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22:19 15.05.2018
„Mit großem Respekt für meinen Präsidenten“: Ilkay Gündogan, Mesut Özil und Präsident Recep Tayyip Erdogan in London (v.l.) Quelle: ap
Berlin

Fast väterlich blickt Recep Tayyip Erdogan (64) auf die beiden Sportler an seiner Seite. Lächelnd stehen sie neben ihm, blicken artig in die Kameras wie wohlgeratene Söhne: Mesut Özil (29) und Ilkay Gündogan (27).

Gündogan trägt sogar einen buschigen Schnauzbart. Das sieht ein wenig aus der Zeit gefallen aus, wirkt aber gleichzeitig wie eine Referenz an das vermeintliche Familienoberhaupt, das man ebenfalls nur mit Oberlippenbehaarung kennt. Ein Foto wie gemacht fürs Familienalbum.

Die für sich genommen völlig harmlose Szene, aufgenommen am Wochenende im Londoner Four-Seasons-Hotel, hat eine Debatte angeschoben, die noch lange nicht zu Ende ist. Denn der ältere Herr ist der Präsident der Türkei, und die beiden jungen Leute sind Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Für wen, ätzten Kritiker in den sozialen Netzwerken, treten Özil und Gündogan eigentlich an? Für Deutschland oder die Türkei?

Unvergessenes Bild: Kanzlerin Angela Merkel gratuliert Mesut Özil am 8. Oktober 2010 noch in der Umkleidekabine zum 3:0 Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei im EM-Qualifikationsspiel. Quelle: dpa

Nicht nur in Deutschland diskutieren darüber jetzt die Stammtische ebenso wie die Salons. Rund um den Globus, sogar in der arabischen Welt und in Lateinamerika, werfen Medien die gleiche Frage auf. Osteuropäische Zeitungen deuten händereibend auf misslungene Integration, die britische BBC spricht über „Wut in Deutschland“.

Beatrix von Storch, AfD-Fraktionsvize im Bundestag, rät Gündogan, er solle doch bitte „für seinen Präsidenten kicken gehen“. Und hasserfüllte deutsche Internetaktivisten starten auf privaten Plattformen „Petitionen“, die darauf zielen, Özil und Gündogan aus der Mannschaft auszuschließen.

Der türkische Fußballverband konterte, niemand in der Türkei verstehe die Kritik an dem gemeinsamen Foto von Özil, Gündogan und Erdogan. Es sei „ganz normal“, dass die Spieler der Einladung Erdogans zu einem Treffen in dem Londoner Hotel Folge geleistet hätten.

Zwei Herzen in einer Brust

Deutschlands oberste Fußballmanager taten am Dienstag alles, um die Wogen zu glätten. „Ich weiß, dass bei Spielern mit Migrationshintergrund auch mal zwei Herzen in einer Brust schlagen“, sagt Nationaltrainer Jogi Löw, als er vor Journalisten in Dortmund den vorläufigen Kader für die Weltmeisterschaft in Russland vorstellt.

Ob er darüber nachgedacht habe, Özil und Gündogan nicht mitzunehmen zum Turnier nach Russland, wird Löw gefragt. Antwort: „Selbstverständlich nicht.“

Dennoch bleibt die Stimmung seltsam angespannt bei dieser Pressekonferenz. Und viele Fragen bleiben offen. Ist die Annäherung der Kicker an den Autokraten egal? Und wenn nein, wer redet dann mit den Jungs?

„Wir haben den Spielern zu verstehen gegeben, dass es keine glückliche Aktion war“: Nationaltrainer Löw (l.), DFB-Chef Grindel am Dienstag in Dortmund. Quelle: dpa

DFB-Chef Reinhard Grindel beschreibt seine Position mit einer Mischung aus Strenge und Milde. „Ich glaube, dass beide wissen, dass sie einen Fehler gemacht haben.“ Zugleich aber gelte: Menschen können Fehler machen. „Wir müssen das Maß wahren“, sagt Grindel. Manches, was er in den digitalen Medien lese, erscheine ihm übertrieben.

Unmissverständlich stellt sich später noch einmal Löw vor die beiden: „Wir haben den Spielern zu verstehen gegeben, dass es keine glückliche Aktion war.“ Beide hätten aber auch zu verstehen gegeben, dass es ihnen nicht um eine politische Botschaft gegangen sei. „Ich persönlich kann sagen, dass beide einen sehr guten Charakter haben“, sagt Löw über Özil und Gündogan. „Beide haben auch für die Integration in Deutschland sehr viel getan.“

Fußballer als Integrationshelfer? Vielleicht liegt gerade hier die Erklärung für die tiefe Enttäuschung, die viele Deutsche – insbesondere viele deutsche Politiker – jetzt angesichts des Tête-à-Têtes mit Erdogan empfinden.

„Wenn man weiß, wie viele Kritiker von Herrn Erdogan in türkischen ,Strafräumen’ eingesperrt sind, zeugt es nicht von Haltung, sich so für Wahlkampfzwecke herzugeben“, sagt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz. „Es ist gut, dass sich die Spieler mittlerweile erklärt haben und der DFB bereits angekündigt hat, dies zum Gegenstand von Gesprächen zu machen.“

Die Kanzlerin ist verärgert

Ein Seufzer kam am Dienstag auch von allerhöchster Stelle im Kanzleramt. Im Namen seiner Chefin drückte Regierungssprecher Steffen Seibert Verwunderung über das Treffen zweier deutscher Nationalspieler mit Erdogan aus. Dies habe „Fragen aufgeworfen“ und „lade zu Missverständnissen“ ein. Frei übersetzt heißt das: Die Kanzlerin ist verärgert.

Die Gründe liegen auf der Hand. Özil war in Deutschland längst zu einem Posterboy der Integration junger Leute mit türkischen Wurzeln geworden.

Unvergessen ist ein Kabinenbesuch Angela Merkels nach einem 3:0-Sieg bei einem Länderspiel gegen die Türkei. Damals, am 8. Oktober 2010 im Berliner Olympiastadion, gratulierte Merkel im grünen Blazer dem just halb nackten Özil. Das Bild hatte eine Botschaft: Gerade hat uns ein tüchtiger junger Mann mit türkischen Wurzeln sehr geholfen – und dies auch noch in einem Kräftemessen mit der Türkei.

Sport oder Politik – oder beides?

Im DFB gab es damals Debatten, ob ein solches Foto nicht allzu sehr auf eine Instrumentalisierung des Sports durch die Politik hinauslaufe. Löw und der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, aber gaben das Bild aus der Kabine frei – obwohl der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger hinter den Kulissen grantelte. Bierhoff fand das Foto „so symbolträchtig“.

Heute, acht Jahre später, geht es erneut um die Macht eines Bildes. Und es geht um international tätige Fußballstars, die sich, das macht die Sache aus Berliner Sicht so ernüchternd, nicht mehr ins kleine Karo irgendeiner nationalen Integrationspolitik stecken lassen.

War das Beisammensein mit Erdogan „ein Akt der Höflichkeit“, wie Gündogan argumentiert? Auf einigen Bildern ist zu sehen, wie die derzeit in England engagierten deutschen Kicker dem türkischen Staatsoberhaupt Trikots ihrer Vereine überreichen. Özil, der nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, hat ein Hemd von Arsenal London dabei, Gündogan, Inhaber eines deutschen und eines türkischen Passes, überreicht ein Leibchen von Manchester City, des Vereins, mit dem er gerade englischer Meister geworden ist. Auf dem Stoff steht die Widmung: „Mit großem Respekt für meinen Präsidenten.“

Quelle: dpa

Doch wer genau ist wessen Präsident? In Berlin gab Cem Özdemir von den Grünen, ebenfalls ein Mann mit türkischen Wurzeln, eine Nachhilfelektion nach Art eines strengen Oberlehrers: „Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag.“

Etwas milder zeigte sich Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestages und eine Parteifreundin von Özdemir. Es sei „naiv“ von Özil und Gündogan gewesen, sich in einem Londoner Hotel mit Erdogan fotografieren zu lassen, sagte Roth am Dienstag dem Sender NDR Info. „Da hätten sie sich vorher überlegen sollen, welchen Eindruck das macht.“ Auf der anderen Seite verstehe sie aber auch Gündogan mit seiner Äußerung, der türkische Staatspräsident repräsentiere das Land der Großeltern und es sei eine freundliche Geste gewesen, ihn zu begrüßen. Allerdings erhob auch Roth am Ende den Zeigefinger: Sie „hätte es schön gefunden“, wenn sich beide mit dem deutsch-kurdischen Spieler Deniz Naki solidarisiert hätten, der in der Türkei verfolgt worden sei.

Doch wie politisch müssen Fußballer eigentlich denken?

Ein weiterer in England beschäftigter deutscher Nationalspieler mit türkischen Wurzeln, der Liverpooler Emre Can, nahm laut „Welt“ die Einladung zum Treffen mit Erdogan nicht an. Warum machten Özil und Gündogan es anders? Suchten sie vielleicht gar eine Art besonderen Kick durch das Treffen mit dem weltweit umstrittenen Autokraten?

WM und EM: Jetzt mal was Neues

Die Fußball-Weltmeisterschaft startet am 14. Juni mit dem Eröffnungsspiel in Moskau. Russlands Präsident Wladimir Putin wird auf der Tribüne sitzen. Rund einen Monat später, am 15. Juli, steigt das Finale.

2020 wagt der europäische Fußballverband etwas Neues: Die Europameisterschaft 2020 findet in zwölf Städten in elf europäischen Ländern statt. Halbfinale und Finale werden in London ausgetragen.

Erstmals in Katar soll die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ausgetragen werden. Für europäische TV-Zuschauer bedeutet das eine besondere Herausforderung: Sie werden die Spiele nicht wie gewohnt im Biergarten verfolgen können – das Turnier soll am 21. November starten, das Endspiel ist für den vierten Adventssonntag geplant.

2024 konkurrieren ausgerechnet Deutschland und die Türkei um den Austragungsort der EM. Auch deshalb war der DFB unglücklich über den Auftritt der deutschen Nationalspieler mit Erdogan.

Manche tippen auch auf ökonomische Überlegungen. In der Tat ist für beide Spieler in mancher Hinsicht weniger das klare Profil nützlich als eine addierte Popularität in Deutschland (82 Millionen Einwohner) und in der Türkei (80 Millionen Einwohner). Kann man es ihnen verübeln, wenn sie jedenfalls in erster Linie auf ihre eigene Karriere blicken, auf die jeweils nächste sportliche Herausforderung, egal wo sie gerade spielen?

Im Fußball sind viele, gerade unter den Besseren, früher oder später als kickende Ich-AG unterwegs – immer für die Mannschaft, die ihnen gerade den größten persönlichen Erfolg verspricht.

Nationale Loyalitäten jedenfalls sind im modernen Hochleistungssport mitunter nicht mehr so leicht zu sortieren. Und an wem liegt es eigentlich, wenn ein bekennender Moslem wie Özil sich schon zu allen Zeiten im mehrheitlich nicht muslimischen Deutschland ein bisschen anders fühlte als andere Nationalspieler?

Geliebt wurden immer andere

Özil, dessen Großeltern einst nach Gelsenkirchen auswanderten, dessen Vater schon fast sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hat, der von frühester Kindheit an von der Förderung des Deutschen Fußball-Bundes profitierte, der als Spieler für den FC Schalke und Werder Bremen in der Bundesliga auflief, der beim Weltklub Real Madrid kickte und der jetzt in der Welt­metropole London ein irrsinnig hohes Gehalt verdient, hat Erdogan sogar schon einmal ein Trikot überreicht. Das war zu Madrider Zeiten, und auf den Bildern von damals lächelt der heute 29-Jährige ebenso vergnügt wie auf den aktuellen Fotos. Will er bewusst irgendeine Verbindung halten zum Land seiner Großeltern? Ein weiteres Mal irritierte Özil viele Nichtmuslime, als er 2016 auf Fotos im weißen Pilgergewand in Mekka zu sehen war.

Teile des deutschen Publikums haben Özils Leistungen als Fußballer stets respektiert – ihn selbst aber nie geliebt. Da konnte er in seinen besonderen Momenten noch so genial passen, Gegner mit einer winzigen Körperbewegung ins Leere laufen lassen oder den Ball gefühlvoll um den gegnerischen Torwart herumschlenzen.

Doch was soll’s? Özil war vor vier Jahren schon dabei, er durfte den WM-Pokal nach dem 1:0-Sieg gegen Argentinien in den Nachthimmel von Rio de Janeiro heben. Und diese Nationalmannschaft stand im Moment des größten Erfolgs auch für ein kulturell vielschichtiges Deutschland, in dem Einwandererkinder wie Özil, der Deutsch-Tunesier Sami Khedira, die polnischstämmigen Lukas Podolski und Miroslav Klose sowie ein Urbayer wie Thomas Müller gemeinsam höchste Leistungen zeigten.

DFB-Boss Grindel betonte dies auch gestern noch mal: „Integration ist eine Schlüsselfrage für die Zukunft des deutschen Fußballs. Es ist nicht interessant, wo du herkommst, welche Hautfarbe du hast, was deine Religion ist, sondern, dass du dich auf Basis gemeinsamer Regeln zu einer Mannschaft findest.“

Von Rasmus Sebastian Harfst und Marina Kormbaki/RND

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