Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik Der Kampf um die Erinnerung
Nachrichten Politik Der Kampf um die Erinnerung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:43 17.08.2017
Kein Trump, kein Ku-Klux-Klan, kein Rassismus: In Durham (North Carolina) stehen Demonstranten vor dem umgestürzten Denkmal eines konföderierten Soldaten. Quelle: dpa
Anzeige
New Orleans

Es ging nicht nur um die Sklaverei. Für den amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) war das Thema zwar entscheidend, aber der Krieg entbrannte auch um eine andere Frage: Welche Rechte hatte die Bundesregierung in Washington, welche standen den Einzelstaaten zu? Abraham Lincoln, Präsident der Nordstaaten, Sklavenbefreier, war selbst ein Rassist. Lange plante er, die Schwarzen nach Afrika abzuschieben. Er wollte den Südstaaten gar nicht ins Sklavenhandwerk pfuschen. Verhindern wollte er nur, dass sie die Sklaverei in andere Bundesstaaten oder -territorien exportieren wollten. Daran entzündete sich der Krieg. Beide Seiten sahen sich als Freiheitskämpfer: Der Norden für die Freiheit der Sklaven, der Süden für die Freiheit der Einzelstaaten, über ihre Geschicke selbst zu entscheiden.

Deshalb werden die Helden des Krieges im Norden wie im Süden bis heute – mehr oder weniger – geehrt. Und deshalb ist es im Süden ein so heikles Thema, wenn Denkmäler für Generäle wie Robert E. Lee oder Thomas „Stonewall“ Jackson entfernt werden soll. Eines dieser Denkmäler für Lee, das auf Beschluss des Stadtrates beseitigt werden sollte, war Auslöser für die Zusammenstöße von Charlottesville (US-Staat Virginia), bei denen ein Rechtsradikaler eine Gegendemonstrantin mit seinem Auto tötete.

Die Gewalt eskaliert: Am Sonnabend raste in Charlottesville ein Rechtsradikaler mit seinem Auto in eine Gruppe Demonstranten – eine 32-Jährige kam dabei ums Leben. Quelle: The Daily Progress

In den ehemaligen Südstaaten ist ein heftiger Streit über den Umgang mit Konföderierten-Denkmälern entbrannt. Der Konflikt zeigt, wie präsent die Ideale und Konflikte des Bürgerkriegs südlich der Linie von Texas bis Virginia immer noch sind: Die einen sind stolz auf ihre rebellische Vergangenheit, die anderen wollen jede öffentliche Erinnerung an die Zeit von Sklaverei und Diskriminierung loswerden. Doch das ist nicht so leicht.

Nach Angaben des Southern Poverty Law Center (SPLC), einer 1971 gegründeten Bürgerrechtsorganisation, wurden auf öffentlichem US-Grund nach dem Bürgerkrieg mindestens 1503 Denkmäler zu Ehren der Konföderation errichtet. Dazu zählen Statuen, Monumente, Flaggen, aber auch Schulen, Städte und Brücken. In sechs Bundesstaaten gibt es sogar Konföderierten-Feiertage.

Heldenverehrung am Stone Mountain in Georgia: So groß wie ein Fußballfeld ist dieses in Granit geschlagene Relief, das den Südstaaten-Präsidenten Jefferson Davis mit den Generälen Robert E. Lee und Thomas „Stonewall“ Jackson zeigt – eine Touristenattraktion. Quelle: AP

Laut SPLC wurden die meisten dieser Denkmäler zwischen Kriegsende 1865 und den 1920er Jahren aufgestellt, oft war der rassistische Ku-Klux-Klan daran beteiligt. Zwischen 1950 und 1960, als die Bürgerrechtsbewegung gegen die unfaire Behandlung von Schwarzen ankämpfte, gab es laut SPLC eine zweite Denkmalwelle.

Für die schwarze Bevölkerung, die in vielen Städten im Süden die Mehrheit stellt, sind die Monumente eine andauernde Provokation – wurden sie doch zu Ehren von Männern errichtet, die sich für die Versklavung ihrer Vorfahren einsetzten. Aktivisten und Historiker fordern seit Jahren, dass die Denkmäler abgebaut oder in den richtigen Kontext gerückt werden.

Bewegung kam in die Sache erst, als der 21 Jahre alte Dylan Roof am 17. Juni 2015 in einer Kirche in Charleston (South Carolina) neun dunkelhäutige Menschen erschoss. Roof sagte nach seiner Festnahme, er habe gefürchtet, dass „Schwarze die Welt übernehmen“ – und deshalb einen „Rassenkrieg“ anzetteln wollen. Auf Fotos von seiner Webseite posierte er mit einer Konföderiertenflagge.

Gainesville in Florida: Am vergangenen Montag beginnen Arbeiter mit dem Abriss eines Denkmals für konföderierte Soldaten. Quelle: AP

Der Senat von South Carolina reagierte – und entschied knapp einen Monat später, die Konföderiertenflagge am Kapitol in der Hauptstadt Columbia einzuholen. Sie hatte seit 1962 auf dem Gelände geweht. Vor der Abstimmung erhielten einige Abgeordnete Berichten zufolge Morddrohungen. Von beiden Seiten.

Im Dezember 2015 stimmte der Stadtrat von New Orleans dafür, vier Bürgerkriegsdenkmäler entfernen zu lassen. Eineinhalb Jahre später setzte die Stadt den Abbau-Plan um. Mitte Mai wurde das letzte Monument abtransportiert, ebenfalls eine Lee-Statue wie in Charlottesville.

Lee führte als einer der Generäle die Konföderierten-Armee in den Krieg gegen die Union. Bürgermeister Mitch Landrieu sagte, die Konföderation habe „auf der falschen Seite der Geschichte und der Menschheit gestanden“. Man dürfe das, was passiert sei, zwar niemals vergessen, es aber auch nicht „auf ein Podest stellen“.

Birmingham im US-Staat Alabama: Auf Anordnung des Bürgermeister wird am vergangenen Dienstag ein Denkmal für die Konföderierten mit Holzplatten verhüllt. Quelle: dpa

Genau hier liege das Problem, sagen die Professoren Blain Roberts und Ethan J. Kytle von der Fresno State University in Kalifornien, die zum Thema Sklaverei während des Bürgerkriegs forschen. In den ehemaligen Südstaaten sei die Legende der „verlorenen Sache“ immer noch populär. Demnach hätten die Konföderierten die Union damals nicht im Streit um die Sklavenfrage verlassen, sondern „um für noble Ziele zu kämpfen: die Rechte der Bundesstaaten, niedrige Steuern, persönliche Freiheit“, erklärt Roberts. Natürlich sei das falsch, aber viele Menschen glaubten immer noch daran und seien stolz auf den Mut ihrer Vorfahren.

Die Monumente verschwinden daher nicht sang- und klanglos. Bei einer Demonstration anlässlich des Abbaus einer Statue des Konföderierten-Präsidenten Jefferson Davis gingen im Mai in New Orleans Dutzende Nationalisten auf etwa 700 Abbau-Befürworter los. Drei Angreifer wurden festgenommen. Zu der Demonstration aufgerufen hatte das Bündnis „Take ‚Em Down Nola“. Sein Ziel: Denkmäler zu Ehren der Konföderation aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Das Bündnis sieht in ihnen Symbole für die Unterdrückung von Schwarzen und ein generelles weißes Überlegenheitsgefühl. Dieses Gefühl sei in Städten wie New Orleans auch heute noch vorherrschend und münde in Diskriminierung und Mord.

General Thomas „Stonewall“ Jackson in Richmond (Virginia): Berühmt wurde er für den erfolgreichen Shenandoah-Feldzug 1862. Militärhistoriker halten ihn für einen der größten Taktiker des 19. Jahrhunderts. Quelle: AP

Unter den Gegnern des Abbaus der Denkmäler ist zum Beispiel die 1994 gegründete „League of the South“. Ihr Präsident Michael Hill sagte, das Entfernen der Konföderierten-Statuen käme einer „kulturellen und ethnischen Säuberung“ gleich. Er und seine Anhänger glauben, dass mit den Statuen auch ihre persönliche Existenz bedroht sei. Eine genaue Anhängerzahl wollte Hill nicht nennen. Die „League of the South“ hat sich laut Hill dem „Überleben, Wohlergehen und der Unabhängigkeit der (weißen) Menschen aus dem Süden“ verschrieben. Rassistisch sei das nicht, sondern der Ausdruck einer „gesunden Liebe zum eigenen Volk und zur eigenen Kultur“.

Als Reaktion auf das Entfernen der Denkmäler in New Orleans verabschiedete das Repräsentantenhaus von Louisiana – der Bundesstaat, in dem New Orleans liegt – Mitte Mai einen Gesetzentwurf gegen den Abbau weiterer Monumente. Demnach darf kein öffentliches Denkmal, das zu Ehren von Soldaten, Kriegen oder des Militärs errichtet wurde, „verändert, abgebaut, verlegt, zerstört, umgewidmet oder umbenannt werden“ – es sei denn, es gibt vorher eine offizielle Abstimmung. Dunkelhäutige Abgeordnete verließen aus Protest den Saal. Ein ähnliches Gesetz ist in South Carolina, Tennessee, Georgia und Mississippi in Kraft.

Gibt es im Umgang mit den Konföderierten-Denkmälern überhaupt einen richtigen Weg? Ja, sagen die Professoren Roberts und Kytle. Ihrer Meinung nach könnten die Monumente durchaus bestehen bleiben – allerdings nur dann, wenn sie zum Beispiel mit Gedenktafeln in den richtigen Kontext gerückt würden. Zwar sei auch ein ersatzloser Abbau möglich, so die Professoren. Besser wäre jedoch eine andere Variante, sagte Roberts: Anstelle der Konföderierten-Denkmäler andere Denkmäler aufzustellen, die „die komplizierte und oft schmerzhafte ethnische Geschichte der Region besser spiegeln“.

Von Miriam Kraus und Udo Harms

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In dem zuletzt stark aufgeladenen Konflikt auf der koreanischen Halbinsel setzt auch Südkorea auf versöhnlichere Worte. Südkoreas Präsident Moon Jae In glaubt, dass es keinen Krieg geben werde. Gleichwohl warnt er Nordkorea vor dem Überschreiten einer „roten Linie“.

17.08.2017

Was, befeuert durch Donald Trumps Äußerungen, gerade zwischen Seattle und Miami passiert, ist der Stoff, an dem eine Bevölkerung in sich zerbrechen kann. Die Empörung über Taten und Worte, mit denen die Pfade der Mitmenschlichkeit verlassen werden, darf niemals abstumpfen. Sonst ist alles verloren, meint Gordon Repinski.

16.08.2017

Nach massiver Kritik an Donald Trumps Verharmlosung der neonazistischen Ausschreitungen in Charlottesville waren ihm weitere Chefs wichtiger US-Konzerne abgesprungen. Jetzt hat Donald Trump seine beiden verwaisten wirtschaftlichen Beratergremien per Twitter aufgelöst.

16.08.2017
Anzeige