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Politik „Die Partei war seine Familie, nicht wir“
Nachrichten Politik „Die Partei war seine Familie, nicht wir“
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09:18 17.06.2017
Die Kohls: Die Familie hatte es nicht leicht mit dem Machtmenschen. Quelle: dpa
Hannover

Bei den Kohls zu Hause wurden die bürgerlichen Tugenden der Fünfziger- und Sechzigerjahre hochgehalten. Obwohl der stattliche Jüngling Helmut seine Hannelore, ein Flüchtlingsmädchen von gerade 16 Jahren, schon in der Tanzstunde kennengelernt hatte, wurde erst geheiratet, als der junge Mann genügend Geld verdiente, um eine Familie ernähren und ein Häuschen bauen zu können. Das hat Hannelore so bestimmt. Gelegentlich hat Kohl später augenzwinkernd zu verstehen gegeben, dass seine energische und selbstbewusste Frau daheim die Hosen anhatte. Nach außen hin und in letzter Konsequenz aber war er selbstverständlich der Patriarch, der den Weg vorgab.

In ihre Memoiren hat Hannelore Kohl beinahe beiläufig eine Bemerkung einfließen lassen, die aufhorchen ließ. Sie habe in einsamen Stunden manche bittere Träne vergossen, wenn sie sich auf ein Wochenende mit ihm gefreut, er dann aber doch der Politik den Vorzug gegeben habe. Ihr Freitod – Hannelore Kohl litt unter einer schweren Lichtallergie, die sie in ihrem letzten Lebensjahr praktisch ans Haus fesselte – hat ihn 2001 schwer getroffen. Seine Nachbarn und Freunde haben ihn nie so niedergeschlagen erlebt wie damals.

2001 stirbt Hannelore Kohl. Nachbarn und Freunde haben den Altkanzler nie so niedergeschlagen erlebt wie damals. Quelle: AP

Kohls Söhne Walter und Peter haben es ebenfalls nicht leicht gehabt. In Talkshows und Büchern haben sie sich geäußert, vor allem in den Jahren nach dem Freitod der geliebten Mutter, als sie um deren Vermächtnis fürchteten. In ihrer Kindheit war der Vater selten zu Hause, wenn er kam, dann wurde die Schulwoche abgefragt. Je nach Lage der Dinge gab es väterliche Donnerwetter, mindestens. Danach hat der Vater meist mit Parteigranden telefoniert. „Die Partei war seine Familie, nicht wir“, hat Walter einmal bitter festgehalten.

Jugend im Krieg hat Kohl früh reifen lassen

Für die spätere Entfremdung vom Vater machten die Söhne die neue Ehefrau verantwortlich. Maike Kohl-Richter hat wohl in ihrer Beziehung zum Altkanzler versucht, das öffentliche Bild seines politischen Wirkens zu bestimmen. Ob es klug war, die Söhne von ihrem Vater wegdrängen zu wollen? Walter und Peter haben es freilich ebenso an diplomatischem Geschick fehlen lassen. Das väterlicherseits ererbte Poltergen hat wohl durchgeschlagen. Erst spät, so hat Walter kürzlich zu verstehen gegeben, habe man wieder zueinandergefunden.

Da hält sich hartnäckig die Anekdote, der junge Helmut habe auf dem Schulhof der Oberrealschule an der Leuschnerstraße in Ludwigshafen-Friesenheim seinen Mitschülern klargemacht: „Isch werd’ mal Bundeskanzler.“ Immerhin leben noch Mitschüler, die es genauso gehört haben. Helmut, ortsüblich gerufen „de Helle“, war der Chef im Ring. Er bestimmte, was gemacht wurde, die anderen folgten und hatten ihre Freude dabei. Jedenfalls die, die dazugehörten. Die unbeschwerten Jahre, das Herumstromern auf den Äckern, seine Stallhasen, seine Seidenraupenzucht, all das weckte zeitweilig den Berufswunsch Landwirt.

Die Jugend im Krieg hat ihn früh reifen lassen. Sein Bruder Walter ist gefallen. Mit 15 Jahren hat sich Helmut aus der Landverschickung zu Fuß von Bayern aus in seine Heimatstadt durchgeschlagen, die in Trümmern lag. Mit bloßen Händen habe man die Toten aus den Schuttbergen geholt, hat er einmal erzählt. Nach dem Abitur entschied er sich für das Studium der Geschichte. Da politisierte er dann auch schon.

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Merkel „konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen“

Selbstgerecht ist Kohl immer gewesen. Die Unzufriedenheit mit der Welt, diese Nichtanerkennung seiner Lebensleistung in Teilen von Politik und Gesellschaft, das arbeitete in ihm und zeigte Wirkung, als er in den Jahren 2000 und 2001 dem Journalisten Heribert Schwan seine Lebenserinnerungen diktierte. Als dieser 2014 bislang unveröffentlichte Zitate in Buchform vorlegte, hat Kohl das unterbinden lassen, obwohl das Gesagte in anderer oder ähnlicher Form schon längst bekannt war.

Kohl konnte schonungslos sein in seinem Urteil über Mitmenschen. Angela Merkel? Die „konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen“. Über den damaligen niedersächsischen CDU-Chef Christian Wulff urteilte er: „Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.“ Auch den langjährigen Arbeitsminister Norbert Blüm bezeichnete er als „Verräter“; der ehemalige CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Friedrich Merz, war ein „politisches Kleinkind“.

Helmut Kohl (l) und seine Söhne Walter und Peter (m,r) Quelle: dpa

Die Sicht, die friedliche Revolution in der DDR habe die Einheit ermöglicht, tut er als Vision aus dem „Volkshochschulhirn von Wolfgang Thierse“ ab, dem ehemaligen SPD-Bundestagspräsidenten. Die Schwäche Moskaus sei ursächlich gewesen für den Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur in der DDR: „Gorbatschow musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte.“

Kohl hat mit dem Verbot der Auslieferung des Buches einen juristischen Sieg errungen. Gewonnen hat er am Ende nicht.

Von Reinhard Urschel

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