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Nachrichten Politik Glühwein gegen die Angst
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21:14 21.12.2016
Quelle: imago
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Berlin

Es muss mehr als bloß ein Deutschland geben. Zu diesem Schluss dürfte gelangen, wer den Versuch unternimmt, anhand der Berichte über den Anschlag in Berlin auf die Gemütslage des Landes zu schließen. Die einen attestierten dem Land eine tief sitzende „Angst!“ („Bild“), andere loben die Bürger für ihre Gelassenheit oder auch dafür, dass sie sich „maximal unbeeindruckt“ („Spiegel Online“) zeigen vom blutigen Montag. Ja, was denn nun?

Es ist unmöglich, die Stimmung eines Landes oder auch nur einer Stadt in einem einzigen Wort zu bündeln. Ein jeder kann sich selbst nach den Folgen der Schreckenstat vom Breitscheidplatz für die eigene Gemütslage befragen. Die Antwort mag nicht repräsentativ sein. Ehrlich ist sie allemal.

Die Stimmung im Land hängt ab vom Standpunkt des Betrachters. Hört man sich dieser Tage etwa auf Weihnachtsmärkten um, wird man schnell Zeuge von heroischem Trotz. „Jetzt erst recht“, heißt es in Glühweinrunden, bevor dann ein „Prost“ des Protests folgt. Wen man auf Weihnachtsmärkten naturgemäß jedoch nicht antrifft, sind Menschen, die sich nicht mehr dorthin trauen. Jene, die jetzt Menschenansammlungen meiden und nach einem Jahr mit vielen Anschlägen in Europa sorgenvoll in ihre und die Zukunft ihrer Kinder blicken. Bloß weil Angst nicht laut und sichtbar ist, heißt es nicht, dass sie nicht existiert.

An Indizien der Angst fehlt es nicht. So sind die Anträge auf „Kleine Waffenscheine“ in den vergangenen Monaten enorm gestiegen. Vertreiber von Überwachungskameras rechnen für dieses Jahr fest mit einem Rekordgewinn. Und Pfefferspray kann man inzwischen im Drogeriemarkt um die Ecke kaufen. Die Sorglosigkeit früherer Tage ist verflogen.

Umso mehr mag es vielleicht erstaunen, dass trotz des fortwährenden Näherrückens von Terror der Alltag für die meisten Menschen weitergeht, als sei nichts geschehen. Aber was wäre denn die Alternative: Notstand? Panik? Hamsterkäufe? Das wäre grotesk angesichts der mehr oder weniger behüteten Lebenswirklichkeit der meisten Deutschen.

Hinzu kommt, dass sich inzwischen eine Routine im Umgang mit dem Terror eingeschlichen hat. Gewiss keine Routine im Erleben von Terror, aber doch in seiner medial vermittelten Wahrnehmung. Reporter am Tatort, Experten im Studio, Staatschefs hinter Stehpulten, Flaggen auf halbmast, Blumen, Kerzen, Teddybären – die immer wieder gleiche Bildersprache dämpft den Schock. Und wer den Fernseher ausschaltet oder vom Smartphone aufschaut, spürt die Kluft zwischen dem Drama der Bilder und dem überschaubaren Risiko, das das eigene Leben bereithält.

Doch ebendiese Kluft ist der perfekte Nährboden für diffuse Ängste. Dagegen hilft wohl nur Statistik: Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist sehr, sehr gering.

Von RND/Marina Kormbaki

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