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Politik „Deutschland sollte Trump folgen“
Nachrichten Politik „Deutschland sollte Trump folgen“
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21:40 14.05.2018
Einat Wilf, 47, war Labor-Abgeordnete der Knesset. Sie sieht sich als Zionistin und Atheistin. Quelle: Einat Wilf
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Frau Wilf, Sie wurden in Jerusalem geboren. Was bedeutet der Umzug der US-Botschaft für Sie?

Um zu verstehen, was das für uns bedeutet, muss man erst einmal verstehen, wie bizarr und, ja, verlogen die Situation gewesen ist. Wenn die Menschen an Jerusalem denken, dann denken sie an den einen Quadratkilometer, den ich gerne liebevoll das „Zentrum des Wahnsinns“ nenne, nämlich den Quadratkilometer mit allen wichtigen heiligen Stätten. Jerusalem ist aber hundert Mal größer. Seit 1949 war der westliche Teil Jerusalems israelisch – aber über Jahrzehnte waren wir das einzige Volk der Welt, das nicht selbst bestimmen durfte, wo in seinem Land seine Hauptstadt ist. Die Welt hat Jerusalem im Interesse der Palästinenser als Faustpfand genommen, und wir haben wirklich genug davon.

Also ist dieser Tag ein Feiertag für Sie?

Nun, ich tanze nicht auf der Straße. Aber denke ich, dass dies ein kluger diplomatischer Zug ist? Ja. Bin ich heute optimistischer, dass es Frieden geben wird? Ironischerweise ja. Denn ich denke, dass unsere Chancen auf Frieden erheblich größer sind, wenn wir eine klare Botschaft an die Palästinenser und die arabische Welt schicken: Kommt endlich wieder auf den Boden!

Was würde das bedeuten?

Wenn sie realistische Ziele formulieren, also „wir wollen einen Staat in der West Bank und in Gaza“, dann würde die Welt sie unterstützen, Israel würde sie unterstützen. Aber solange sie an der Wahnvorstellung vom Recht auf Rückkehr festhalten, davon reden, Israel eines Tages zu übernehmen – mit allem Respekt, Israel ist sehr kompromissbereit, aber wir denken nicht an Selbstmord. Israel ist hier, um zu bleiben. Hört auf zu glauben, dass es eines Tages verschwinden wird.

In Deutschland finden Sie kaum einen Politiker, der die Entscheidung von US-Präsident Trump befürwortet. Wie wird das in Israel aufgenommen?

Es ist so eine Sache mit Trump: Sogar wenn er etwas richtig macht, erntet er nur Widerspruch. Das befördert nicht gerade eine ernsthafte und nuancierte Diskussion. Ich bringe da gerne das Beispiel Josef Stalin an. Mit allem Respekt gegenüber den USA und Europa, aber der Mann, der mehr als irgendjemand sonst dabei geholfen hat, einen israelischen Staat zu verwirklichen, war der sowjetische Diktator. Er hat uns nicht nur in den UN und bei der Aufteilung Palästinas unterstützt, er hat auch sichergestellt, dass wir uns mit tschechischer Hilfe bewaffnen konnten. In den Jahren zwischen 1946 und 1949 war Stalin die wichtigste Figur für Israel, und wir haben seine Hilfe angenommen. Was auch immer man von Donald Trump hält, er ist sicher nicht in der Liga von Stalin. Aber: Auch im eigenen Land habe ich als Politikerin nicht den Luxus, zu sagen „Ich arbeite nur mit dem perfekten Politiker zusammen, der auch noch ein netter Mensch ist und immer das Richtige tut“.

Deutsche Regierungen betonen gerne ihre besondere Verantwortung für Israel und für Israels Sicherheit. Aber wird Deutschland dieser Verantwortung auch gerecht?

In Sicherheitsfragen würde ich sagen ja. Und ganz besonders unter Kanzlerin Merkel, ihre Führungsstärke ist bemerkenswert. Ich glaube aber, dass Europa als Ganzes den Nahostkonflikt nie verstanden hat. Besonders Deutschland hat den schrecklichen Fehler gemacht zu glauben, dass Israel wegen des Holocausts existiert. Deshalb denkt Deutschland aber auch manchmal fälschlicherweise, dass es irgendwie auch für die Palästinenser oder den Nahen Osten überhaupt verantwortlich sei. Ihr müsst verstehen: Israel existiert, weil das jüdische Volk es so wollte. 50 Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Weil Europa das falsch einschätzt, sind auch seine angebotenen Lösungsversuche untauglich, und so macht es eben auch Fehler bezüglich der Botschaften, und Fehler im Gazastreifen. Nicht aus Bosheit oder Unwillen, nur aus Unwissenheit.

Was sollten die Deutschen jetzt tun? Trumps Vorbild folgen?

Absolut. Sie sollten anerkennen, dass der Westteil Jerusalems israelisch ist und dass ihre Botschaft schon vor Jahrzehnten dorthin gehört hätte. So sollten zugleich fordern, dass über den Ostteil verhandelt werden muss. Ja, die Palästinenser können darauf hoffen, dass Ost-Jerusalem eines Tages ihre Hauptstadt ist – an dem Tag, an dem das Existenzrecht Israels anerkennen. Ich komme von der Linken, ich bin für die Zweistaatenlösung, und ich hätte mir gewünscht, dass Trump das schon jetzt unzweideutig gesagt hätte: Dass die Palästinenser sehr willkommen sind am Verhandlungstisch, aber dass wir nicht mehr länger auf ihre Zustimmung zu Israels Hauptstadt warten. Wenn Deutschland das morgen sagen und seine Botschaft nach Jerusalem verlegen würde: das wäre perfekt!

Von Wolfgang Büchner/RND

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