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Politik Ein Koloss, der für Frieden stand
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19:40 16.06.2017
Helmut Kohl: Er zeigte einen Führungswillen, wie man ihn heute weltweit vergebens sucht. Quelle: imago/teutopress
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Hannover

Die Nachwelt wird Straßen und Plätze nach Helmut Kohl benennen. Als Roland Koch diesen Satz im Jahr 2000 aussprach, schüttelte es viele Deutsche. Es war die falsche Zeit, der falsche Redner. Gerade machte die Spendenaffäre Schlagzeilen. Heute, 17 Jahre später, ahnt jeder: Der Satz stimmt. Kohl hat als historische Figur kolossales Format. Wie bei einem riesigen Gemälde braucht man Abstand, um das Ganze zu sehen.

Unter den „political animals“ der Bonner Republik hatte Kohl die beste Witterung. Streit um Details, gar um innenpolitische Details, war seine Sache nicht. Lieber widmete er sich der Mehrung seiner Macht, erst in Deutschland, dann quer durch die Staatenwelt. Er stellte sich mit Bush senior gut, mit Gorbatschow und Jelzin. Die Sozialisten Mitterrand und Gonzales wurden seine Freunde. Luxemburgs Premier Juncker rief er morgens um neun Uhr an und höhnte väterlich: „Jean-Claude, bist du überhaupt schon aufgestanden?“

Zahllose Probleme hat Kohl ausgesessen

So war Kohls Europa: friedlich. Es war eine andere Zeit. Aber es war auch eine andere Politik: Kohl hat Deutsche partout nicht in den Krieg schicken wollen, nicht mal Richtung Kosovo. Das überließ er Gerhard Schröder und Rot-Grün.

Zahllose Probleme hat Kohl ausgesessen, manche Reform verschoben. Doch in zwei zentralen Punkten war er zupackend und schnell: Als es um die deutsche Einheit ging und später um Europa, zeigte er einen Führungswillen, wie man ihn heute weltweit vergebens sucht. Oft traten gutmeinende Berater auf ihn zu und rieten schüchtern, etwas Tempo rauszunehmen. Da geriet Kohl ins Brüllen: Europa werde jetzt geschaffen, „nicht irgendwann“. Kohl spürte, dass die historischen Umstände günstig waren. Und er fürchtete, die EU könne in Zukunft auseinandergerissen werden von neuen nationalistischen Strömungen. Diese Warnungen galten damals als abstrus – heute bekommen sie einen neuen Klang.

In einem freien, geeinten Europa sah er die Antwort auf alle Fragen

Kohl war nicht nur ein Machtpolitiker. Er hatte Ziele, wollte die Szenerie verändern. In einem freien, geeinten Europa sah er die Antwort auf alle Fragen – sogar auf die höchst persönlichen Fragen nach Schuld, Sinn und Schicksal, die viele Deutsche seiner Generation umtrieben.

Kohls älterer Bruder Walter starb als 19-jähriger Soldat. Als Walter Kohl sich eines Morgens im November 1944 von seinem 14-jährigen Bruder Helmut aus Ludwigshafen verabschiedete, beschlich ihn wohl eine böse Ahnung. „Pass auf dich auf, ich komme nicht wieder“, sagte Walter. „Und kümmere dich vor allem um Mama.“ Helmut Kohl hat diese Sätze manchmal zitiert, auch als Erklärung für sein politisches Engagement. Wenn Kohl über „Frieden und Freiheit in ganz Europa“ sprach, haben zuletzt viele gelangweilt weggehört. Heute wissen wir, dass Frieden und Freiheit in ganz Europa alles andere sind als eine ausgeleierte Selbstverständlichkeit.

Von Matthias Koch/RND

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