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23:09 19.02.2017
„Die Europäer sollten jetzt eigenständige Politik machen“: Sahra Wagenknecht reiht sich ein die Riege der Trump-Deuter. Quelle: Foto: Imago
Berlin

Zu Zeiten der Sowjetunion waren die Kremlologen gefragt. Weil das Zentralkomitee der KPdSU streng geheim tagte und dabei streng Geheimes beschloss, konnte sich die Öffentlichkeit nur mithilfe wilder Spekulationen sogenannter Experten einen Reim machen auf das Machtgefüge und politischen Absichten des kommunistischen Führungszirkels. Heute, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion, ist offenbar wieder Phantasie gefragt, um die Wege einer anderen Großmacht zu ergründen, der USA. Es schlägt die Stunde der Trumpologen. In der ARD-Talkshow „Anne Will“ haben am Sonntagabend einige ambitionierte Schicksalsdeuter wortreich ihre Kristallkugeln enthüllt. Aber die Kugeln bleiben ziemlich matt.

„Keiner weiß, ob Trump eine Politik machen wird, die in europäischem Interesse liegt“, sagt Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) frei heraus. Damit spricht der Vertraute der Kanzlerin die Enttäuschung vieler Spitzenbeamter nach einem Wochenende aus, das mit großen Erwartungen beladen war. Schließlich bot Deutschland da eine Bühne für die Weltpolitik. Von dem G-20-Außenministertreffen in Bonn und der Münchener Sicherheitskonferenz erhofften sich deutsche und europäische Diplomaten einen Eindruck davon, wie die neue US-Regierung wirklich tickt, was Präsident Donald Trump wirklich will.

„Wir wissen etwas mehr als vorher, aber längst noch nicht genug“

Aber verlässliche Antworten auf diese Fragen lieferte weder Trumps Vize Mike Pence noch sein Außenminister Rex Tillerson. Zwar beteuerten beide, die USA stünden unverbrüchlich an der Seite der Nato-Partner, aber unklar ist, wie nah diese beiden an der Seite des Präsidenten stehen, ob der etwas gibt auf ihr Wort. „Ich glaube, wir wissen etwas mehr als vorher“, sagt Altmaier am Sonntagabend, „aber längst noch nicht genug“.

In der Runde sitzt mit dem einstigen US-Botschafter in Berlin John Kornblum auch ein US-Amerikaner. Doch selbst er vermag kein Licht ins Trump-Dunkel zu bringen – er will offenbar auch gar nicht, Kornblum scheint nämlich ziemlich genervt zu sein von den Euro-Trumpologen. Die Europäer, so Kornblum, lebten seit vielen Jahren „in einem Dauerschlaf“. Sie würden weder Geld in Verteidigung investieren noch hätten sie eine Nahost-Strategie. Kornblum stellt die Europäer recht unverblümt als Jammerlappen dar. Sie sollten ihren „Antiamerikanismus“ jetzt mal sein lassen und lieber ihre Interessen selbst wahrnehmen, fordert der einstige Diplomat – und Zustimmung kommt da interessanterweise von Sahra Wagenknecht. „Die Europäer sollten jetzt eigenständige Politik machen“, fordert auch die Linken-Politikerin. Wagenknecht sieht in Trump die Chance zur Loslösung Europas und Deutschlands von den USA und zur Hinwendung an – ja, wen? Diese Frage wurde leider nicht gestellt.

„Trumps Vize wäre bei uns in der AfD“

Trumpologen beginnen ihre Sätze gern mit den Worten „Ich glaube“ - das ist eine der wenigen Erkenntnisse an diesem Abend. Altmaier zum Beispiel äußert den Glauben an die Vernunft von Trumps Beratern. Doch Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“, entlarvt die „ich glaube“-Sätze erfreulich schnell als Wunschdenken. Hoffnungsträger Pence? Ulrich erinnert daran, dass Trumps Vize die Evolutionslehre bestreitet. „Der wäre bei uns in der AfD“, sagt Ulrich. „Es ist ein offener Kampf, ob die USA eine Demokratie bleiben“, warnt der Journalist und lässt sich vom verächtlichen „Quatsch“-Zwischenwurf Kornblums nicht unterbrechen in seinen düsteren Prophezeiungen.

Der Verlauf der Sendung, die zerfaserte Diskussion, gibt ein ganz gutes Abbild von der allgemeinen Unsicherheit dieser Tage in der internationalen Politik. Niemand weiß, was Trump will. Vielleicht ja nicht einmal der US-Präsident selbst. In solch einer Situation werden selten Argumente ausgetauscht, sondern meist Hoffnungen oder Befürchtungen. Und vor allem: Spekulationen.

Von Marina Kormbaki

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