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Politik Der Kampf um den besten Wahlwerbespot
Nachrichten Politik Der Kampf um den besten Wahlwerbespot
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21:28 29.08.2017
Nehmen sich nichts: Die Wahlwerbung von Angela Merkel und Martin Schulz ist traditionell und langweilig. Quelle: dpa
Hannover

„Manchmal muss dich jemand zwingen, neu anzufangen“, sagt Christian Lindners Stimme. Über sein Gesicht flackern Worte. Bald ist klar, der erste Satz des Wahlspots der FDP ist Programm des gesamten Videos. Nach einer Metamorphose ist die Partei wieder da – und will neuer, moderner, lauter sein. Wie in einem Kino-Trailer wird der Wähler durch das Programm der FDP geführt – oder durch die Fragen, die sich die Partei offenbar selbst stellt. Lindner wirft mit Fragen um sich: „Wie bringen wir die Digitalisierung schneller voran? Was ist die richtige Wirtschaftspolitik?“ Konkrete Antworten gibt er aber keine. Beim ersten Sehen fällt das nicht auf – der Spot lenkt von den fehlenden Antworten ab. Bildausschnitte flackern schnell über den Monitor und Lindner ist den Menschen ganz nah – mitten unter ihnen. Doch am Ende hat der Wähler trotz des Kino-Erlebnisses doch noch eine Frage: „Wofür steht die FDP eigentlich?“

CDU wendet sich nicht nur an Stammwähler

Wofür die CDU steht, bleibt hingegen nicht lange verborgen: Für ein Land, in dem es auch in Zukunft Arbeit gibt, das Menschen bei Alter und Krankheit nicht alleine lässt. Es sind nicht unbedingt Themen, die man auf Anhieb der CDU zuschreiben würde. Chancengleichheit, Bildung, Integration – die Themen sind so offen, dass sie auch Menschen erreichen, die nicht unbedingt zu den Stammwählern gehören. Es ist eben das Merkel-Phänomen: Die CDU-Politikerin im Kleid der Sozialdemokraten hat sich eben etabliert. Nun versucht die CDU mit diesem Image den eher linksorientierten Wähler zu beeindrucken. Der Spot ist emotional. Er beginnt mit einem Embryo, der sich im Mutterleib befindet. Aus dem Off ertönt die Stimme der Kanzlerin, die sich fragt: „In welchem Deutschland wirst du einmal leben?“ Merkel führt mit ihrer ruhigen und besonnenen Stimme durch das Video, das die potenzielle Zukunft Deutschlands malt. Ihre Stimme ist so vertraut, dass man fast das Gefühl gewinnen könnte, dass es keinerlei Sorgen gibt. Der Weichzeichner über den einzelnen Sequenzen verstärkt den Eindruck. Kurz vor Ende des Videos wird wieder der Embryo eingeblendet und Merkel sagt: „Dein Deutschland soll ein Land sein, in dem wir alle gut und gerne leben.“ Ganz traditionell erscheint sie am Ende auch noch mal persönlich, „Mutti“ will den Wähler schließlich auch noch mal direkt ansprechen. Dabei hat man bisweilen das Gefühl, sie möchte einem ein Giro-Konto verkaufen. Das könnte aber auch einfach an der Werbeagentur liegen. Schließlich ist Jung von Matt auch für die aktuelle Sparkassen-Werbung verantwortlich.

Schulz ertönt in der Stimme eines vorlesenden Großvaters

Traditionell hält es auch die SPD. Martin Schulz führt ähnlich wie Angela Merkel durch den Wahlspot. Thema: Gerechtigkeit. Ähnlich wie in dem Spot der CDU hat man das Gefühl, die Bilder sind weichgewaschen. Mädchen in gebügelten Blumenkleidern hüpfen über perfekten Rasen, zwischendrin wird Geige gespielt, oder ein Junge tippt an einem hochwertigen Laptop. Immer wieder ertönt Schulz‘ Stimme mit der Tonalität eines vorlesenden Großvaters. Er gibt vor: Die Starken sollen den Schwachen helfen. Doch wo sind die Schwachen in der Wahlwerbung der SPD? Das Video suggeriert eine heile Welt. Aber im Grunde hat die SPD auch keine andere Wahl - als Partner in der großen Koalition ist sie für die Situation schließlich mitverantwortlich. Trotzdem: Dem Spot der SPD hätte es sicher gut getan, wäre er auch auf die kritischen Stimmen eingegangen. So ist das einzige Unschöne an dem Deutschland der SPD eine Baustelle im Hintergrund. Am Ende des Spots zeigt sich Schulz und versichert: „Gerechtigkeit wird immer ein Thema sein. Nur eine gerechte Gesellschaft hat eine Zukunft.“

Die Grünen werben mit Katzenbabys

Anders als die SPD machen die Grünen kein Geheimnis aus den Dingen, die falsch laufen. Der Spot ist wenig konservativ. Ähnlich wie in dem Spot der FDP wird auf schnelle Bilder, eingeworfene Wörter und Videosequenzen, die in sozialen Netzwerken gut ankommen – zum Beispiel Katzenbabys. Und weil man mal gelernt hat, dass man nie kritisiert, bevor man nicht auch etwas Gutes gefunden hat, zeigt das Video zuerst das Positive: gute Wirtschaft, gute Arbeit. Das war‘s dann aber auch schon: Gletscher schmelzen, Flüchtlinge rudern in überfüllten Gummiboten über das Mittelmeer, Obdachlose schlafen auf der Straße, Rechtsextreme demonstrieren. Zu den katastrophalen Bildern gibt’s klare Worte: „Es gibt viel zu tun“. Der Spot ist jung, dynamisch und voller Energie. Er geht auf die Wähler ein, nimmt ihnen die Sorge: „Keine Angst, wer was ändern will, braucht Mut.“ Das zeigen auch die Spitzenkandidaten – Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir. Sie sind mittendrin, packen gemeinsam mit den Wählern an. Sie versuchen ihr Image aufzupolieren - weg vom erhobenen Zeigefinger, hin zu Hand in Hand.

Der Linken hätte es nicht geschadet, etwas mehr in die Tiefe zu gehen

Auch die Linke macht keinen Hehl aus dem, was in ihren Augen schlecht läuft. In einem 360-Grad-Rundblick durch einen nicht identifizierbaren Stadtteil macht sie auf ihre Forderungen aufmerksam. Abrüstung, höhere Renten, sichere Jobs, weniger Armut, höhere Steuern für Reiche, bezahlbarer Wohnraum, keine rechte Hetze und mehr Pflegepersonal – jeder Teil des Rundblicks steht für ein anderes Thema. Das wirkt modern, fast wie ein Foto, das mit einer 360-Grad-Kamera aufgenommen wurde. Die Linke will aufmerksam wirken und jeden Winkel der Gesellschaft berücksichtigen. Das ist aber genau der Haken des Programms: Es klingt nach einer Seifenblasen-Welt, in der es keine Mängel mehr gibt. Doch der Linken hätte es nicht geschadet, bei all den sozialen Themen etwas mehr in die Tiefe zu gehen. Wie soll gegen rechte Hetze vorgegangen werden? Wie soll das alles finanziert werden? Letztere Frage wird mit „Millionäre besteuern, mehr Geld für Kitas und Schulen“ zwar angerissen, lässt einen dann aber irgendwie trotzdem fragend zurück. Das klingt nämlich fast so, als sei das eine eine Bedingung für das andere. Wenn das mit der Besteuerung der Millionäre nichts wird, muss auch die Bildung dran glauben. Das ist entweder nicht bis zum Ende gedacht oder einfach nur trotzig. Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch sind sich nach ihrem Spot allerdings sicher: „Nicht nur die Autoindustrie braucht einen Neustart, unser Land braucht einen politischen Neubeginn.“

Von RND/Mandy Sarti

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