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Politik „Klimaschutz ist die Überlebensfrage der Menschheit“
Nachrichten Politik „Klimaschutz ist die Überlebensfrage der Menschheit“
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07:19 03.12.2018
„Wir können so tun, als bekämen wir von den katastrophalen Folgen des Klimawandels nichts mit. Aber nichts würde dadurch besser“: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, CSU. Quelle: Ute Grabowsky / Photothek.net
Berlin

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) vertritt am Montag gemeinsam mit Bundesumweltministerin Svenja Schulze Deutschland zum Start der 24. UN-Klimakonferenz in Polen.

Herr Minister, die Bundesregierung wollte mit einem Ausstiegsdatum aus der Kohle zur UN-Klimakonferenz nach Kattowitz reisen, doch daraus wird nichts. Enttäuscht Sie das?

Die Kohlekommission hat eine große Aufgabe, sie muss auch die Arbeitsplätze berücksichtigen. Auch ohne konkretes Datum für den Kohleausstieg wird Deutschland in Kattowitz ein starkes Signal aussenden. Gemeinsam mit Umweltministerin Schulze vertrete ich die Bundesregierung. Ich werde dort die „Allianz für Entwicklung und Klima“ starten. Eine Initiative, um zusätzliche private Investitionen für Klimaschutzprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern zu gewinnen. Bereits über 70 Firmen und Verbände machen mit. Und wir verdoppeln unseren Beitrag zum Grünen Klimafonds der Vereinten Nationen und investieren weitere 1,5 Milliarden Euro in den internationalen Klimaschutz

Aber kann Deutschland, das ja das Klimaziel für 2020 verfehlt, noch Vorbild sein?

Ich bin sicher, dass wir unseren Rückstand bei der CO2-Einsparung aufholen werden – das ist auch ein Gebot der Verantwortung und der Solidarität. Die globalen Treibhausgasemissionen sind auf einem Rekordhoch, und sie steigen weiter. Die reichsten zehn Prozent der Welt sind für 50 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Auch Schwellenländer wie China und Indonesien belasten das Klima erheblich. Von den Folgen sind am stärksten die armen Länder mit den niedrigsten Emissionen betroffen. Entwicklungsländer wie Bangladesch, Somalia und Äthiopien tragen fast null Prozent zur Erderwärmung bei. Dort hat der Klimawandel aber dramatische Auswirkungen. Klimapolitik ist daher immer auch Entwicklungspolitik. 

Klingt so, als wollten sie den Klimaschutz an andere delegieren.

Wir werden das Klima nicht in Deutschland retten. Wir müssen international denken und handeln – und so Vorreiter sein. Klimapolitik heißt, in Entwicklungs- und Schwellenländer investieren. Afrika, Brasilien, Indien und China: Der Klimaschutz entscheidet sich maßgeblich dort.  

Warum dort?

Die Bevölkerung Afrikas und Indiens wird in den nächsten 30 Jahren auf vier Milliarden Menschen anwachsen. Hunderte Millionen Afrikaner haben aber bislang noch gar keinen Strom. Wenn zukünftig jeder Haushalt einen Stromanschluss auf der Basis von Kohle bekommt, müssten 1.000 neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Das hält der Planet nicht aus. Anstatt mit Kohle müssen die Entwicklungsländer ihren Energiehunger mit Erneuerbaren Energien stillen. 

Das können Sie ihnen ja nicht vorschreiben.

Natürlich nicht. Wir können ihnen aber helfen, Entwicklungssprünge auszulösen. Wir haben die Technologie und das Wissen dazu. Jeder Deutsche emittiert zehn Tonnen CO2 pro Jahr. Afrikaner kommen bislang auf ein Zehntel. Die Bevölkerung Afrikas wird sich bis 2050 auf dann 2,5 Milliarden verdoppeln. Verkehr, Bau, Industrie – alles wird zunehmen. Die Treibhausgase werden nicht sinken, sondern massiv ansteigen. Deswegen müssen wir mit klimafreundlichen Zukunftstechnologien Afrika zum grünen Kontinent machen.

Ist der Klimawandel eine Fluchtursache?

Ja. Wir in Deutschland hatten einen heißen Sommer. An der äthiopisch-somalischen Grenze traf ich Menschen, die ihre Heimat verließen, weil es dort drei Jahre lang nicht geregnet hat. 20 Millionen Menschen mussten bereits aus Hitze- und Dürreregionen fliehen, weil sie ihre Lebensgrundlage verloren haben. In den nächsten 20 Jahren könnten es möglicherweise bis zu 100 Millionen werden. Wir können so tun, als bekämen wir von den katastrophalen Folgen des Klimawandels nichts mit. Aber nichts würde dadurch besser. 

Also ist Klimawandel ein Asylgrund? Was halten Sie vom Vorschlag der Grünen, Klimaflüchtlingen einen Pass auszustellen und sie in jene Länder übersiedeln zu lassen, die für den Klimawandel verantwortlich sind?

Wir müssen an den Ursachen ansetzen. Ein junger Äthiopier sehnt sich doch nach einer sicheren Zukunft für sich und seine Familie in seiner Heimat. Also unterstützen wir die Äthiopier, dass sie trockene Böden wieder bewirtschaften können. Unser Ziel muss sein, dass die Menschen da weiter leben können, wo sie zu Hause sind. 

Was ist mit Kiribati und anderen vom steigenden Meeresspiegel bedrohten Inselstaaten?

Hier zeigt sich am deutlichsten: Der Klimaschutz ist die Überlebensfrage der Menschheit. Die Erde wird mit drei, vier Grad plus zurechtkommen. Menschliches Leben, wie wir es kennen, wird dann kaum mehr möglich sein. 

Sie sagen, Klimaschutz fängt im Privaten an. Was trägt der Privatmann Gerd Müller bei?

Zum Beispiel morgens beim Haarewaschen: Ich verwende kein Shampoo, das Palmöl aus nicht zertifiziertem Anbau enthält. In Indonesien brennen die Regenwälder für solche Palmölplantagen. Die EU muss endlich handeln: es sollte nur noch nachhaltiges Palmöl eingeführt werden, für das kein Wald abgeholzt wurde. Das gilt auch für Sojaimporte aus Brasilien. Es muss endlich Schluss sein mit der Regenwald-Abholzung für möglichst billige Konsumprodukte.  

Und ihr Ministerium – ist das besonders umweltfreundlich?

Das Bundesentwicklungsministerium wird bis 2020 klimaneutral sein. Jede Tonne CO2, die wir dann verbrauchen, kompensieren wir, etwa durch Aufforstung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wir sind damit Vorreiter in der Bundesregierung, die anstrebt bis 2030 klimaneutral zu werden.

Von Marina Kormbaki/RND

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