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Politik Das wissen wir über Anis Amri
Nachrichten Politik Das wissen wir über Anis Amri
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16:31 22.12.2016
Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin wird nach dem Tunesier Anis A. gefahndet. Quelle: BKA
Berlin

Bei einem Anschlag mit einem Lastwagen auf einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin sind mindestens zwölf Menschen getötet worden. Rund 50 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen lebensgefährlich. Die Polizei fahndet nach dem Tunesier Anis Amri. Was wir bisher über den Mann wissen – und was nicht:

Kurz vor Weihnachten raste Anis Amri 2016 mit einem Lastwagen auf den Berliner Weihnachtmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zwölf Menschen kamen dabei ums Leben. Die Bilder vom Breitscheidplatz nach dem Anschlag.

Anschlag in Berlin: Was wir bisher über Anis Amri wissen

Seit wann ist Anis Amri in Deutschland? Er kam im Juli 2015 nach Deutschland. Er sei „hochmobil“ gewesen, berichtet Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD). Er tauchte zunächst in Freiburg in Baden-Württemberg auf, dann in Nordrhein-Westfalen und Berlin - dort habe er seit Februar 2016 überwiegend gelebt.

Wie ist Anis Amris Status? Sein Asylantrag war im Juni dieses Jahres vom zuständigen Bundesamt abgelehnt worden, die Behörden in Kleve (NRW) betrieben seine Ausweisung. „Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte“, sagt Jäger. Tunesien habe zunächst bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele.

Schließlich stellte das nordafrikanische Land aber doch Ersatzpapiere aus – sie seien an diesem Mittwoch eingetroffen, zwei Tage nach dem Anschlag. „Ich will diesen Umstand nicht weiter kommentieren“, sagt der NRW-Innenminister. Er hatte zuvor bereits mehrfach beklagt, wie schwierig es ist, nordafrikanische Straftäter in ihre Heimatländer abzuschieben.

Warum wurde Anis Amri überwacht? Zuletzt tauschten sich die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern im November im Terrorismusabwehrzentrum in Berlin über ihn aus. Er verwendete mehrere Alias-Namen und wurde von mehreren Behörden als islamistischer Gefährder beobachtet. Er habe Kontakt zur radikal-islamistischen Szene gehabt, berichtet Innenminister Jäger. Die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR berichteten von Kontakten zum Netzwerk des kürzlich verhafteten Hildesheimer Salafisten-Predigers Abu Walla, laut Jäger der „Chefideologe“ der Salafisten-Szene.

Über Amri, der 2015 über Italien nach Deutschland gelangt war, hieß es im „Spiegel“, er habe sich hierzulande gegenüber den Behörden als politisch verfolgter Ägypter ausgegeben. Da er so gut wie keine Angaben über Ägypten habe machen können, sei sein Asylantrag innerhalb weniger Wochen als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt worden. Auch sei damals bereits aufgefallen, dass er sich unter verschiedenen Identitäten in Europa bewegte.

Berlins Generalstaatsanwalt ermittelte seit März 2016 gegen Amri – wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat. Anlass seien Informationen gewesen, wonach Anis Amri „einen Einbruch plane, um hierdurch Gelder für den Erwerb automatischer Waffen zu beschaffen, möglicherweise, um damit später mit noch zu gewinnenden Mittätern einen Anschlag zu begehen“, teilte Berlins Generalstaatsanwalt mit.

Deshalb sei Anis Amris Kommunikation überwacht und auch beschattet worden. Dabei habe sich herausgestellt, dass der Verdächtige mutmaßlich als Kleindealer arbeite und sich eine körperliche Auseinandersetzung in einer Bar geleistet habe, erklärte Berlins Generalbundesanwalt weiter. Der Verdacht, dass Anis Amri einen Anschlag plane, habe sich dagegen nicht bestätigt. Deshalb sei die Überwachung im September beendet worden. Seit September hätten die Ermittler Anis Amri in Berlin nicht mehr gesehen.

Laut Informationen des „Spiegel“ hat sich der gesuchte Tunesier Anis Amri allerdings offenbar bereits vor Monaten als Selbstmordattentäter angeboten. Das Magazin beruft sich auf die Auswertung der Telefonüberwachung sogenannter „Hassprediger“. Allerdings seien die Äußerungen Amris so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme ausgereicht hätten. Dem Bericht zufolge erkundigte sich Amri auch, wie er sich Waffen beschaffen könne.

Wie stark ist jetzt der Verdacht gegen Anis Amri? Innenminister Thomas de Maiziére bestätigt, dass Fingerabdrücke des gesuchten Tunesiers Anis Amri an und in dem Tat-Lkw gefunden wurden. Damit verhärtet sich der Verdacht gegen den Tunesier.

Darüber hinaus lagen Amris Papiere im Fußraum des Lastwagens, der für den Anschlag benutzt wurde. Entscheidend ist, wie sie dorthin kamen: Wurden sie - quasi als Bekenntnis - absichtlich dorthin gelegt? Verlor Amri sie im Kampf mit dem polnischen Lastwagenfahrer? Wurden sie gestohlen und dort platziert, um eine falsche Fährte zu legen? Diese Frage lässt sich erst dann sicher beantworten, wenn Amri gefasst ist.

In der Nacht zu Mittwoch wurde bekannt, dass sich der mögliche Attentäter von Berlin im Internet über den Bau von Sprengsätzen informiert und direkten Kontakt zum IS gehabt haben soll. Das berichtet die „New York Times“ unter Berufung auf Aussagen nicht näher genannter amerikanischer Offizieller. Unklar blieb zunächst, auf welchen Zeitraum sich diese Angaben beziehen. Dem Bericht zufolge stand Amri mindestens einmal über den Messengerdienst Telegram in Kontakt zum IS. Sein Name habe zudem auf der Flugverbots-Liste der USA gestanden.

Was weiß Italien über Anis Amri?

Italienische Medien berichten über den Hintergrund des Hauptverdächtigen. Demnach ist Anis Amri schon als Schüler in Italien als Gewalttäter aufgefallen. „Er schuf in der Klasse ein Klima des Schreckens“, schreibt die italienische Tageszeitung „La Stampa“ über die kurze Zeit des Tunesiers an einer Schule in Catania auf Sizilien 2011.

Der junge Mann habe dort Eigentumsdelikte, Drohungen und Körperverletzung begangen. Als man versuchte, ihn zur Raison zu bringen, habe Amri rebelliert. „Seine Geschichte als guter Migrant endete mit dem Versuch, die Schule anzuzünden“, so die Zeitung unter Berufung auf seine Strafakte.

Dem Bericht zufolge wurde Amri nach seiner Flucht aus Tunesien im Februar 2011 von der italienischen Polizei registriert. Obwohl er volljährige gewesen sei, habe er sich als minderjährig ausgegeben, weil er sich davon anscheinend Vorteile versprochen habe. Nach den Vorfällen an der Schule habe ihn die Polizei im Oktober 2011 festgenommen. Das italienische Innenministerium wollte die Informationen zunächst nicht bestätigen.

Was sagt Anis Amris Familie? Sein Bruder hatte nach eigenen Angaben vor zwei Wochen zum letzten Mal Kontakt zu Anis Amri. Das berichtete er der „Bild“-Zeitung. „Er sagte immer, dass er in Deutschland keine Wohnung hat, mal hier und mal da schläft. Bei unserem letzten Kontakt vor zwei Wochen sagte er, dass es ihm gut geht“, sagte der Bruder. „Dass mein Bruder gesucht wird, habe ich bei Facebook gesehen. Ich habe keine Ahnung, ich weiß von nichts. Ich bin genauso betroffen wie alle anderen. Wir haben keinen Kontakt zu ISIS.“

Das Fahndungsplakat des BKA. Quelle: dpa

Das BKA beschreibt Anis Amri im Fahndungsaufruf wie folgt:

  • Alter: 23 (Am Donnerstag soll er 24 Jahre alt werden)
  • Staatsangehörigkeit: tunesisch
  • Größe: 178 cm
  • Gewicht: ca. 75 kg
  • Haare: schwarz
  • Augen: braun
  • Besondere Merkmale: Hautveränderungen an Hals und linker Nasenwurzel
  • Kleidung: Zur Tatzeit soll Anis Amri dunkle Kleidung sowie helle Schuhe und einen weißen Schal getragen haben.
  • Nach Angaben des BKA spricht Anis Amri gebrochen deutsch

Anschlag in Berlin: Die Entwicklungen im Newsblog

Ein Lastwagen ist am Montagabend in einen Weihnachtsmarkt in Berlin gerast. Mindestens zwölf Menschen sind ums Leben gekommen. Der mutmaßliche Fahrer wurde festgenommen. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. Verfolgen Sie die weiteren Entwicklungen in unserem Newsblog.

Anschlag in Berlin: Was wir bisher nicht wissen

Ist das im Führerhaus gefundene Dokument echt? Oder kann es sich um eine absichtlich falsch gelegte Spur handeln?

Nach wie vor ist unklar ist, ob ein oder mehrere Täter hinter dem Anschlag stecken, ob der oder die Täter von außen gesteuert oder aus eigener Initiative gehandelt haben.

Die Echtheit der IS-Behauptung, dass die Terror-Miliz verantwortlich für den Anschlag ist, lässt sich nicht verifizieren. Sie wurde aber über die IS-Kanäle im Internet verbreitet, die schon nach früheren IS-Anschlägen verwendet wurden.

Unklar ist, was in den letzten Stunden im Leben des eigentlichen Lkw-Fahrers geschehen ist. Die Leiche des Polen wurde am Tatort auf dem Beifahrersitz gefunden. Die „Bild“ meldet unter Berufung auf Obduktionsergebnisse, er habe bis zum Attentat noch gelebt. Ein Ermittler habe von einem Kampf gesprochen. Die Rede ist auch von Messerstichen. Nach dpa-Informationen wurde er mit einer kleinkalibrigen Waffe erschossen. Spekuliert wird auch, ob der Fahrer dem Täter ins Lenkrad gegriffen hatte.

Ebenfalls unklar ist, wie genau sich der Täter des Lastwagens bemächtigte. Polnische Medien berichten unter Berufung auf die Spedition von GPS-Daten, die zeigten, dass der Wagen in Berlin am Tag der Tat ab etwa 16 Uhr mehrmals gestartet worden sei. Um diese Uhrzeit Riss der Kontakt zwischen Spedition und Fahrer ab,

Das Schicksal ausländischer Vermisster – darunter eine Italienerin und eine Israelin – ist noch ungewiss.

Verhinderte Anschläge in Deutschland

Schon mehrmals konnten islamistische Terroranschläge in Deutschland verhindert werden.


Im Juni 2016 nehmen Spezialkräfte der Polizei drei mutmaßliche Anhänger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Brandenburg fest. Sie sollen einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt geplant haben.

Im Februar 2016 kommt die Polizei einer mutmaßlichen Terrorzelle auf die Schliche und schlägt zeitgleich in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zu. Die vier Verdächtigen hatten womöglich einen Anschlag in Berlin geplant.

Im März 2013 fasst die Polizei vier Verdächtige aus der Bonner Islamisten-Szene, die einen Anschlag auf den Chef der rechtsextremen Splitterpartei „Pro NRW“ geplant haben sollen. Einer soll die Bombe in Bonn deponiert haben.

Im Dezember 2012 wird im Bonner Hauptbahnhof eine Sporttasche mit einem Sprengsatz gefunden. Die Bundesanwaltschaft geht von einem versuchten Anschlag mit islamistischem Hintergrund aus.

Im April 2011 konnten Ermittler in Düsseldorf drei mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder festnehmen, die einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant hatten. Im Dezember 2011 wird in Bochum ein viertes mutmaßliches Mitglied der „Düsseldorfer Zelle“ gefasst. Die vier Männer müssen mehrere Jahre ins Gefängnis.

Im September 2010 ist nach Medienberichten ein Plan von den Behörden vereitelt worden, nach dem gleichzeitig Anschläge in London, Frankreich und Deutschland durchgeführt werden sollten. Dabei war ein Vorgehen ähnlich wie im indischen Mumbai 2008 geplant, als die Angreifer u. a. zwei Luxushotels angriffen.

Im September 2007 verhindern deutsche Behörden schwere Bombenattentate auf US-Einrichtungen in Deutschland. Die Pläne der so genannten Sauerland-Gruppe waren bereits weit fortgeschritten, bevor die Behörden eingriffen.

Im November 2006 gelang es den deutschen Sicherheitsbehörden, einen versuchten Anschlag islamistischer Terroristen auf ein israelisches Verkehrsflugzeug zu verhindern. Ein Bombenkoffer sollte in eine in Frankfurt am Main startende Maschine der Fluggesellschaft El Al geschmuggelt werden.

Im Juli 2006 konnten Anschläge auf zwei Regionalzüge in Nordrhein-Westfalen verhindert werden, weil die Akteure handwerkliche Fehler begingen. Die Libanesen Youssef el-Hajdib und Jihad Hamad hatten am 31. Juli 2006 am Kölner Hauptbahnhof Sprengsätze in zwei Züge nach Koblenz und Hamm gelegt. Drei Wochen nach den gescheiterten Anschlägen wurde el-Hajdib in Kiel gefasst, Hamad stellte sich im Libanon.

Im Dezember 2004 wurde ein Anschlag bei einem Berlin-Besuch auf den Irakischen Ministerpräsidenten Ijad Hashim Allawi verhindert. Federführend soll damals die islamistische Terrorgruppe Ansar al Islam gewesen sein

Von RND/abr/are/cab/fw/wer/dpa

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