von ihm verteilt worden wären, sei es für den Breitbandausbau, das Heimatmuseum oder die Freiwillige Feuerwehr. Europa- und Bundesratsminister, zuletzt Finanz- und Heimatminister – geschickt nutzt er die Möglichkeiten, die ihm sein jeweiliges Amt bietet. Als Seehofer im vergangenen Sommer versucht, ihn nach Berlin zu holen, hält Söder dagegen. Er ahnt, dass der CSU-Chef ihn loswerden will. In der Hauptstadtpolitik hat er nicht viele Freunde. Bei den CSU-Bundestagsabgeordneten ist die Zahl seiner Unterstützer überschaubar.

Der „Prinz Charles der CSU“ wird endlich gekrönt

Lange gilt er als „Prinz Charles der CSU“, der ewige Kronprinz. Als Jugendlicher hängt er sich ein Poster von Franz Josef Strauß übers Bett. Mit 27 wird er Landtagsabgeordneter, mit 36 Generalsekretär unter Edmund Stoiber, mit 40 Staatsminister. Es geht immer nur bergauf. Doch Seehofer bremst ihn aus. Bei einer inzwischen legendären CSU-Weihnachtsfeier 2012 spricht er Söder die charakterliche Eignung für Führungsaufgaben ab, wirft ihm „Schmutzeleien“ vor. Und wann immer sich die beiden dienstags im Landeskabinett gegenübersitzen, verrät ihre Körpersprache vor allem eins: Misstrauen.

Beim Parteitag, in der Nürnberger Parteitagshalle, das gleiche Szenario: Die beiden sitzen nebeneinander in der ersten Reihe – und Spannung liegt in der Luft. Söder und Seehofer stecken die Köpfe zusammen, damit vor den Kameras nur ja nicht der Eindruck entsteht, sie hätten sich nichts zu sagen. Alsbald greifen sie wieder zu ihren Mobiltelefonen, tippen SMS. Und immer noch weiß keiner: Wer ist Koch, wer Kellner?

Die Sehnsucht nach Harmonie ist groß

An der Basis wünscht man sich jetzt Ruhe, Geschlossenheit, ein Ende des ewigen Gegeneinanders an der Spitze. „Der Markus muss jetzt endlich aufhören zu sticheln und seine Prätorianergarde schnell einfangen“, sagt einer aus dem CSU-Vorstand. Die Sehnsucht nach Harmonie ist groß.

Denn der eine wird ohne den anderen keinen Erfolg haben. Der Parteitag wird zeigen, ob die neue Rollenverteilung funktioniert. Als gläubiger Protestant hat Markus Söder nicht nur stets die Bibel griffbereit in Schreibtischnähe. Er glaubt auch an Vergebung und ans Vergeben. „Ich bin kein nachtragender Mensch und Horst Seehofer auch nicht“, sagt er. „Wer ewig einen Rucksack schlechter Erinnerungen mit sich herumträgt, läuft irgendwann gebeugt. Wir schultern jetzt gemeinsam die Herausforderung.“

Und Seehofer? Der überlässt Söder in Nürnberg zunächst das Feld. Der Lokalmatador, Beirat des 1. FC Nürnberg, Unterstützer von Rockmusikevents, ist umringt von Reportern und schulterklopfenden Delegierten, genießt das Scheinwerferlicht, kommentiert das Berliner GroKo-Geschehen. Ganz klar: Steuererhöhungen, eine Bürgerversicherung für alle oder mehr Zuwanderung als bisher gibt’s nicht. Aber dass die Union mit der SPD spreche, das sei wichtig. Schließlich: „Die Deutschen wünschen sich eine stabile Regierung.“ Söder ist nach allen Seiten offen.

Söders Politikstil heißt Bauchdemoskopie

Einer, der seinen Weg nach oben über Jahrzehnte aus nächster Nähe begleitet hat, ist Michael Frieser: 53 Jahre alt, seit 2009 im Bundestag, Söders Stellvertreter an der Spitze des CSU-Bezirksverbands in Nürnberg. Oft hat er den Vorwurf gehört, Söder fehle es an Substanz und Prinzipien, er richte sich allein nach Umfragen. „Er hört viel aufmerksamer zu, als ihm allgemein zugetraut wird. Und er hängt sein Fähnchen nicht in den Wind“, sagt Frieser. „Wenn er von einer Sache überzeugt ist, kämpft er bis zum Umfallen dafür.“ Trage jemand ein Thema oder Problem an ihn heran, höre er genau zu. Komme ein Zweiter mit der gleichen Sache, werde er hellwach. Melde sich ein Dritter, mache er die Angelegenheit zu seinem eigenen Thema und setze es ganz oben auf seine politische Agenda. Söder hat ein eigenes Wort für diesen Politikansatz erfunden: Bauchdemoskopie.

Bayern first!

Ein schlichter Sechzigerjahrebau im Herzen Nürnbergs ist seine Basis, die fränkische Dependance des bayerischen Heimatministeriums. Hier spielt er die Szenarien für die nächsten Wochen und Monate durch. Dabei dürfte er im Ohr haben, was der CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel ihm und Seehofer mit auf den gemeinsamen Weg gegeben hat. Der Horst wisse ja, wie er in Berlin „mit guten Ratschlägen, bayerischen Vorstößen und bayerischer Unruhe“ umzugehen habe. Und dem Markus werde „sicher vieles einfallen, was du an Botschaften, Pfeilen und Speeren nach Berlin schicken kannst“.

Unruhe? Pfeile? Speere? Nicht nur Seehofer, auch Angela Merkel muss damit rechnen. Wie auch immer die Regierungsbildung verläuft: Söder wird „Bayern first!“ zu seinem Motto machen und gnadenlos dazwischengehen, sobald er den Eindruck hat, etwas könnte seine Chancen bei der Landtagswahl im Herbst schmälern. Da ist und bleibt er sich selbst der Nächste.

Von Rasmus Buchsteiner/RND

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