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Politik Deutsche Entwicklungshelferin in Kabul getötet
Nachrichten Politik Deutsche Entwicklungshelferin in Kabul getötet
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13:24 21.05.2017
Eine Deutsche Frau soll in Kabul getötet worden sein. Quelle: dpa
Kabul

Eine Deutsche ist am Samstagabend in der afghanischen Hauptstadt Kabul getötet worden. Ein Sprecher des afghanischen Innenministeriums sagte, dass die Frau vor ihrer Unterkunft im siebten Polizeidistrikt der Stadt angegriffen worden sei. Ein Wachmann sei getötet, eine weitere Ausländerin, eine Finnin, sei entführt. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte, dass die in Kabul getötete Frau deutsche Staatsbürgerin ist.

Die Deutsche hatte in Afghanistan für die schwedische Nichtregierungsorganisation Operation Mercy gearbeitet. Operation Mercy bestätigte den Angriff auf ihrer Internetseite. Laut Sprecherin Cathy Stanley war die Getötete seit mehr als zehn Jahren in der Entwicklungshilfe und im Ausland tätig. Weitere Details über die Identität der Frau gab Operation Mercy nicht bekannt.

Auch die genauen Hintergründe waren zunächst unklar. „Wir können nicht sagen, ob der Zwischenfall einen kriminellen oder terroristischen Hintergrund hat, aber eine Untersuchung läuft“, sagte der Sprecher des Innenministeriums. Die Täter seien entkommen.

In Kabul ist eine Entführungsmafia tätig

Sicherheitsanalysten halten zwei Szenarien für denkbar. Zum einen könnte der Überfall das Werk der immer aktiveren Kidnapping-Mafia von Kabul sein. Der waren allein im vergangenen Jahr mindestens vier Ausländer - darunter eine Inderin, ein Amerikaner und ein Australier - sowie viele afghanische Geschäftsleute zum Opfer gefallen. Die meisten Opfer kommen relativ schnell wieder frei. Der Amerikaner und der Australier, die Professoren an der Amerikanischen Universität waren, sind allerdings mittlerweile in den Händen der Taliban.

Informierte Kreise sagen, die Mafia habe Unterstützung bis in hohe afghanische Politkreise. Unter den Opfern sind auffallend viele Frauen. 2015 hatten Entführer in Kabul auch eine Mitarbeiterin der deutschen staatlichen Entwicklungshilfsorganisation GIZ entführt. Die Frau war nach rund zwei Monaten freigekommen.

Auch ein glaubensbasierte Angriff ist möglich

Bisher hatten die Entführer ihre Opfer in den allermeisten Fällen aus ihren Autos entführt, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. „Sollte die Mafia jetzt anfangen, auch in Gästehäuser einzubrechen, wäre das eine klare Eskalation“, sagte ein internationaler Sicherheitsfachmann, der nicht genannt werden möchte.

Zum anderen könne es sich um einen gezielten Angriff auf die NGO als christliche Organisation handeln. Solche glaubensbasierten Angriffe sind eher selten. Zuletzt hatten die Taliban 2014 das Gästehaus einer Organisation angegriffen, die sie für Missionare hielten. Besser würde so ein Angriff zur neuerdings in Kabul recht aktiven Terrormiliz Islamischer Staat (IS) passen.

GIZ hat Büros in Kabul kürzlich aufgegeben

Wegen der schlechten Sicherheitslage hatten ausländische Organisationen ihre Maßnahmen zuletzt weiter verstärkt. So hatte die staatliche deutsche Entwicklungshilfsorganisation GIZ im Mai erklärt, ihre Büros im Zentrum der afghanischen Hauptstadt Kabul aufzugeben. Sie zog in ein schwer gesichertes Lager am Stadtrand.

Die schwedische Hilfsorganisation Operation Mercy

Operation Mercy ist eine christliche, schwedische Hilfsorganisation, die in Zentralasien, dem Mittleren Osten und Nordafrika aktiv ist. Die Organisation mit Sitz im schwedischen Örebro kümmert sich unter anderem um die Integration von Behinderten, um die Rechte von Kindern und Frauen in Entwicklungsländern und betreibt Flüchtlingshilfe. In Afghanistan arbeitet Operation Mercy mit Einheimischen zusammen, um die Kindersterblichkeit zu reduzieren und bietet Bildungsangebote für Frauen in ländlichen Gemeinden an. Außerdem betreut die Organisation unter anderem Projekte im Iran, in Jordanien, Kasachstan, im Sudan und dem kurdischen Teil des Iraks.

Die GIZ schloss damit sechs der sieben Büro- und Wohngelände, die sie in den vergangenen Jahren – als Reaktion auf das Erstarken der radikalislamischen Taliban, mehr Anschläge in Kabul und eine gefährliche neue Kidnapping-Industrie – für Hunderttausende Euro mit Sprengschutzwänden und Stahlschleusen gesichert hatte.

In Kabul blüht die Kidnapping-Industrie

Die Sicherheitssituation in Afghanistan hat sich seit dem Abzug der meisten internationalen Truppen 2014 stark verschlechtert. Das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Scharif war schon im Winter nach einem Angriff der Taliban in das deutsche Militärlager umgezogen. 2015 waren zwei Mitarbeiter der GIZ entführt worden. Mittlerweile hat sich die Zahl der deutschen und internationalen Mitarbeiter von rund 200 auf rund 100 verringert.

Von RND/aks/dpa