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05:00 28.11.2017
Bernhard Rohleder, Bitkom Quelle: Bitkom
Berlin

Herr Rohleder, Sie sind Digitalexperte. Wo steht Deutschland bei der Digitalisierung?

In der Verwaltung beobachten wir ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten. Der Bund ist relativ weit. Aber einzelne Ressorts arbeiten noch zu oft gegeneinander. Das Auswärtige Amt pocht beispielsweise besonders stark auf seine Selbständigkeit und verfolgt ein eigenes Konzept. Dann haben die Länder ein anderes Tempo als der Bund und die Kommunen sowieso. Wir haben in Deutschland 11 000 Kommunen, und viele versuchen das IT-Rad neu zu erfinden. Der Föderalismus behindert an allen Ecken und Enden den digitalen Fortschritt. Andere machen das besser. Österreich ist auch föderal aufgestellt, hat es aber hinbekommen, innerhalb weniger Jahre von den hinteren Rängen auf Platz 1 zu preschen. Österreich hat mit Estland den erfolgreichsten digitalisierten Staats- und Verwaltungsapparat Europas. Die haben ein klares Ziel festgelegt, ausgearbeitet, was sie dafür tun müssen – und es durchgesetzt.

Warum geht das in Deutschland nicht?

Ein Beispiel: Bei uns ist geregelt, dass viele Schriftstücke, Verträge, Urkunden schriftlich erstellt und handschriftlich unterzeichnet sein müssen. Für alles und jedes muss man persönlich im Amt erscheinen. Solange das nicht komplett abgeschafft wird, bleibt in der Verwaltung alles wie es ist. Immerhin: Das Problem ist erkannt. Und ich hoffe, dass die nächste Bundesregierung daran arbeiten wird.

Welche Lösungen sind vordringlich, damit Deutschland nicht den Anschluss verliert?

Digitale Infrastruktur bedeutet mehr als Breitband. Es geht um die Digitalisierung aller Versorgungssysteme, vor allem der Energienetze und der Verkehrsnetze. Wir brauchen Bits statt Beton. Beispiel: Wir haben keine flächendeckende Ladestellen-Infrastruktur für E-Autos. Ohne Ladestellen keine E-Mobility. Die Ladestellen-Infrastruktur müssen wir gemeinsam mit Breitband und intelligenten Stromnetzen planen und aufbauen. Wenn also eine Straße aufgerissen werden muss, dann doch bitte nur einmal.

Benötigt Deutschland ein Digital-Ministerium?

Nein, das würde die Fachressorts entkernen. Wir treten für einen starken Staatsminister im Kanzleramt ein, der die Aufgabe verantwortet, alles zu bündeln, was mit dem Querschnittsthema Digitalisierung zu tun hat. Jemand, der das Recht hat, in jedes Gesetzesvorhaben mit einem Digitalvorbehalt einzugreifen und jemand, der die dafür nötigen personellen und finanziellen Ressourcen besitzt.

Das wird im Bildungsbereich schwierig. Bildung ist doch Ländersache.

Ja, da stehen wir uns schon lange selbst im Weg. Ich finde, Bund und Länder sollten eine Kommission unabhängiger Experten einsetzen, die das komplette Bildungswesen auf den Prüfstand stellt. Und auch die verteilten Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Schulträgern kritisch hinterfragt. Wir müssen im Bildungsbereich bundesweit auf ein einheitlich hohes Niveau kommen. Es kann nicht sein, dass der Schwächste den Taktstock schwingt.

Liegt es am Geld?

Ich finde nicht. Für die Digitalisierung in den Schulen liegen 5 Milliarden Euro im Topf des Bundesbildungsministeriums. Das sind 125.000 Euro pro Schule. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Muss heute auf jeder Schulbank ein Desktop-PC stehen, obwohl leistungsfähige Tablets schon für 100 Euro zu bekommen sind? Ich finde es sinnvoll, ein Teil des vorhandenen Geldes zur Etablierung einer Bildung-Cloud einzusetzen, um dort Lehr- und Lerninhalte zu hinterlegen, die von allen Plattformen und Geräten aus erreichbar sind. Zusammen mit einem Gigabit-Anschluss jeder Schule würde man mit dem Geld des Bundes ziemlich weit kommen. Das Problem ist nur, dass sich die Länder einer Bildungs-Cloud des Bundes nicht anschließen wollen. Da will dann jedes seine eigene haben. Weil Schule eben Ländersache ist.

Eine derartige Cloud enthielte eine Menge interessanter Daten über Vorlieben und das Können von Schülern, die Internetkonzerne gern hätten…

Das stimmt, aber der Cloud-Zugang und die enthaltenen Daten lassen sich verschlüsseln und gut schützen. Das ist meine geringste Sorge. Denn was fehlt, ist der explizite Wille von Bund, Ländern, Schulträgern und der Lehrerschaft, eine Cloud-Lösung überhaupt anzunehmen.

Nicht jeder Schüler besitzt ein Smartphone.

Schon rund 70 Prozent der 10- und 11-Jährigen gehen damit um. Für die, deren Eltern sich solch ein Gerät nicht leisten können, muss der Staat sorgen. Das muss er leisten. Der Druck, in den Schulen zu arbeiten wie man es von zu Hause gewöhnt ist, wird steigen. Er kommt von den Schülern selbst, den Eltern und letztlich auch von der sich verjüngenden Lehrerschaft.

Der Breitbandausbau kommt vor allem in ländlichen Gebieten kaum oder nur schleppend voran. Für Anbieter wie die Telekom rechnen sich Gebiete mit wenigen Anschlüssen nicht. Wie kann man hier weiterkommen?

Ich finde, die Diskussion ist zu sehr auf das sehr leistungsfähige, aber auch kostspielige Glasfaserangebot verengt. Der komplette Ausbau dieser Netzinfrastruktur würde bedeuten, rund eine Million Kilometer Glasfaser zu verlegen. In einem Rutsch funktioniert das ohnehin nicht. Wir können nicht von heute auf morgen alle Straßen aufreißen, Vorgärten aufgraben und in den Häusern Schlitze klopfen. Es ist auch kaum zu erwarten, dass der Bedarf in dem Ausmaß steigt, dass sich Glasfaser überall für private und geschäftliche Kunden rechnet. Viele Machine-to-Machine-Anwendungen, beispielsweise im Automobilbereich, benötigen ohnehin Mobilfunk- statt Festnetzanschlüsse. Durch die neuen Standards in der Funktechnologie können zum Beispiel Autos untereinander in Echtzeit kommunizieren. Dafür brauche ich den neuen Mobilfunk mit 5G, nicht die Glasfaser. Ich werbe für einen Infrastruktur-Wettbewerb mit einem sinnvollen Technologiemix. Das Ziel muss Gigabit für alle bis 2025 sein.

Hat denn die Wirtschaft den digitalen Anschluss gefunden?

Den Internetboom haben wir verschlafen und die Marktführerschaft in der Kommunikationstechnik verloren. Es gibt aber sensationelle Ansätze beim 3D-Druck oder der Anwendung künstlicher Intelligenz im Bereich der automobilen Zulieferer. Firmen wie Continental oder ZF werden mobile Module anbieten, um Autos zu intelligenten autonomen Fahrzeugen zu machen. Wenn wir das gut anpacken, kann Deutschland doch noch zu einem richtig guten Digital-Standort heranwachsen. Ich habe nur Sorge, ob der Mittelstand dem Tempo folgen kann. Er ist derzeit so gut ausgelastet und sucht händeringend nach Fachkräften, dass alle Management-Ressourcen darauf verwendet werden, die heutigen Aufträge abarbeiten zu können. An übermorgen denken noch zu wenige. Übermorgen aber ist alles digital.

Digitalisierung hat, zum Beispiel im Bankenbereich, schon eine Menge Jobs vernichtet. Verstehen Sie die Ängste bei Arbeitnehmern davor?

Klar. Aber Unternehmen, die langfristiger denken, haben auch Angebote für diese Mitarbeiter. Durch die Digitalisierung entstehen ja auch neue Jobmöglichkeiten in den Firmen. Optiker zum Beispiel werden künftig mit 3D-Druckern Brillen herstellen und nicht nur Ware von der Stange verkaufen. Dafür braucht man Leute.

Glauben Sie, dass sich für jeden ein Ersatzangebot findet?

Wir werden in Zukunft mehr Jobs als Leute haben. Wenn wir die Digitalisierung richtig anpacken. Ob für jeden etwas dabei ist? Ich weiß nicht. Wer sich digital fit macht und fit hält, dem wird in der digitalen Arbeitswelt der rote Teppich ausgerollt.

Von Thoralf Cleven / RND

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