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Politik Ex-Gesundheitsministerin Schmidt: „Ich will keine Gesellschaft, in der aussortiert wird.“
Nachrichten Politik Ex-Gesundheitsministerin Schmidt: „Ich will keine Gesellschaft, in der aussortiert wird.“
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05:00 11.04.2019
Die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt Quelle: Wolfgang Kumm/dpa
Berlin

Die frühere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ist seit 2012 Vorsitzende der Behindertenorganisation Lebenshilfe. Sie spricht sich dafür aus, dass der Bluttest auf Trisomie Kassenleistung wird – nennt aber Bedingungen.

Frau Schmidt, am Donnerstag beschäftigt sich der Bundestag in einer Orientierungsdebatte mit der Frage, ob der Bluttest auf Trisomie-21 Kassenleistung werden soll. Die von Ihnen geführte Organisation Lebenshilfe lehnt das ab. Werden Sie diese Position auch als Abgeordnete vertreten?

Ich bin strikt dagegen, dass der Bluttest allen Schwangeren als Regeluntersuchung auf Kassenkosten angeboten wird. Denn das sendet ein eindeutiges Signal aus: Kinder mit Down-Syndrom sind nicht erwünscht auf dieser Welt. Sie sind vermeidbar. Schauen Sie nach Dänemark: Dort wird seit einigen Jahren allen Schwangeren ein Screening mit Bluttest angeboten. Seitdem ist die Zahl der geborenen Kinder mit Trisomie eingebrochen. Ich will keine Gesellschaft, in der aussortiert wird.

Warnung vor einem Dammbruch

Aber ist es vertretbar, dass sich dann nur Gutverdiener den risikofreien Bluttest leisten können, während alle anderen lediglich die gefährliche Fruchtwasseruntersuchung zu Verfügung steht?

Stehen risikoärmere Untersuchungen zur Verfügung, müssen sie von der Krankenkasse bezahlt werden. Alles andere wäre unethisch. Was die Mehrheit in der Lebenshilfe ablehnt, sind Reihenuntersuchungen für alle Schwangeren. Das würde einen Dammbruch auslösen.

Allerdings ist der Eindruck entstanden, dass gerade Behindertenverbände generell dagegen sind, dass Bluttests auf genetische Abweichungen von den Kassen übernommen werden. Ist das falsch?

Die breite Mehrheit akzeptiert die Position, die auch ich vertrete. Ich kann allerdings auch diejenigen verstehen, die grundsätzlich gegen derartige Gentests sind. Es geht doch beim Trisomie-Test anders als bei anderen Untersuchungen in der Schwangerschaft nicht um die Abklärung einer Erkrankung, die man heilen kann. Das Down-Syndrom ist keine Krankheit und kein Leiden. Es ist lediglich eine genetische Abweichung. Niemand ist perfekt.

Auch der Gemeinsame Bundesausschuss von Kassen und Ärzten, der über die Leistungen der Krankenversicherung entscheidet, will den Bluttest nicht als Reihenuntersuchung, sondern nur im Fall von Risikoschwangerschaften. Sind die Kriterien dafür noch zeitgemäß?

Es ist medizinisch nicht mehr zu rechtfertigen, dass weiterhin jede Schwangerschaft ab 35 als Risikofall gilt. Da die Frauen immer später Kinder bekommen, bekäme ein Bluttest auf Kassenkosten somit durchaus den Charakter einer Reihenuntersuchung. Deshalb müssen die Kriterien für das Vorliegen einer Risikoschwangerschaft dringend überarbeitet werden. Denn man muss wissen: Auch der Bluttest ist nicht hundertprozentig zuverlässig. Je größer die Gruppe der untersuchten Frauen, desto mehr Fehlbefunde gibt es. Das ist deshalb ein Problem, weil dann zur Absicherung doch wieder eine Fruchtwasseruntersuchung vorgenommen wird.

Müssen die Beratungsangebote für Schwangere ebenfalls überarbeitet werden?

Heute ist nicht sichergestellt, dass alle Schwangeren umfassend aufgeklärt werden. Wichtig sind vor allem realistische Informationen, wie das Leben mit Down-Syndrom aussieht. Man muss dem weit verbreitete Klischee, es handele sich um etwas Leidvolles, das reale Leben entgegensetzen. Ich kenne keine Eltern, die sagen, das Kind wäre besser nicht geboren worden. Nein, hier gibt es Glück, Freude, Streit oder Tränen genauso wie in angeblich normalen Familien.

Kein Fraktionszwang

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, warnt vor „Empörungsdebatten“. Er meint, Menschen mit Behinderung genössen eine hohe Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Das gesellschaftliche Klima im Umgang mit Behinderung werde immer besser. Hat er nicht Recht?

Ich muss ihm widersprechen, leider. Das Klima wird wieder rauer, mit verursacht von der AfD, die zum Beispiel mit vermeintlich harmlosen parlamentarischen Anfragen gegen Behinderte hetzt. Und schauen Sie, welche Schmähungen die Klimaaktivistin Greta Thunberg wegen des Asperger-Syndroms erleiden muss.

Wie geht es nach der Orientierungsdebatte weiter?

Es wird wie bei anderen ethischen Debatten keinen Fraktionszwang geben, sondern sicherlich mehrere parteiübergreifende Gruppenanträge. Am Ende dürfte sich nach meiner Einschätzung eine Mehrheit dafür aussprechen, dass der Bluttest bei einer Risikoschwangerschaft Kassenleistung wird. Eines haben wir jetzt schon erreicht: Selten zuvor wurde so viel über das Leben mit Down-Syndrom gesprochen. Das hilft, Vorurteile abzubauen.

Lesen Sie auch: Ausschuss plädiert für Trisomie-Test als Kassenleistung

Von Timot Szent-Ivanyi/RND

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