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Nachrichten Politik Hat Schweden ein Flüchtlingsproblem oder nicht?
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08:06 21.02.2017
Schweden ist für viele Asylsuchende eines der Traumziele. Doch der Wind hat sich auch in Schweden gedreht Quelle: picture alliance
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Hällefors

Nachts heulen die Wölfe in Hällefors. In schwedischen Wäldern heulen oft die Wölfe. Und wenn sie in Hällefors mal wieder besonders laut gejault haben oder wenn gar ein Wolf sich in einen Vorgarten verirrt hat, dann gibt es in Hällefors Streit. Erschießen oder leben lassen? „Am Ende“, sagt Ola Ström, „entscheidet sich die Mehrheit immer für Lebenlassen.“

Ola Ström war bis vor Kurzem Verwaltungschef des mittelschwedischen Kreises nördlich von Örebro. Heute organisiert er dort kommunale Projekte. Es gibt viel zu organisieren in Hällefors. Vor allem den Mangel. Mangel an Arbeitsplätzen, an Einkommen und an jungen Leuten. Und man muss das Leben der Flüchtlinge organisieren. Unter den 290 schwedischen Landkreisen zählt Hällefors zu denen mit der höchsten Flüchtlingsrate – mit 10,1 auf 100 Einwohner liegen Kreis und Kreisstädtchen landesweit vorn. Da kommen die Wölfe wieder ins Spiel.

Eine Gewehrkugel in der Post

Ström muss lange überlegen, bis ihm ein negativer Zwischenfall einfällt. Es habe mal Prügeleien in einer Unterkunft gegeben, unter Flüchtlingen, erinnert er sich. Und dann: „In einem der Hotels im Skiresort, in dem Flüchtlinge untergebracht waren, ist mit der Post ein Umschlag mit einer Gewehrkugel angekommen.“

Eine gemeine Drohung. „Aber das sind die gleichen Leute, die die Wölfe vertreiben wollen. Die haben Angst vor allem, was in ihr Leben eindringt.“ Und die Mehrheit der Schweden, schließt der liberalkonservative ehemalige Reichstagsabgeordnete seinen Exkurs zufrieden ab, entscheide sich halt anders. Für einen respektvollen, freundlichen Umgang mit dem Fremden. „Wir sind bis jetzt nicht schlecht damit gefahren.“

Ziel Schweden: Viele Flüchtlinge, viel Hilfe. Quelle: dpa

Ist also alles gut in Schweden? Jenseits von Spott und Amüsement: Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass US-Präsident Donald Trump am Wochenende kräftig daneben gegriffen hat, als er in einer Rede aufgewühlt von den Gefahren berichtete, denen Europa nun ausgesetzt sei wegen der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Und Schweden zum mahnenden Beispiel für zerstörerische Terrorangriffe erhob: „Schaut euch an, was letzte Nacht in Schweden passiert ist. Schweden! Wer würde das glauben! Schweden! Die haben sehr viele aufgenommen und haben nun Probleme, die sie nie für möglich gehalten haben“, rief er unter Floridas Sonne ins Mikrofon. Doch in dieser Nacht war es in Schweden so ruhig wie meistens.

Dutzende Internetnutzer schickten in sozialen Netzwerken Bilder von kopulierenden Elchen und idyllischen Nachtansichten mit dem Hinweis: „Last Night in Sweden“ – letzte Nacht in Schweden.

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Am Samstag gab es einen Terroranschlag auf Schweden – das zumindest behauptete US-Präsident Donald Trump. Tatsächlich ist in Stockholm aber überhaupt nichts passiert. Die besten Twitter-Reaktionen auf Trumps Falschaussage sehen Sie hier.

Schwedens Botschaft in Washington forderte daraufhin vom US-Außenministerium eine Erklärung. „Alle, die seine Äußerung gehört haben, fragen sich, worauf er abzielt“, sagte Erik Wirkensjö, Sprecher von Außenministerin Margot Wallström. Ein Sprecher des Weißen Hauses erklärte, Trump habe ganz allgemein die erhöhte Kriminalität und Dinge aus der nahen Vergangenheit gemeint, aber keine besonderen Ereignisse.

Der US-Präsident selbst twitterte: „Meine Aussage zu den Geschehnissen in Schweden bezog sich auf eine von Fox News gesendete Geschichte über Einwanderer und Schweden.“ Stockholm gab sich zufrieden. Ein Nachspiel hat das Ganze trotzdem.

Botschaft plant Richtigstellung

Trump hatte sich auf ein Interview im Fox-Programm „Tucker Carson Tonight” mit dem Dokumentarfilmer Ami Horowitz bezogen. Der Beitrag des erzkonservativen Senders enthalte jedoch zahlreiche Fehler, heißt es im schwedischen Außenministerium. Die Botschaft in Washington plane „eine Richtigstellung, mit amtlichen Fakten“, sagt Erik Wirkensjö.

Aber wie sind sie denn nun, die Fakten? Hat Schweden ein Flüchtlingsproblem oder nicht? „Es hängt davon ab, mit wem du redest – und wo“, sagt Ola Ström. Mit den richtigen Bildern ließen sich leicht falsche Botschaften vermitteln. „Wir haben in den großen Städten ein riesiges Problem mit Kriminalität und Anarchie in den Migrantenvierteln. Aber das liegt nicht an den Flüchtlingen.“

Protest für Unterkunft: Asylbewerber in Malmö. Quelle: imago

In einem indes hat der Präsident recht: Die Schweden „haben sehr viele aufgenommen“. Nach Deutschland die meisten innerhalb der Europäischen Union. 163.000 Asylbewerber 2015, 30.000 im vergangenen Jahr. Dazu kommen jährlich 160.000 Menschen aus aller Welt, die in Schweden arbeiten, studieren oder einfach nur leben wollen.

Die zehn Millionen Schweden gelten zu Recht als besonders großzügig. Zwei „Willkommensjahre“ finanziert der Staat. Grundsätzlich wurden permanente Aufenthaltsgenehmigungen an Syrer vergeben, die nach vier Jahren bedingungslos zur Staatsbürgerschaft führen.

Zwei furchtbare Verbrechen sorgten für Entsetzen

An den Angehörigennachzug wurden lange Zeit keine Bedingungen geknüpft und abgelehnte Asylbewerber weiter staatlich versorgt, orientiert am hohen Anspruch des Sozialstaates. Doch der Wind hat sich auch in Schweden gedreht.

Felipe Estrada, Kriminologieprofessor in Stockholm, glaubt zu wissen, warum: „Die Medien räumen Verbrechen und Übergriffen, an denen Flüchtlinge beteiligt sind, überproportional viel Aufmerksamkeit ein.“ Thomas Wallberg, Chef einer nationalen Überwachungseinheit der Polizei, sieht es ähnlich: „Gerade mal ein Prozent aller Polizeieinsätze steht im Zusammenhang mit Flüchtlingen.“ Er kann es so genau sagen,weil die Polizei alle Fälle, in denen Flüchtlinge involviert sind, mit einem umstrittenen Code registriert. In der Öffentlichkeit aber werden vor allem Ereignisse wie diese wahrgenommen:

Ausgiebig berichteten die Medien über sexuelle Übergriffe durch Flüchtlinge zu Silvester und auf Musikfestivals. Das zweitägige Festival „Putte i Parken“ im vergangenen Sommer sorgte im feministisch geprägten Schweden für viel Aufsehen. Trotz Erhöhung der Polizeipräsenz und massenhaft verteilter Anti-Groping-Armbändchen, die den solidarischen Widerstand der Festivalbesucher gegen sexuelle Übergriffe symbolisieren sollten, gab es 35 angezeigte Belästigungen. „Erst schubsten sie uns an die Bühne. Als wir uns wehren wollten, drohten sie“, erzählt etwa die 17-jährige Alexandra Larsson.

Zwei furchtbare Verbrechen sorgten für Entsetzen. Ein abgelehnter Asylbewerber ermordete im Sommer 2015 eine Mutter und ihren Sohn bei Ikea in Västeras mit einem Messer. Auch die Ermordung einer jungen Asylheimhelferin durch einen 15-Jährigen aus Nordafrika im Januar 2016 erregte die Gemüter.

Eine Schule für alle: Kinder der Klasse 5a in Hällefors Quelle: privat

Und doch: Es sind Einzelfälle. Kriminologe Estrada betont es immer wieder: „Ein Prozent in der Statistik bedeutet, dass 99 Prozent von dem, was die Polizei bearbeitet, nichts mit Neuangekommenen zu tun hat.“ Das Bild von den Flüchtlingen hat das eine Prozent aber bei einer großen und wachsenden Minderheit in Schweden nachhaltig verschlechtert.

Eine große Umfrage kurz nach der dramatischsten Phase der Flüchtlingskrise im September 2015 zeigte, dass 44 Prozent der Schweden sogar noch mehr Flüchtlinge aufnehmen wollten, 20 Prozent fanden, die Flüchtlingspolitik sollte unverändert bleiben. Die Situation wurde Ende 2015 jedoch organisatorisch so schwierig, dass die Einwanderungsbehörde sich völlig überfordert fühlte. „Wir können unserem Auftrag nicht mehr nachkommen“, warnte Åsa Lindberg vom Migrationsamt Ende 2015.

Rechtspopulisten auf dem Vormarsch

Zum Jahreswechsel kippte die Stimmung endgültig. 55 Prozent der Schweden plädierten für eine Aufnahmereduzierung. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) verdoppelten als einzige einwanderungskritische Partei ihren Stimmenanteil bei der Wahl auf mehr als 20 Prozent.

Die rot-grüne Regierung reagierte und schottet Schweden seitdem immer stärker ab. Grenzkontrollen nach Dänemark und Deutschland machen die Einreise für Papierlose fast unmöglich. Auch die Asylregeln wurden drastisch verschärft, Abschiebungen sollen schneller durchgeführt werden. Auch wird verstärkt geprüft, ob unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wirklich minderjährig sind. Inzwischen gibt es einen Rechtsruck in der Parteienlandschaft. Die größte bürgerliche Partei „Moderaterna“ hat sich kürzlich erstmals für eine Zusammenarbeit mit der SD ausgesprochen – und sie damit salonfähig gemacht.

Einen Großteil der Verantwortung, sagt Ola Ström aus Hällefors, tragen aber wohl auch die zweite und dritte Immigrantengeneration in Großstädten wie Malmö oder Göteborg.

Ende 2016 legte die Polizei einen Bericht vor, in dem 55 Stadtviertel als „kaum noch vom Staat kontrollierbar“ eingestuft wurden. Die Macht hielten lose Netzwerke von Clans, Banden und Drogenkartellen in der Hand. Inzwischen hat der Staat einen Großteil der Kontrolle zurückerobert. Aber der Schaden bleibt. „Solche Erfahrungen“, sagt Ola Ström, „haben viele Städte gespalten.“

Filmemacher Ami Horowitz selbst wundert sich übrigens im Fox-Interview, dass die Mehrheit der Schweden weiterhin für die Aufnahme von Flüchtlingen ist und viele Schweden stolz darauf bleiben, ihr Land als „humanitäre Supermacht“ zu bezeichnen.

Aber auch das entspricht nicht mehr uneingeschränkt der Wahrheit.

Von André Anwar und Susanne Iden

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