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„Geht da noch was?”

Wahlarena mit Martin Schulz „Geht da noch was?”

Es ist der letzte große Fernsehauftritt vor der Wahl: 75 Minuten lang stellt sich Martin Schulz im ARD-Studio den Fragen der Zuschauer. Es ist seine letzte Chance, unentschlossene Wähler für sich zu gewinnen. Nutzt er sie?

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in der ARD-Wahlarena.
 

Quelle: dpa

Berlin.  Die stärkste Szene des Abends kommt am Schluss. Seit über einer Stunde schon läuft die ARD-Wahlarena, jenes Format, bei dem Zuschauer ihre Fragen an Spitzenpolitiker richten. Die Ausgabe mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist recht gemächlich vor sich hingeplätschert, als sich eine zornige Frau aus Lübeck meldet. Sie erzählt von ihrem Mann, der trotz Krebserkrankung und Schwerstbehinderung weiterarbeiten müsse, um über die Runden zu kommen. Und von ihrem Schwiegersohn, der wegen einer anderen Erkrankung durch das soziale Raster gefallen sei. Sie redet sich in Rage. “Wir sollen immer schön arbeiten, einzahlen und gesund bleiben”, sagt sie. “Hauptsache wir parieren – dann ist alles gut.”

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SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz steht in der Wahlarena in Lübeck (Schleswig-Holstein). Knapp eine Woche vor der Bundestagswahl stellt sich Schulz den Fragen der 150 repräsentativ ausgewählte Bürger. Die Bilder aus dem Studio.

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Martin Schulz hält eine Sekunde inne - was soll er jetzt bloß sagen? Er kennt diese Frau nicht, weiß nicht, wie sich die von ihr geschilderten Fälle im Einzelnen verhalten. Und selbst wenn er es wüsste, könnte er kaum etwas Konkretes versprechen. Doch die Frau will jetzt eine Antwort von ihm hören, ungeduldig rutscht sie auf ihrem Platz hin und her. “Sie müssen mir das jetzt einfach mal glauben”, sagt Schulz. “Sie sind mir nicht egal.” Und da, plötzlich – ein Lächeln.

Die Unentschiedenen sind die letzte Chance der SPD

Schulz lächelt auch – er weiß, die Frau hat er überzeugt. Sie wird ihm wohl seine Stimme geben am 24. September. Darum geht es ihm jetzt. Um jede einzelne Stimme. Er sagt es gleich mehrfach an diesem Abend. “Da habe ich einen Rat für Sie: Wählen sie am 24. September die SPD.”

Es ist die letzte Hoffnung der Genossen. Bei den Unentschlossenen zu punkten, die Stimmen derer zu gewinnen, die sich noch nicht entschieden haben. Deshalb sind Formate wie das am Montagabend zur besten Sendezeit im Ersten so wichtig für den Kanzlerkandidaten. Nirgendwo sonst kann er auf den letzten Metern des Wahlkampfes in so kurzer Zeit so viele Menschen erreichen.

„Da kann ich nix für sie machen”

Nicht immer allerdings fällt das so leicht, wie bei der Frau aus Lübeck. Manchmal findet Schulz die passenden Worte nicht, manchmal stehen im SPD-Programm nicht die passenden Antworten. Etwa als eine junge Frau nach bezahlbarem Wohnraum fragt. Schulz holt weit aus, redet über “Obergrenzen für Mieten”, mehr geförderten Wohnungsbau, zusätzliche Sozialwohnungen. Doch die Frau ist nicht überzeugt, ihr geht es um etwas anderes. Ob die SPD denn auch die Grunderwerbssteuer abschaffen wolle?

Wäre Schulz jetzt ehrlich, müsste er sagen, dass eine solche Forderung im SPD-Wahlprogramm nicht vorkommt. Stattdessen fragt er, ob die Frau Kinder hat. Dann könnte sie von dem Familien-Baugeld profitieren, das die SPD einführen will. Das Konzept ist kompliziert, die Höhe des Zuschusses soll von der Zahl der Kinder und dem Einkommen der Eltern abhängen. Für einen schnellen Treffer in einer Live-Sendung ist das kein besonders geeignetes Thema. Schulz kommt deshalb schnell wieder zu den Mieten zurück – und ist sichtbar erleichtert, als der nächste Frager an der Reihe ist.

Ein Zuschauer will ein Arbeitslosengeld E einführen, wobei das “E” für Ehrenamt stehen soll. Im Grunde ist das nur ein anderer Name für das bedingungslose Grundeinkommen, das Schulz und seine SPD nicht wollen. “Da kann ich nix für sie machen”, sagt Schulz. “Ich lehne das ab.”

„So etwas wie das hier, müssten Bundeskanzler einmal im Monat machen”

Auch die Evergreens in diesem Wahlkampf kommen dran: Die Flüchtlingskrise, das Musterfeststellungsklagegesetz, die Pflege. Und natürlich: Würselen. Viele nervt es inzwischen, wenn der Kanzlerkandidat aus seiner Zeit als Bürgermeister in der rheinischen Kleinstadt berichtet. An diesem Abend ist der Exkurs unfreiwillig komisch. Ein Beschäftigter der Stadtreinigung hat von negativen Erfahrungen mit Flüchtlingen berichtet, die nicht genug Einsatz bei der Arbeit gezeigt hätten. “Ich war Bürgermeister von Würselen, ich weiß, wie es bei der Müllabfuhr abgeht”, sagt Schulz. Aha. “Wer zu uns kommt, und arbeiten kann, aber nicht will, dem müssen wir Stopp sagen”.

Schulz kommt gerade so richtig in Fahrt – da ist die Sendung schon wieder vorbei. “Darf ich noch einen Satz sagen”, fragt Schulz, und fährt trotz des “Nein” von WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich fort: “So etwas wie das hier, müssten Bundeskanzler einmal im Monat machen.”

Ob ihn der Satz noch mal einholt, wird sich in fünf Tagen entscheiden.

Von Andreas Niesmann/RND

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