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20:10 16.06.2017
Altkanzler Helmut Kohl ist am Freitag im Alter von 87 Jahren gestorben. Quelle: dpa
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Ludwigshafen

Helmut Kohl hat es gewissermaßen doppelt gegeben. Das ist kein Wortspiel angesichts seiner beeindruckenden Körperfülle, sondern eine leibhaftige, persönliche Erfahrung. Der Mensch Kohl konnte ein anderer sein als der Politiker Kohl, jedenfalls ein anderer, als es das Bild des absoluten Machtmenschen vermittelt.

Das Ableben des Altkanzlers Helmut Kohl, der als Vater der Deutschen Einheit gilt, löste weltweit Trauer aus. Die wichtigsten Reaktionen von Gegnern und Weggefährten in der Übersicht.

Der Pfälzer war ein gutmütig plaudernder Nachbar, den kein Standesdünkel daran hinderte, dem Oggersheimer Mitbürger am Sonnabend in der Sauna oder am Sonntag in der Kirche die Grüße an die „Familje“ mitzugeben. Und die Aufforderung hinterherzuschicken, für den Aufguss im Dampfbad beim nächsten Mal einen Slibowitz mitzubringen. So viel Führungsanspruch musste schon sein, auch im Privaten.

Die Lästereien der Medien über den ewigen Provinzler sind an dem Mann abgeperlt. Kohl hat nie verstanden, was so schlimm daran sein soll, ein Oggersheimer zu sein. Er war halt einer.

Altbundeskanzler Helmut Kohl ist tot. Er soll am Freitagmorgen in seinem Haus in Ludwigshafen gestorben sein.

Franz Josef Strauß hielt Kohl für „total unfähig“

Über Helmut Kohl, den Kanzler der Einheit und der Parteispenden und der Euro-Einführung, scheint man alles zu wissen. Man weiß um das unübersehbar Genießerische am jungen Kohl, seine Vorliebe für Vivaldi und für den Hammond-Orgel-Virtuosen Franz Lambert, von seiner Selbsteinschätzung als Lyrikkenner („in Hölderlin war ich gut“), mal drei Zentner schwer, dann wieder abgespeckt. Man kennt sein Werden bis hin zum späten Kohl, das Gesicht zerfurcht, das Gemüt voller Misstrauen. Es war nicht seine einzige Wandlung, das doppelte Wesen scheint seinen Charakter bestimmt zu haben.

Der junge, politisch hochbegabte Konservative aus Mainz wurde erst bestaunt und dann als „Birne“ geschmäht, kaum dass er den schützenden Kokon der rheinland-pfälzischen Heimat verlassen hatte. Sein ewiger Widersacher und Waldspaziergängerfreund Franz Josef Strauß verbreitete hinter seinem Rücken das vernichtende Urteil, Kohl sei „total unfähig“ und werde „nie Kanzler werden“. Und dann hört man davon, verbürgt, dass Kohl immer einen Extrapacken Taschentücher dabeigehabt habe bei diesen Wanderungen, weil Strauß doch so arg schwitzte, und dass Kohl den erschöpften bayerischen Koloss knapp vor einem Kollaps kurzerhand auf den Rücken gepackt und zur rettenden Hütte geschleppt habe.

Wer möchte, kann in dieser Begebenheit schon das „Prinzip Kohl“ erkennen: auf Dauer widerstandsfähiger als die anderen sein, Nehmerqualitäten entwickeln.

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Kohl war ein Modernisierer

Kohl, das klingt putzig für die Jugend von heute, war ein Modernisierer. Die Unerschrockenheit, mit der er in den späten Sechziger- und in den Siebzigerjahren von Mainz aus seine Partei aufmischt, verschafft ihm Respekt, auch beim politischen Gegner. Die bürgerlich-katholisch geprägte CDU der Ära Adenauer überrollt Kohl mit einer Wucht, die ihn rasch nach oben trägt. Der Publizist Günter Gaus hat als einer der Ersten diesen neuen Typus des konservativen Politikers beschrieben. Ob er beeindruckt war, lässt Gaus im Unklaren: „Er gab sich zeremoniös beim Öffnen der Flaschen, Beriechen der Korken, Schnuppern der Blumen. Von Zeit zu Zeit stand er auf und wechselte eine Kassette mit Barockmusik.“ Erst als sich der Ministerpräsident aus der Provinz entschließt, die sozialliberale Koalition in Bonn anzugreifen, wechselt die Tonart, auch in den Medien. Aus dem „Enkel Adenauers“, dem „Schwarzen Riesen“ wird „der Oggersheimer“, und das war keineswegs freundlich gemeint.

Die Sehnsucht nach einem einigen Europa ist für Helmut Kohl mehr gewesen als irgendein politisches Ziel. Sie ist auch einem tiefen Misstrauen gegen seine Landsleuten entsprungen. Nur in einem größeren Ganzen, davon war Kohl zutiefst überzeugt, seien die Deutschen von weiteren schrecklichen Irrwegen wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts abzuhalten.

Es ist die Geschichte seiner Heimat, die ihn so denken lässt. Die Pfalz, hin- und hergerissen zwischen Deutschland und Frankreich, wird Kohl „zu einer Art Mikrokosmos der Reichsgeschichte, vieldeutig, spannungsreich, zwischen Katastrophen und Aufschwüngen wechselnd“, schreibt sein Biograf Hans-Peter Schwarz.

Weil der Pfälzer Kohl seine Gefühlswelt vor den anderen partout nicht verbergen kann und will, schleppt er Staatsgäste auf das Hambacher Schloss, in den Kaiserdom zu Speyer und nach Deidesheim zum Saumagen-Essen. Und hat eine diebische Freude dabei zu sehen, wie der Feinschmecker François Mitterrand und die heikle Margaret Thatcher sich überrumpelt fühlen.

Kohl beschwört die deutsche Einheit

Die deutsche Frage spielt in den Achtzigerjahren nur insofern eine Rolle bei seinem politischen Streben, als dass Kohl sie beharrlich offenhält. Bei seinem Besuch in Bonn 1987 hätte Erich Honecker eigentlich wissen müssen, dass er mit seiner Vorstellung von zwei deutschen Staaten in normalen Beziehungen bei Kohl kein Verständnis finden würde. Honeckers versteinerte Miene ist legendär, als Kohl in seiner Tischrede stur und trotzig die deutsche Einheit beschwört.

Wie sehr die Wiedervereinigung die Kanzlerschaft Kohls bestimmt, lässt sich schon an der Zeitschiene ablesen: Sie liegt in der Mitte der 16 Jahre – die Zeit davor ist verblasst in der Erinnerung, und die Zeit danach wird bestimmt von der Wahrnehmung eines Politikers, der sich nicht aus der Verantwortung lösen kann und dafür jeden Vorwand nutzt. Obwohl er angeblich amtsmüde ist, lässt er seinen designierten Nachfolger Wolfgang Schäuble nicht zum Zuge kommen. Er ist sich dabei nicht zu schade, beiläufig den Umstand zu erwähnen, dass Schäuble ja im Rollstuhl sitze, den er beharrlich „das Wägelschen“ nennt. Ungerührt steuert er 1998 in die Niederlage gegen seinen Herausforderer Gerhard Schröder.

Nach der Abwahl verzichtet er emotionslos auf den CDU-Vorsitz, bevor man ihm diesen wegnimmt.

Als die schwarzen Kassen der CDU und die dubiosen Spenden des Waffenhändlers Karlheinz Schreiber auffliegen, gerät Kohl in einen unheilvollen Sog. Er sieht sich genötigt, ein Geständnis im Fernsehen abzulegen, um Enthüllungen vorzubeugen. Mit einer halbherzigen Entschuldigung glaubt er, die Sache erledigen zu können. Es ist ein schwerer Irrtum.

Kohls Abstieg ebnet Merkel den Weg

Dass jemand sein Ehrenwort für höherwertig hält als den Amtseid des Bundeskanzlers, Recht und Gesetz zu wahren, entsetzt die Republik und veranlasst etliche Weggefährten, sich von dem einstigen Vormann abzuwenden. Das CDU-Präsidium wirft dem Ehrenvorsitzenden mangelndes Unrechtsbewusstsein vor. Kohl gilt in den eigenen Reihen als Verfemter, mit Ausnahme eines Häufleins Getreuer.

Kohls Abstieg ist eng verbunden mit dem Aufstieg von Angela Merkel. Sie war es, die beherzt das starke Band zwischen dem Altkanzler und seiner CDU durchschnitt, indem sie in einem Namensartikel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verlangte, die Partei müsse sich von dem „Übervater“ abnabeln. Als „provokante Abrechnung und Distanzierung“ empfand das der einstige Förderer. Merkel aber hatte auf ebenso elegante wie robuste Art deutlich gemacht, dass sie den Rat des Alten nun nicht mehr wollte.

Die letzten Eindrücke von Kohl waren von Mitleid geprägt. Der Freitod seiner Frau Hannelore, das Zerwürfnis mit den Söhnen, die schwere Krankheit nach einem Sturz, die Ehe mit Maike Kohl-Richter und deren Bestreben, die Deutungshoheit über das politische Erbe zu erlangen – das alles bildete den tragischen Hintergrund seiner späten Jahre. Aura und Autorität des Elder Statesman waren ihm nicht vergönnt.

Von Reinhard Urschel/RND

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