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Politik Der ganz andere Gabriel
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21:25 08.03.2017
Außenminister Sigmar Gabriel (SPD). Quelle: dpa
Berlin

Ausgerechnet Sigmar Gabriel? In der Rolle des obersten Diplomaten? Spott und Zweifel schlugen dem für seine Impulsivität berüchtigten SPD-Vorsitzenden entgegen, als er Ende Januar seinen Wechsel an die Spitze des Auswärtiges Amtes bekannt gab. Nicht zuletzt im Außenministerium selbst, wo man großen Wert legt auf Weitsicht und Kontinuität, war die Irritation groß.

Seither sind fünf Wochen vergangen, Gabriel hat in dieser Zeit einige Tausend Meilen über den Wolken zurückgelegt. In Washington war er als erster ausländischer Gast beim frisch vereidigten US-Amtskollegen Rex Tillerson. In Moskau werden ihn am Donnerstag Außenminister Sergej Lawrow und wahrscheinlich auch Präsident Wladimir Putin empfangen. Bislang jedenfalls hat der Polterer Gabriel die landläufigen Vorurteile nicht bestätigt. Im Gegenteil: Mit demonstrativer Besonnenheit scheint Gabriel seine Lästerer Lügen strafen zu wollen.

Gabriels Umsicht fällt umso deutlicher auf, als sein Amtsantritt in eine Zeit fällt, die allerhand Anlässe böte für markige Töne und forsche Taten. Die Krise in den Beziehungen zur Türkei verlangt gewiss nach Haltung und Entschlossenheit, natürlich sind die Verhaftung eines deutschen Journalisten und Nazi-Vergleiche aus Ankara nicht hinnehmbar. Doch die letzten Wochen haben auch gezeigt, wie schmal der Grat ist zwischen berechtigter Empörung und als Sorge getarntem antitürkischem Ressentiment. Politiker aller Couleur erlagen bereits der Versuchung, ihr Mütchen an den deutsch-türkischen Beziehungen zu kühlen. Ausgerechnet der Instinktpolitiker Gabriel konnte ihr hingegen widerstehen.

Nur wenige Stunden nachdem sein türkischer Amtskollege Deutschland der „systematischen Unterdrückung“ hier lebender Türken bezichtigt hatte, traf Gabriel Mevlüt Cavusoglu am Mittwochmorgen zum Frühstück. Und nach diesem gewiss schwierigen Gespräch stellt Gabriel sich vor die Presse und spricht in aller Höflichkeit vom Wert der Freundschaft zwischen Türken und Deutschen. Ist das Duckmäusertum? Nein, es ist der Kern von Diplomatie: Im Gespräch bleiben, reden, zuhören, reden. Es ist der Job eines Außenministers.

Dass dies Kritik nicht ausschließt, hat Gabriel gezeigt, indem er sich Nazi-Vergleiche von türkischer Seite streng verbeten hat. Vor allem aber dürfte jener Part des gestrigen Gabriel-Auftritts in Erinnerung bleiben, in dem sich der Außenminister an die Türken in Deutschland wandte. Gabriel, der in seiner ersten Ehe mit einer Türkin verheiratet war, stillte ein lange gehegtes Bedürfnis vieler Deutschtürken, indem er ihren Beitrag zum deutschen Wohlstand hervorhob und sie ihrer Zugehörigkeit zu Deutschland versicherte. Ein Außenminister, der auch nach innen blickt, der den Zusammenhalt einer zunehmend multiethnischen Gesellschaft fördert: Das ist Diplomatie auf der Höhe der Zeit.

Von Marina Kormbaki/RND

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