Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Google+
Der Letzte macht das Licht aus

Exodus vom Balkan Der Letzte macht das Licht aus

Eine Generation wandert aus: Weil sie in ihre Heimatländern auf dem Balkan keine Chance haben, ziehen die Jungen und die Gutausgebildeten in den Westen der EU. Zurück bleiben die Alten – und ganze Staaten, die von den Überweisungen der Emigranten leben. Ein Teufelskreis?


Quelle: imago

Tirana. Wie man einen Businessplan macht, weiß Ornela schon. Bald will sie ein „successful and innovative entrepreneur“ sein, sagt die 23-Jährige in flüssigem Englisch und streicht ihr faltenlos glattes Kleid noch ein bisschen glatter. Eine erfolgreiche und innovative Unternehmensgründerin. Erst einmal aber will Ornela ihren Master in Betriebswirtschaft machen. „Am liebsten in Deutschland“, sagt die zierliche Businessfrau der Zukunft, schlägt die Beine übereinander und reckt selbstbewusst das Kinn.

Eine Privat-Universität im Wilden Westen Albaniens

Wer glaubt, er wisse etwas über den Balkan, kann in Bucimas noch was lernen. Am Rande des armseligen Dorfes im wilden Westen Albaniens steht die private Nehemiah Gateway University. Den Campus würde man eher in Kalifornien erwarten: moderne Gebäude mit strahlend hellen Unterrichtsräumen und ebenso lässigen wie ambitionierten Studenten, Security an der Pforte, ein Rasen wie mit der Nagelschere geschnitten. Ornela, die hier demnächst ihren Bachelor macht, kommt aus Pogradec, der nahen Kleinstadt mit ihren bröckelnden sozialistischen Wohnblöcken und metertiefen Schlaglöchern. Die Welt, die sie im Studium kennengelernt hat, wird sie kaum so leicht wieder verlassen wollen. Dann verlässt sie schon lieber ihre Heimat.

Dass Ornela bald in Deutschland arbeitet, ist nach der Statistik sehr wahrscheinlich. Dass sie irgendwann zurückkehrt, dagegen nicht. Aus Albanien sind seit 1990 geschätzte 45 Prozent der Hochschulabsolventen ins Ausland gegangen und 65 Prozent der Promovierten.

Südosteuropa verliert seine intellektuelle Elite

Alle Länder in Südosteuropa, ob EU-Mitglied oder nicht, kämpfen gegen einen gewaltigen Braindrain an. Englisch- und Deutschkurse sind überfüllt. Aus Serbien, berichtet der Belgrader Bevölkerungsforscher Vladimir Greic, sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten 300.000 frisch ausgebildete junge Leute, darunter 40.000 Hochschulabsolventen, abgewandert – unter Mitnahme einer Qualifikation, die das verarmte Land rund 12 Milliarden Euro gekostet hat. In Kroatien hat der Bildungsminister vorgeschlagen, von auswandernden Medizinern einen Teil der Studienkosten zurückzuverlangen.

Während im Westen, in Ländern wie Frankreich und Deutschland, die Armutsmigration aus Roma-Slums die Gemüter erregt, wächst im Osten und vor allem im Südosten des Kontinents die Angst vor den Folgen der massenhaften Auswanderung der Jungen.

Die Hoffnung, dass die gebildeten Emigranten irgendwann zurückkehren und ihr Wissen und ihre Erfahrung in die Heimat tragen, hat sich nicht erfüllt. „Sie kommen zurück und merken: Ich bin dreimal so gut wie mein Chef“, beobachtet Frank Hantke, der sich für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Tirana mit Arbeitskräften und Berufsausbildung beschäftigt. „Und dann gehen sie für immer.“

Sprachenlernen für den Abschied

„Später“, sagt Ornela, „will ich dann auch in mein eigenes Land investieren.“ Aber ihr Bildungsplan macht eine mögliche Rückkehr unwahrscheinlich. Schon bei der Wahl des Studienfachs orientieren sich junge Leute vom Balkan am deutschen oder sonstigen westeuropäischen, nicht am heimischen Arbeitsmarkt. So führte der Ansturm auf das Medizinstudium im bosnischen Tuzla zur Einrichtung dreier neuer Klassen. Die Seminare der Anglisten und Germanisten sind voll. Sprachenlernen für den Abschied.

Tatsächlich aber gehen nicht nur die jungen Akademiker, es geht eher eine ganze Generation. Zurück bleiben die Alten.

Kroatien verliert jährlich 25.000 Einwohner

Kroatien mit seinen 1,2 Millionen Arbeitsplätzen verliert seit dem EU-Beitritt 2013 jährlich rund 25 .000 Einwohner, oft ganze Familien. Dabei schrumpft in allen Ländern der Region schon seit der Wende um das Jahr 1990 die Bevölkerung, zum kleineren Teil wegen der sinkenden Geburtenrate, zum größeren Teil wegen der Emigration: Mehr als 10 Prozent der Bevölkerung von Rumänien und Mazedonien leben dauerhaft im Ausland; Rumänen lassen sich vor allem in Italien, Spanien und Frankreich nieder. Von den Kosovaren lebt jeder zehnte in Deutschland – obwohl Kosovaren als Einzige allein schon für eine touristische Reise in den Schengen-Raum ein Visum brauchen.

Die Regierungen halten sich mit der Klage über den Exodus zurück. Sie denken, anders als die Auswanderer, an den heutigen Tag, höchstens an morgen, aber kaum an die fernere Zukunft. Heimlich freuen sie sich sogar über die Rücküberweisungen der Ausgewanderten nach Hause – in den Balkanländern machen sie zwischen 20 und 50 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts aus. Laute Klagen gegen die „weiße Pest“, wie der Bevölkerungsrückgang genannt wird, führen dagegen nationalistische Parteien und Organisationen – und neuerdings auch die kroatische Handelskammer, deren Mitglieder vergeblich nach qualifiziertem Personal im Tourismus suchen.

Die Arbeitslosigkeit in der Region bleibt hoch

Das wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Trotz der vielen Wegzüge bleibt die Arbeitslosigkeit in fast allen Ländern der Region hoch: Bei etwa 25 Prozent liegt sie in Bosnien und Mazedonien, de facto bei mehr als 50 Prozent im Kosovo und bei immer noch 15 Prozent in Serbien und Albanien. Auswanderung und Arbeitslosigkeit sind zwei Übel – mit derselben Ursache.

Krieg und Sanktionen haben in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens die Industrie nachhaltig zerstört, direkt oder durch den Wegfall von Märkten und Handelsbeziehungen. Selbst im EU-Land Kroatien hat die Industrieproduktion nicht einmal wieder das Vorkriegsniveau erreicht. In Serbien sind seit den Neunzigerjahren etwa eine Million Industriearbeitsplätze weggefallen – bei insgesamt nur sieben Millionen Einwohnern. Entsprechend schwach fällt die Qualifikation der nachwachsenden Arbeitnehmer aus.

Statt Arbeitslosigkeit der deutsche Niedriglohn

Eine duale Berufsausbildung gibt es nicht, schon mangels geeigneter Betriebe. Das Lehrpersonal in den Fachschulen ist überaltert, schlecht bezahlt und ohne eigene praktische Erfahrung. So bleibt für viele Junge aus den ärmeren Balkanländern als Alternative zur Arbeitslosigkeit zu Hause nur der Niedriglohnsektor in Deutschland. Einen Weg dorthin gibt es immer: Für Bulgaren, Rumänen, Kroaten gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Mazedonier, die in den Westen gehen, besorgen sich bulgarische, Bosnier kroatische und Albaner griechische Pässe.

Jeder zweite Kosovare lebt von weniger als 1,40 Euro am Tag

Dem Kosovo, Schlusslicht unter den Balkanstaaten, haben seit dem Zerfall Jugoslawiens 1991 etwa eine Million Menschen den Rücken gekehrt – 1,7 Millionen leben noch dort. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei weniger als einem Zehntel des EU-Schnitts. Jeder zweite Kosovare lebt von weniger als 1,40 Euro am Tag, jedes sechste Kind ist unterernährt. Nach Zahlen der Weltbank besuchen 35 Prozent der 15- bis 24-Jährigen weder eine Schule oder Universität, noch gehen sie einer Beschäftigung nach.

Dabei hat das Land, im Kontrast zu seinen vergreisenden Nachbarn, die jüngste Bevölkerung Europas. Jedes Jahr kommen 30.000 Kinder zur Welt, bis zu 50.000 Schulabgänger drängen auf einen kaum wahrnehmbaren Arbeitsmarkt. In Deutschland finden sie allenfalls illegal in Restaurantküchen Arbeit. Von Hochschulstipendien in Deutschland profitieren Inder und Marokkaner, aber so gut wie keine Kosovaren. Die Visumpflicht für die EU-Länder, für die Ukrainer ab Juni aufgehoben, bleibt für sie bestehen.

Zwei Qualifikationen entscheiden: Verwandtschaft und Parteibuch

Aber nicht nur Arbeitslose aus den ärmsten Gebieten der Region wandern aus. „Die jungen Leute haben begriffen, dass ihre Arbeitskraft auf dem Balkan nicht geschätzt wird“, sagt die kroatische Migrationsforscherin Silva Meznaric. „Deshalb organisieren sie sich ihr Leben woanders.“ Wie in allen Balkanländern gelten auch in Kroatien nach wie vor zwei Qualifikationen als alles entscheidend: erstens Verwandtschaft und zweitens Parteibuch.

Dusan Reljic, Balkanexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, bietet eine grundsätzliche Erklärung an: Die Osteuropäer befänden sich in der „Einkommensfalle“. Selbst in EU-Ländern mit ansehnlicher Industrie, etwa der Slowakei, komme man über 600 Euro im Monat kaum hinaus – für jemanden, der für das Auto oder das Handy Preise auf deutschem Niveau zahlt, ist das ein trauriger Lohn. Besserung ist nicht in Sicht. „Und“, folgert Reljic, „wenn der Euro nicht zu den Menschen kommt, gehen die Menschen eben zum Euro.“

Kaum Güter und Dienstleistungen für die EU

Noch härter trifft diese Schere die sechs armen Balkanländer, die der Union erst noch beitreten wollen. Sie haben keinen Zugang zu den großen EU-Strukturfonds, die das Ungleichgewicht zwischen reichen und armen Ländern in Europa ausgleichen sollen – gleichzeitig aber dürfen sie im Vorgriff auf den Beitritt keine Zölle auf Waren aus der EU erheben. So häufen sie gegenüber dem Westen, besonders gegenüber Deutschland, ein enormes Leistungsdefizit an. Sie importieren mangels eigener Produktion Waren aller Art: von Autos und Handys bis zu Tomaten und Streichhölzern. Selbst haben sie aber kaum Güter und Dienstleistungen anzubieten, die sie in die reicheren EU-Staaten exportieren könnten.

Das Defizit wiederum können sie nur mit Krediten kompensieren. Kredite aber sind teuer, weil die Banken, zu 90 Prozent Tochterinstitute von EU-Banken, nicht über die gleichen Absicherungen verfügen wie ihre Mütter im Westen. Für Investitionen, mit denen die Balkanstaaten eines Tages konkurrenzfähig werden könnten, bleibt nichts übrig. Der Balkan sei „längst Teil des gemeinsamen Marktes“, sagt Reljic, nicht nur des Arbeitsmarktes. „Er hat bloß nicht die gleichen Konditionen.“

Wird die Arbeit zu teuer, ziehen die Investoren weiter

Investitionen von westlichen Unternehmen in diese Billiglohnländer in oder am Rande der EU schaffen nur zeitweise Entlastung. Denn: „Die einzigen Konkurrenzvorteile der osteuropäischen Staaten im gemeinsamen Markt sind niedrige Steuern und billige Arbeitskräfte“, sagt Reljic. Wird die Arbeit zu teuer, ziehen die Investoren weiter, meistens nach Asien. Damit das nicht passiert, bleiben die Löhne niedrig. Ein Teufelskreis.

Da sind die Europäer im Osten in ihren Lebensentscheidungen eben weiter als ihre Regierungen – sie halten es wie ihre großen Vorbilder in den Vereinigten Staaten. Dort findet ja auch keiner etwas dabei, dass man in Kalifornien oder Colorado studiert, in Pennsylvania oder New York arbeitet und in Florida die Rente verzehrt. So blicken die Balkan-Bewohner auch auf sich und die weite, große EU. Das zentrale Merkmal einer gemeinsamen Volkswirtschaft – die Währung – liegt schon vor: Der Kosovo und Montenegro zahlen mit Euro, in Bosnien und Bulgarien hat die D-Mark als Halb-Euro überlebt. In allen anderen Ländern der Region ist der Euro die Schattenwährung: Unternehmen wickeln ihre Geschäfte miteinander in Euro ab, selbst die Preise privater Autos werden in Euro annonciert.

Und die Überweisungen der Ausgewanderten – im Kosovo in guten Monaten mehr als 600 Millionen Euro – sichern nicht nur den Unterhalt der Daheimgebliebenen. Sie schaffen Kaufkraft – für europäische Waren.

Von Norbert Mappes-Niediek/RND

Tirana 41.3275459 19.8186982
Tirana
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Politik
  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

24. Juli 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Es gibt eine Wahrheit, vor der auch ich mich schon lange drücke. Eine, die auszusprechen weh tut: Um die Türkei steht es im Moment nicht gut. Ach was, um die Türkei steht es im Moment miserabel.

mehr