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Politik Hamburg, das Tor zur Wut
Nachrichten Politik Hamburg, das Tor zur Wut
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15:03 30.05.2017
Treffen unter Hochsicherheitsbedingungen: Der G-20-Schriftzug, umgeben von Natodraht. Quelle: GETTY
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Hamburg

Deutschlands zweitgrößte Metropole ist meistens gediegen und ein bisschen schläfrig. In fünf Wochen aber wird Hamburg die Stadt sein, die nicht mehr zur Ruhe kommt. Für drei heiße Tage im Juli sind Messehallen, Elbphilharmonie und das Millerntor-Stadion Hintergründe für Bilder, die um die ganze Welt gehen werden. Das weiß man schon jetzt.

Die Bundesregierung hat entschieden, den G-20-Gipfel der wichtigsten Industrienationen mitten in eine Großstadt zu setzen, nicht wie die letzten G-8- und G-7-Treffen in die Abgeschiedenheit der Ostsee (Heiligendamm 2007) oder der Alpen (Elmau 2015). Und nicht nur das: Die Messehallen als Haupttagungsort grenzen direkt an Hamburgs linksalternative Kieze Schanzenviertel, Karoviertel und St. Pauli. Trump und Putin, Merkel und Erdogan besetzen das Wohnzimmer ihrer militanten Kritiker. Mehr Provokation geht nicht.

Ein Drittel will die Stadt verlassen

Doch auch anderswo in der Stadt finden viele, dass dieser Gipfel ihnen und Hamburg gestohlen bleiben könnte. Drei Viertel der Hamburger können dem Treffen in ihrer Stadt nichts Gutes abgewinnen, hat das „Abendblatt“ per Umfrage ermittelt. Ein Drittel erwägt, die Stadt zu verlassen, allerdings beginnen die Sommerferien erst zwei Wochen später.

Gipfeltreffen sind – oder zumindest waren sie es vor Donald Trump – Anlass für demonstrative Einigkeit und dekorative Gruppenfotos. Statt des Alpenpanoramas von Elmau sollen nun die Hafenkräne im Hintergrund leuchten.

Aber nicht nur die G 20 setzen auf die Macht der Bilder, ihre Gegner tun dies genauso.

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Hamburg bereitet sich auf Auseinandersetzungen vor. Wer führt den Protest?

Emily Laquer vom Bündnis Interventionistische Linke sagt ganz offen: „Das ist unser PR-Termin, den die sozialen Bewegungen für gemeinsamen Protest nutzen werden. Am Ende des Tages wird man in der „Tagesschau“ sehen, wie geil die globale Linke ist.“

Im wegen der Sommerpause verwaisten Millerntor-Stadion des FC St. Pauli stehen Christian Klamar und Florian Ernst von der Herrenfußballabteilung und befürchten, dass die Bilder in der „Tagesschau“ dann doch alles andere als geil sein werden. „99 Prozent der Protestierer sind bestimmt friedlich. Aber die Stadt und die Medien tun so, als ob jeder, der hierherkommt, Steine in der Tasche und einen Molotowcocktail hat. Ich hoffe, dass vom Protest andere Bilder um die Welt gehen als Flammen und Rauch.“

Fußball gegen die Politik

Ernst, 42 Jahre alt, spielt bei den dritten Senioren und ist Kassenwart der Amateurabteilung. Klamar, 41, vierte Herren, ist der 1. Vorsitzende. Gleich neben dem Stadion von Hamburgs wichtigstem innerstädtischen Verein, auf dem Heiligengeistfeld, soll am 8. Juli die Großdemonstration, zu der neben Attac und dem Linkspartei-Abgeordneten Jan van Aken auch Emily Laqeurs Gruppe aufruft, ihren Endpunkt finden. Zumindest wollen die Veranstalter das vor Gericht durchsetzen. Die Stadt möchte mehr Puffer zwischen der Demo und der „roten Zone“ rund um die Messehallen. Die Polizei befürchtet schwere Krawalle und den Versuch, das Sperrgebiet zu stürmen.

Wie auch immer der Streit vor Gericht ausgeht: Voll wird es rund ums Stadion an diesen Tagen ohnehin. Klamar und Ernst setzen gegen den Gipfel und die ganze Aufregung schlicht und einfach ein internationales Fußballturnier („Football vs. G 20“) auf den Kunstrasenplätzen hinterm Stadion – und den Versuch einer Ruhezone. „Wir lassen uns durch diesen völlig absurden Gipfel nicht alles verbieten und vorschreiben“, sagt Klamar. „Unser Turnier ist keine Provokation, sondern ein Angebot für die vielen Leute, die hier herumlaufen werden. Wir bieten eine geschützte Zone, wo Leute auch mal runterkommen können, ihr Handy laden, sich von der Volksküche bekochen lassen können.“

Mit Ruhe hat Johnny Mauser nichts am Hut. Der selbst ernannte „Zeckenrapper“ aus dem Umfeld des Subkulturzentrums Rote Flora hat einen wütenden Videoclip ins Netz gestellt. Zehntausende haben ihn bereits auf Youtube abgerufen. Schnelle Schnitte, Hip-Hop über treibendem Beat, Rapper mit Sonnenbrillen und Hasskappen und ein alter Wasserwerfer, der schon seit Jahren im Fanumfeld vom Millerntor herumkurvt. Der Clip hat die Chance, zur Hymne der heißen Tage im Norden zu werden: „Gipfel des Wahnsinns, Messehallen, wo die Knüppel dir wahrscheinlich in die Fresse knallen/ Doch wir schießen zurück für die Liebe, das Leben, 100.000 Verrückte.“ Und ein Stück weiter: „Alleine wegen Erdogan, dem Bastard, kommt jeder nach Hamburg, der keinen Schiss vor dem Knast hat.“

Geschätzte 25.000 türkischstämmige und 15.000 kurdischstämmige Erdogan-Gegner werden zur Abschlusskundgebung erwartet, dazu mehrere Tausend Autonome. Frage an Emily Laquer: Wie will sie verhindern, dass es da zu Gewalt kommt? Und warum distanziert sie sich nicht von Krawallmachern?

Distanz? Nur, wenn die anderen sich auch distanzieren

Die 30-Jährige hat beide Fragen in den vergangenen Wochen oft genug gehört und sich eine Antwort zurechtgelegt, die den Ball sofort wieder zurückspielt: „Solange sich Angela Merkel nicht von Putin, Erdogan und Trump distanziert, distanzier’ ich mich von niemandem. Wir wollen eine breite linke Position aufbauen und das heißt in Hamburg, auch mit Autonomen zusammenzuarbeiten. Schwarz gehört zu bunt. Wir haben eine gemeinsame Absprache gefunden, mit allen Gruppen, auch mit dem „Schwarzen Block“. Niemand will, dass es eskaliert. Niemand will, dass die Löcher aus dem Käse fliegen.“ Laquer bewirbt übrigens das Johnny-Mauser-Video auf Twitter mit dem Satz: „Schaut euch diese Babes an!“

Die Leipziger Politikstudentin Laquer entstammt der „Generation Heiligendamm“. Die Proteste gegen den G-8-Gipfel am mecklenburgischen Ostseestrand vor zehn Jahren haben sie geprägt. Damals hieß ihr Slogan: „Eine andere Welt ist möglich.“ Das war gegen die Vorherrschaft der Finanzmärkte gerichtet, die nur ein Jahr später zusammenbrachen. Und „Alternative“ ist heute der Vorname einer Rechtspartei. „Jetzt müssen wir als Linke wieder in die Offensive gehen“, fordert Laquer. „Ich hoffe auf einen neuen linken Aufbruch in all unserer Vielfältigkeit. Der Gipfel als Konjunkturprogramm, auch für den Protest. Das Ziel der „interventionistischen Linken“ ist es, die Zufahrtswege zum Tagungsort zu blockieren und dafür auch „Polizeiketten zu umfließen“. Das Ziel sei erreicht, sagt Laquer, „wenn die sich in den Messehallen wie im Kessel fühlen. Wir wissen, wie unangenehm es ist, im Polizeikessel festzustecken. Dieses Gefühl wollen wir umdrehen.“

Während die Demonstranten und Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) seit Wochen ausdauernde verbale Scharmützel führen, hält sich Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) meist im Hintergrund. Nicht er, sondern Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird Gastgeber sein, nicht er, sondern Merkel, hat sich Hamburg als Veranstaltungsort ausgesucht.

In kleiner Runde entfährt dem Macher Scholz manchmal ein Seufzer, mit dem er sein äußerstes Unverständnis über die ganze Aufregung ausdrückt. So einen Gipfel kann man einfach mal machen! Auch öffentlich strahlt Scholz vor allem Ruhe aus: „Wir haben viel Erfahrung mit Großveranstaltungen und sind eine weltoffene Stadt, das wird funktionieren. Natürlich wird es Einschränkungen für die Bürgerinnen und Bürger geben – aber die sind nachvollziehbar.“ Und im Gegensatz zu China oder der Türkei sei es im weltoffenen Hamburg eben möglich, „zu demonstrieren und seine abweichende Meinung zu artikulieren. Unsere Polizei wird sicherstellen, dass beides funktioniert: der Gipfel und friedliche Kundgebungen.“

Willkommen in der Hölle!

Bis zu 20.000 Polizisten sollen an den Gipfeltagen im Einsatz sein. Die Zusatzkosten übernimmt der Bund. Hamburgs Polizei bekommt Jetskis, mit denen sie flinker durch die Fleete rasen kann als mit den schwerfälligen Polizeibooten.

Donald Trump verursacht allerdings weiteren Aufwand: Weil der US-Präsident in Berlin absteigt und mit dem Helikopter nach Hamburg einschwebt, müssen in der Hauptstadt noch einmal Tausende Sicherheitskräfte eingesetzt werden.

Zurück zum Millerntor: St.-Pauli-Präsident Oke Göttlich gönnt sich einen Mate auf der Sonnenterrasse des Vereinsheims. Für ihn ist der Protest eine tägliche Gratwanderung: Der Slogan „Welcome to Hell“, über den Johnny Mauser rappt, stammt aus der Fanszene, der Klub muss vorsichtiger agieren. Der Ballsaal im Stadion ist an das alternative Medienzentrum vermietet, die Amateure bekommen alle Unterstützung für ihr Kunstrasenturnier. Göttlich selbst aber hat sich beim Verein „Haltung. Hamburg“ engagiert, der den „bürgerlichen Protest“ kanalisieren will; vielen Fans aber gilt er als CDU-nah und kompromisslerisch. Eigentlich könnte es alles so einfach sein, sagt Göttlich: „Uns geht es um eine kritische Begleitung des Gipfels.“ Und dafür ist St. Pauli eigentlich gar kein schlechter Ort.

Von Jan Sternberg

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