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Politik Der Terror trifft die Touristen in Barcelona
Nachrichten Politik Der Terror trifft die Touristen in Barcelona
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23:04 17.08.2017
Panik auf der Einkaufsmeile: Menschen versuchen, dem Terror in Barcelona zu entfliehen. Quelle: Foto: AP
Madrid

Es ist ein sonniger Tag, Tausende Spanier und Touristen schlendern durch die breite Geschäftsstraße Las Ramblas in der Innenstadt von Barcelona. Die Stadt quillt aus allen Nähten, der August ist der besucherstärkste seit vielen Jahren. Doch die geschäftige Stimmung auf der weltberühmten Flaniermeile wird am späten Nachmittag jäh unterbrochen. Es tritt das ein, was Metropolen in ganz Europa seit vielen Monaten fürchten. Ein Van, angeblich ein weißer Fiat, pflügt brutal durch die überfüllte Straße, die eigentlich Fußgängern vorbehalten ist. 600 Meter soll das Auto in Zick-Zack-Linien auf dem Fußgängerstreifen gefahren sein – um möglichst viele Menschen zu erwischen.

Attentäter sind mit einem weißen Van in eine Menschenmenge in Barcelona gerast. Sie töteten mindestens 13 Menschen, mehr als 100 sind verletzt worden. Die Terroristen sind auf der Flucht. Sehen Sie hier die Bilder vom Anschlagsort.

Die Polizei spricht schnell von einem „Terroranschlag“, bei dem es einen „massiven Zusammenstoß“ gegeben habe, der durch den Fahrer eines Lieferwagens herbeigeführt worden sei. Die Behörden melden mindestens ein Dutzend Tote und unzählige Verletzte. Die Zahl der Todesopfer werde wahrscheinlich weiter steigen, sagt der katalanische Innenminister Joaquim Forn am Abend. Nach Angaben des ZDF sollen unter den Opfern auch Deutsche sein. Wenig später reklamiert die IS-Terrormiliz den Terroranschlag für sich. Einer „der Soldaten des Islamischen Staates“ habe die Tat ausgeführt, meldet dessen Sprachrohr, die Amak, im Internet.

Verkehr im Zentrum Barcelonas bricht zusammen

Es sind erschütternde Bilder. Videoaufnahmen, von denen die Polizei bittet, sie nicht zu veröffentlichen. Dutzende Verletzte und Tote liegen auf dem Pflaster der Ramblas, sie liegen still da in ihrer Sommerkleidung, einige blutend, über viele Meter verstreut, dazwischen rennen Menschen umher, sie wissen nicht, ob sie helfen oder ob sie flüchten sollen. „Wir waren wie Lämmer“, sagt später Alejandra López, eine Zeugin, im Telefongespräch mit einem Fernsehsender. Lämmer, die den Wolf erblickt haben, den Wolf des Terrorismus.

Wieder einmal ist ein Auto zur Waffe geworden. Wieder einmal steht die Welt fassungslos vor einem Verbrechen, das ein ganzes Land erschüttern kann. Polizisten riegeln in Windeseile die Innenstadt der katalanischen Metropole ab. Der Verkehr im Zentrum der Stadt bricht zusammen. Die Geschäfte lassen ihre Fensterläden herunter. Die Behörden rufen die Bürger dazu auf, Blut zu spenden.

Die zwei Täter, so heißt es zumindest am Abend in einer noch unklaren Informationslage, seien zu Fuß geflüchtet. Zwischenzeitlich hieß es, zwei Bewaffnete seien kurz nach der Amokfahrt in ein türkisches Café geflohen. Am Abend dementiert die Polizei die Meldungen. „Niemand hat sich in einer Bar im Zentrum Barcelonas verschanzt.“

Angeblich soll ein spanischer Pass in dem Tatauto gefunden worden sein. Bei dem Van der Marke Fiat soll es sich um einen Mietwagen handeln.

„Es war wie eine Lawine, die da plötzlich heranrollte“

Rund um den Tatort sind schon nach kurzer Zeit viele Gebäude evakuiert. Die Sicherheitskräfte sperren die Metrostationen in der Nähe, das riesige Einkaufszentrum an der Plaça Catalunya, El Corte Inglès, wird geräumt. Das US-amerikanische Konsulat ruft amerikanische Bürger dazu auf, den Bereich rund um die Ramblas zu meiden und sich bei Verwandten zu melden, wenn man in Sicherheit ist. Es waren ungewisse Stunden, die die katalanische Stadt durchmachte.

Die Polizei nimmt am Abend zwei Verdächtige fest. Weitere Informationen zu den mutmaßlichen Tätern oder dem möglichen Motiv gibt sie allerdings nicht.

Nur fünf Minuten früher, und Isa wäre mittendrin gewesen im Chaos von Barcelona. Zusammen mit ihrem Freund Dirk Graells wohnt die Barcelonesin in einer Seitenstraße der Ramblas – ihr Glück ist, dass sie kurz vor dem Attentat zu einem Termin auf der anderen Seite der Flaniermeile aufgebrochen war. „Als der Van in die Menge fuhr, rannten die Menschen voller Panik weg und strömten in die Seitenstraßen, versteckten sich hinter Bäumen und in Lokalen“, schildert Graells die Erlebnisse seiner Freundin. „Es war wie eine Lawine, die da plötzlich heranrollte“, erklärt er nur wenige Minuten nach dem Anschlag per Telefon.

Am Abend macht sich Ministerpräsident Mariano Rajoy auf den Weg nach Barcelona. Politiker weltweit reagierten geschockt und betroffen auf die Bluttat von Barcelona. Die Bundesregierung zeigt sich erschüttert: „In tiefer Trauer sind wir bei den Opfern des widerwärtigen Anschlags in Barcelona“, schreibt Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter. Man stehe in Solidarität und Freundschaft an der Seite der Spanier.

Schulz: Feiger Anschlag auf unsere Werte

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg teilt mit: „Wir stehen vereint im Kampf gegen den Terrorismus.“ EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani bekannte, die gesamte EU sei vereint in der Verteidigung des Friedens. US-Präsident Donald Trump lässt sich nach Angaben des Weißen Hauses ständig auf dem Laufenden über die Ereignisse in Barcelona halten.

„Bin tief erschüttert über Nachrichten aus Barcelona. Unser Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Freunden und Angehörigen“, teilt Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) am Donnerstag über Twitter mit. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz spricht von einem „feigen Anschlag auf unsere Werte“.

Das Auswärtige Amt aktualisierte am Donnerstagabend sehr schnell seine Sicherheitshinweise für Spanien: „Reisenden wird geraten, den Bereich weiträumig zu meiden, den Anweisungen der Sicherheitskräfte Folge zu leisten und sich über die lokalen Medien zu informieren“, teilte das Amt mit. Nach der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta ist die katalanische Hauptstadt der spanische Ort mit den meisten radikalisierten Moslems.

Vieles erinnert zudem an vorangegangene Attacken. Bei Anschlägen in London in diesem Jahr waren ebenfalls Autos zum Einsatz gekommen. Ein Angreifer tötete im März mit seinem Geländewagen auf der Westminster Bridge vier Menschen und erstach anschließend auf dem Parlamentsgelände einen Polizisten. Im Juni fuhren vier Männer mit ihrem Auto auf einen Bürgersteig an der London Bridge, stiegen aus und stachen mit Messern auf Passanten ein. Dabei kamen acht Personen ums Leben.

Der Anschlag trifft nicht nur Spanien, das Land ist in diesem Sommer so international wie kaum ein anderer Ort in Europa. Gerade Barcelona ächzt geradezu unter den Touristenmassen, die sich von überall her nach Spanien aufmachen, um ihren Urlaub in der Sonne zu verbringen. Die iberische Halbinsel wird dieses Jahr geradezu überrannt, oder, wie es Tui-Chef Fritz Joussen dieser Tage sagte: „Spanien ist ziemlich voll mit Touristen.“

Vielen Spaniern wird der Tourismus zu viel

Nach dem Knick infolge der Wirtschaftskrise 2008 und 2009 ging die Zahl ausländischer Besucher in Spanien Jahr für Jahr in die Höhe. 2016 waren es mehr als 75 Millionen, 10 Prozent mehr als im Jahr davor, und am Ende dieses Jahres dürften es nach dem derzeitigen Trend noch einmal gut 10 Prozent mehr werden – um die 83 Millionen, was der kompletten Bevölkerung Deutschlands entspricht. Zum Vergleich: Spanien hat 43 Millionen Einwohner. Viele meinen bereits, die Grenze sei erreicht.

Sie fürchten um ihre Wohnungen, um ihre Kultur, sie beklagen schlechte Arbeitsbedingungen in der Tourismusbranche und das schlechte Benehmen einiger Gäste. Mit gezielten Attacken haben sie in diesem Wochen ihrem Anliegen in diesen Hochsommerwochen Aufmerksamkeit beschert: zerstochene Reifen an Mietfahrrädern in Barcelona, ein antitouristisches Happening mit Konfetti und bengalischen Feuern im Jachthafen von Palma. Gerade demonstrierten baskische Nationalisten in San Sebastián unter dem Motto: „Euer Tourismus, Misere für die Jugend.“Und immer wieder Graffiti. „Tourist go home“ steht auf den Steinen am Strand und auf den Häuserwänden in Spaniens Innenstädten. Die spanischen Medien haben für die neuen Angriffe schon ein Wort erfunden: Turismofobia.

Selbst im nordspanischen Oviedo, das nicht gerade von Touristen überlaufen ist, sieht man die Botschaften gegen die Urlauber: „Hipster und Tourismus, neue Form des Terrorismus“, sprühte dort vergangene Woche jemand an eine Häuserwand. Die Aktivisten konnten nicht ahnen, wie deplatziert diese Worte nun wirken.

Dabei war es doch ausgerechnet die Sicherheit, die viele Urlauber in diesem Sommer nach Spanien lockten. Während viele der klassischen Urlaubsziele von der Türkei über Ägypten bis nach Tunesien politisch instabil sind oder von Terror heimgesucht wurden, konnte Spanien, und allen voran die Urlaubsinsel Mallorca, beides bieten: Sonne und Sicherheit. Und grundsätzlich profitiert das Land vom Besucherboom. Die Arbeitslosenrate ist im zweiten Quartal auf 17,2 Prozent gefallen, was immer noch der zweithöchste Wert in der EU ist, aber doch deutlich unter dem Spitzenwert von 26,9 Prozent auf dem Höhepunkt der Krise im ersten Quartal 2013 liegt.

Das alles rückte nach dem Anschlag schlagartig in den Hintergrund. Touristen wie Einheimische telefonierten bis in den späten Abend verzweifelt ihren Angehörigen hinterher. Nicht alle gingen ans Telefon.

Und hier geht´s weiter

Aktuelle Informationen und Entwicklungen nach dem Terroranschlag in Barcelona finden Sie in unserem Liveticker.

Von Martin Dahms und Dirk Schmaler/RND

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