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Politik Ein Volk in Geiselhaft
Nachrichten Politik Ein Volk in Geiselhaft
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16:56 10.11.2017
Die Opfer des Krieges im Jemen sind vor allem Kinder – Hunderttausende könnten verhungern. Quelle: Foto: Dpa
Tunis

Der im Jemen angezettelte Krieg entwickelt sich zu einem regionalpolitischen Desaster für Saudi-Arabien. Seit fast drei Jahren bombardieren die Saudis den südlichen Nachbarn in Grund und Boden, ohne ihren strategischen Zielen näher zu kommen. Im Gegenteil: Die weltweite Empörung über die humanitäre Katastrophe in dem bitterarmen Land wächst.

Am vergangenen Sonntag gelang es den Huthis erstmals, die 800 Kilometer entfernte saudi-arabische Hauptstadt Riad mit einer Langstreckenrakete zu beschießen, nachdem iranische Techniker offenbar die Zielgenauigkeit der Geschosse verbessert hatten. Die Rebellen aus Sanaa zu vertreiben, dieses Ziel haben die Militärplaner von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten trotz ihrer beispiellosen Hochrüstung aufgegeben. Die in der Nachbarprovinz Marib aufgebaute Bodenfront gegen die Hauptstadt bewegt sich seit über zwölf Monaten nicht mehr. In der Anfangsphase der Offensive waren gleich mehrere Dutzend Golf-Soldaten ums Leben gekommen, die meisten irrtümlich getötet durch Raketen der eigenen Luftwaffe.

Es ist der Kampf gegen das iranische Machtstreben

Seitdem nehmen Riad und Abu Dhabi im Kampf gegen das iranische Machtstreben immer mehr die jemenitische Zivilbevölkerung als Geiseln. Selbst der ursprünglich vom Königshaus unterstützte Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi steht nun selbst in Saudi-Arabien unter Hausarrest, weil er sich mit seinen beiden arabischen Kriegspatronen überworfen hat. Hadi warf den Vereinigten Arabischen Emiraten vor, sich im Südjemen und der Hafenstadt Aden wie eine Besatzungsmacht aufzuführen. Unter anderem soll das so genannte „Sparta vom Golf“ dort ein Dutzend geheimer Gefängnisse und Folterzentren unterhalten.

Abu Dhabi wiederum missfällt, dass Hadi nach wie vor Kontakte pflegt zu den jemenitischen Muslimbrüdern, der Al-Islah-Partei, die ebenfalls zu den entschiedenen Gegnern der Huthis gehört.

Fast flehentlich bat der saudische Botschafter im Jemen kürzlich die Huthis, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Mitte Oktober genehmigte der Königspalast einem russischen Ärzteteam den Flug nach Sanaa, um den jemenitischen Ex-Präsidenten Ali Abdullah Saleh zu operieren. Nachdem der 75-Jährige zuvor erstmals öffentlich mit seinen Huthi-Alliierten aneinander geraten war, hofft Riad offenbar, mit seiner Hilfe das blutige Drama beenden zu können.

UN verurteilen Übergriffe auf Kinder

Der UN-Menschenrechtsrat setzte Saudi-Arabien wegen der wahllosen Bombardierung von Schulen und Krankenhäusern auf die schwarze Liste für „schwere Übergriffe gegen Kinder in Konflikten“. Der UN-Sicherheitsrat verlangte am Mittwoch ultimativ, die vor fünf Tagen wegen der Rakete auf Riad verhängte Totalblockade des Jemen wieder aufzuheben. Denn zwei Drittel aller Lebensmittel und Medikamente für das zerrüttete Land am Südzipfel der Arabischen Halbinsel kommen über den jetzt gesperrten Hafen von Hodeida am Roten Meer. Alle Schiffe wurden aufgefordert, das Seegebiet sofort zu verlassen. Rund 11 000 Jemeniten sind seit Kriegsbeginn gestorben, davon 2200 an Cholera. Nach Angaben internationaler Hilfsorganisationen sind sieben Millionen der 27 Millionen Einwohner vom Hungertod bedroht. Deutschland verdoppelt jetzt seine Hilfe für die von Hunger, Krieg und Cholera bedrohten Kinder im Jemen. Das UN-Kinderhilfswerk (Unicef) werde für seine Arbeit im Jemen in diesem Jahr 20 Millionen Euro erhalten, berichtete die „Passauer Neue Presse“ unter Berufung auf das Entwicklungsministerium.

Al-Kaida profitiert von dem Fiasko

Von diesem Fiasko profitieren vor allem Al-Kaida und der „Islamische Staat“. Letztes Wochenende griffen Dschihadisten in Aden das Polizeipräsidium an, nahmen dutzende Beamte als Geiseln und befreiten 50 Gefangene, nachdem vier IS-Selbstmordattentäter den Weg freigebombt hatten. 24 Stunden später stürmten Sicherheitskräfte das besetzte Gebäude, 35 der Geiseln kamen dabei ums Leben.

Von Martin Gehlen / RND

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