Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik Das schöne Bild vom neuen Iran
Nachrichten Politik Das schöne Bild vom neuen Iran
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:08 18.05.2017
Beste Aussichten? Junge Flaneure posieren auf der Tabiat-Brücke vor der Skyline der 14-Millionen-Metropole Teheran. Quelle: AFP
Anzeige
Teheran

Der Junge ist selbstbewusst. Sehr selbstbewusst. Er zieht an seiner Wasserpfeife (was verboten ist), schwärmt von vorehelichem Sex (was verboten ist) und von dem Nebenverdienst, den ihm couchsurfende europäische Touristen bescheren (was ebenfalls verboten ist). Verboten? „Gibt’s nicht“, sagt Kenan. „Es gibt nichts, was ich in Teheran nicht tun kann.“ Kenan findet immer einen Weg.

Deshalb ist er in Darband. Hockt gelassen im zur Straßenseite hin offenen Teehaus auf einem teppichbedeckten „Takht“, einem Sitztisch, und lässt die Wasserpfeife in der Runde kreisen.

Zwei Kandidaten, zwei Welten, Modern oder Tradition, Ruhani oder Raisi: Welche politische Richtung wird sich bei der Präsidentschaftswahl am 19. Mai durchsetzen?

An den Hängen des Elburs-Gebirges liegt gleich hinter den eleganten Apartmentanlagen die entspannteste Partymeile der 14-Millionen-Metropole Teheran. Touristen kommen gerne hierher, vielleicht sind die Sittenwächter deshalb konzilianter. Mit seinen Freunden – wie er aus wohlhabendem Hause – ist Kenan im Geländewagen die Platanenallee hinaufgefahren. Kenan hat sie nicht beachtet, die schicken Läden rechts und links der Allee. In deren Schaufenstern sind ärmellose, mit Pailletten übersäte Abendkleider um Puppen drapiert. Kopflose Puppen. Wer keinen Kopf hat, kann auch kein islamisches Verhüllungsgebot brechen.

So was bemerken nur noch die jungen Deutschen oder Französinnen, die auf Kenans Sofa übernachten und mit denen der Sprössling eines Clans von Hotelbesitzern manchmal den Berg hinauffährt. Für Kenan ist das normal. Das teils verlogene, teils amüsante, teils gefährliche Wechselspiel von Anspruch und Wirklichkeit. Von Unterdrückung und Widerstand. Von Doppelmoral.

„Der nächste Aufstand wird kein demokratischer Aufstand sein“, fürchtet der Teheraner Schriftsteller Amir Cheheltan. Quelle: dpa

Es hat sich wenig verändert in den knapp zwei Jahren, in denen der Westen den Iran neu entdeckt hat. Nur denen, die von draußen kommen, scheint alles neu. Ach, so locker sitzt das Kopftuch! Oh, Frauen sind Ärztinnen und Ministerinnen! Ui, da dringt Rockmusik aus einem Lokal! Am Ende heißt es : Das Land der Mullahs modernisiert sich. Die Iraner öffnen sich dem westlichen Lebensstil. Stimmt alles. Und ist doch nur die halbe Geschichte.

Im Januar 2016 sollte im Iran eine neue Zeitrechnung anbrechen. Damals trat der Atomdeal in Kraft, den die fünf UN-Vetomächte und Deutschland mit dem Regime der Islamischen Republik geschlossen hatten: Ihr verzichtet auf die Entwicklung der Atombombe, wir heben die Wirtschaftssanktionen auf. So ist es geschehen. Und die westlichen Unternehmer stehen Schlange mit ihren Werkzeugmaschinen und Ölförderanlagen und Lokomotiven. Bei der Teheraner Ölmesse waren vor wenigen Tagen Aussteller aus 50 Nationen präsent, allein 177 deutsche waren da, Hunderte haben keinen Platz mehr bekommen.

Der Reform-Präsident Hassan Ruhani hat am Ende seiner ersten Amtszeit einiges vorzuweisen: ein Wirtschaftswachstum von 6,4 Prozent in einem Jahr und ein Absinken der Inflationsrate von 35 auf 8,6 Prozent. Das heißt noch lange nicht, dass seine Wiederwahl am heutigen Freitag garantiert ist. Denn er hat nur ein Drittel seiner Wahlversprechen von 2013 gehalten. Ja, die Isolation des Irans ist beendet. Aber nein, die meisten Menschen verspüren vom Aufschwung gar nichts. Und nein, er hat den Menschen keine größeren Freiheiten verschafft. Er ist gegenüber den konservativen Klerikern, dem Establishment, eingeknickt.

Die Geschichte vom Oberzensor macht das anschaulich. Amir Hassan Cheheltan, einer der bekanntesten iranischen Schriftsteller, war ganz beschwingt, als er wenige Monate nach Aufhebung der Sanktionen an einem Teheraner Restauranttisch die Geschichte vom Oberzensor erzählte. „Er hat mich gerade angerufen und sich entschuldigt für das, was er mir angetan hat“, berichtete Cheheltan. „Angetan“ hatte der Oberzensor dem Autor das Verbot, auch nur einen Roman in seinem Heimatland zu veröffentlichen. Ein Band von Kurzgeschichten, stark zensiert, das war alles, seit 2005. Mehrere Romane sind in dieser Zeit in Deutschland erschienen, zuletzt 2015 „Der Kalligraph von Isfahan“. Und nun dies: „Der Zensor lud mich ein, alle Werke zur Wiederbegutachtung vorzulegen.“

Nachfrage ein Jahr später, was ist passiert? „Nichts“, sagt Cheheltan. „Ich habe nie wieder von ihm gehört. Um sie mal zu testen, habe ich einen neuen Roman eingereicht, aber sie wollten, dass ich ganze Kapitel lösche, es wäre nichts geblieben von der Geschichte.“

Unter Ruhani, sagt Cheheltan, habe sich die Lage von Intellektuellen nur geringfügig verbessert. Für das „Iranische Schriftstellerzentrum“ gilt nach wie vor Versammlungsverbot, er selbst darf weder öffentlich lesen noch in Radio oder Fernsehen erwähnt werden. Pressefreiheit, so klagen Organisationen wie Reporter ohne Grenzen, existiert nicht, Menschenrechtler werden gnadenlos verfolgt.

Das Bild von den fröhlichen, modischen jungen Menschen in den Straßen Teherans, den Flaneuren auf der eleganten, dreistöckigen Tabiat-Brücke täuscht. Die Konservativen haben längst nicht aufgegeben. Seit einem Jahr treibt eine gut 7000 Mann und Frau starke „geheime Sittenpolizei“ in Teheran ihr Unwesen. Die Moralwächter sind in Zivil unterwegs und haben vor allem die Frauen im Visier: Wer zu locker gekleidet ist, zu laut die falsche Musik hört, wird angezeigt. Vor einer Woche machte ein Video die Runde, das zeigt, wie ein Polizeibus eine Frau mit nach hinten geschobenem Kopftuch absichtlich überrollt.

Denkverbote treffen sogar den Präsidenten selbst und seine Herausforderer. Bei der letzten TV-Debatte vor einer Woche haben sie zwar heftig gestritten über den außenpolitischen Kurs der Theokratie und – ein inszenierter Tabubruch – über das katastrophale Müllproblem in Teheran. „Es war nur ein Ablenkungsmanöver“, glaubt Cheheltan. „Damit man nicht über die wirklich schwierigen Sachen sprechen muss. Etwa darüber, wie sich die korrupten Revolutionären Garden bereichern, die Häfen kontrollieren, mit geschmuggelter Ware in die eigene Tasche wirtschaften.“

Man spricht nicht über das Versagen des Gottesstaats. Denn der bleibt Programm. Auch da, wo eine der größten wirtschaftlichen Chancen für eine Gesellschaft liegt, die wohl eine der gastfreundlichsten dieser Erde ist: im Tourismus.

Rund 5,6 Millionen Touristen haben 2016 dieses vielschichtige Land besucht; sie haben das Grabmal des Poeten Haffis in Schiras gesehen, die Brücken von Isfahan und Ghom, sie haben Wüstentouren mit Motorrädern gemacht. Schlag auf Schlag hat Tourismusminister und Vizepräsident Massud Soltanifar Verträge mit europäischen Hotelketten besiegelt, hat Visaerleichterungen ausgehandelt und Fluglinien wiedereröffnet, er hat dafür gesorgt, dass die Steuer für Hotelprojekte ausgesetzt wird, und als letzten Akt vor seiner Versetzung ins Sportministerium durchgesetzt, dass im Haushalt 2017 fast 300 Millionen Euro für den Ausbau des Tourismus bereitgestellt sind.

Soltanifar ist Mastermind hinter dem iranischen Tourismusboom – und lässt keinen Zweifel daran, was er will: „20 Millionen Touristen im Jahr 2025.“ Nur: Es sind vor allem „Halal“-Touristen, Muslime, die zu den heiligen Stätten der Schiiten pilgern. Die keinen Alkohol an der Hotelbar verlangen, nicht im Bikini am Pool liegen wollen und gar nicht daran denken, politische Debatten mit Einheimischen vom Zaun zu brechen. Die 29 000 deutschen Bildungsreisenden, die die iranische Statistik für 2016 ausweist, sind bei den deutschen Veranstaltern zwar Rekord, aus Soltanifars Sicht angesichts der Millionen Pilger nur Beiwerk. Seine streng verhüllte und streng blickende Nachfolgerin hat nicht zu erkennen gegeben, dass sie sich das anders vorstellt. Das bleibt Menschen wie Mardjan Ziaye überlassen.

Mardjan ist in Marburg geboren, sie ist mit zwölf nach Teheran gekommen, behütet in einer liberalen Familie aufgewachsen und vergangenes Jahr, mit 20, zum Deutschstudium nach Isfahan gegangen. Sie hatte keine Lust mehr, sich dem Druck ihrer partywütigen Altersgenossen – „ein Anruf, und in 20 Minuten ist der Wein geliefert“ – in der Hauptstadt zu beugen. Auf ihrem strassbesetzten Handy meldet sich regelmäßig eine App mit dem Gebetsruf des Muezzins.

Viel glücklicher ist sie in Isfahan nicht geworden. Kein Sport ohne störende Verhüllungen, kein selbstverständlicher Kontakt mit einem Jungen. „Ich würde gerne so leben wie in Deutschland“, sagt die sanfte Mardjan. Religionsfreiheit, das findet sie toll: „So frei glauben, wie ich will – aber auch so frei leben.“

Es wird, fürchtet Amir Cheheltan, noch lange nichts werden mit dieser Art von Freiheit. Egal, wer gewählt wird. Im Gegenteil. Der Bücherrebell sieht „das Potenzial für soziale Unruhen“.

Noch vor einem Jahr, in den Zeiten des Aufbruchs, hat er fest an die „Weisheit der Geduld“ geglaubt, daran, dass die Iraner die Diktatur der Mullahs schon wegmodernisieren würden. Aber seither „ist die Kluft zwischen Arm und Reich nur noch viel größer geworden“. Ein Drittel der Bevölkerung lebt inzwischen in den Vorstädten, in Slums. 13 Prozent sind arbeitslos – unter den Jugendlichen gar 30 Prozent. Millionen zornige, vom Reformer Ruhani enttäuschte junge Menschen ohne Hoffnung auf Arbeit. Und soziale Anerkennung. Angelockt von leeren Versprechungen.

„Es braucht nur einen Führer, der die Flamme entzündet. Und es wird kein demokratischer Aufstand wie die Grüne Revolte von 2009 werden. Sondern einer, der von religiöser Wiedererweckung getragen wird.“

Auch über den Atomvertrag wird abgestimmt

Der Wächterrat hat die erste Wahl: Aus rund 1600 Bewerbern hat die mächtige Regierungskommission die Kandidaten ausgewählt, die „ideologisch qualifiziert“ sind für das Präsidentenamt. Frauen sind nicht dabei. Von den sechs Männern, die es auf die Kurzliste schafften, sind noch vier im Rennen. Die aussichtsreichsten: der reformorientierte Hassan Ruhani und der ultrakonservative Ebrahim Raisi. Gewinnt kein Kandidat am heutigen Freitag die absolute Mehrheit, gehen die beiden Erstplatzierten am 26. Mai in die Stichwahl.

Präsident Hassan Ruhani hat in vier Jahren Amtszeit eine Revolution vollbracht: Mit der Verhandlung eines internationalen Atomabkommens hat er Irans nukleare Ambitionen zugunsten wirtschaftlicher Entwicklung und Öffnung preisgegeben. Der 68-jährige Geistliche steht, obwohl selbst Teil des Establishments, für eine gemäßigte Innenpolitik. Seine Anhänger hoffen auf den Aufschwung – und eine sanfte Liberalisierung der Gesellschaft.

Ebrahim Raisi will das Gegenteil: mehr Härte, weniger Offenheit. Der ehemalige Staatsanwalt, Vertrauter des Obersten Führers Chamenei und verantwortlich für eine der größten Hinrichtungswellen der Islamischen Republik, führt eine große religiöse Stiftung – in Wahrheit ein mächtiges Firmenkonglomerat. Raisi will eine „Widerstandswirtschaft“ installieren, die Iran autark, unabhängig von den Weltmärkten machen soll. Der Atomdeal mit dem Westen würde unter seiner Ägide mit Sicherheit infrage gestellt.

Von Susanne Iden

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Verbindungen zwischen dem früheren Wahlkampfteam von Donald Trump und der russischen Führung waren offenbar enger als bisher bekannt: 18-mal soll es zu Kontakten gekommen sein. Der US-Präsident spricht von einer „Hexenjagd“.

18.05.2017

Die Grünen wollen ihre Zustimmung zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr an strengere Bedingungen als bisher knüpfen. „Internationale Einsätze darf es nur noch mit UN-Mandat geben. An der UN darf kein Weg vorbeiführen“, sagte der Bundestagsabgeordneten Jürgen Trittin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

18.05.2017

Die diplomatische Affäre um den Bundeswehrstützpunkt im türkischen Incirlik spitzt sich weiter zu. Nun ätzt der türkische Außenminister gegenüber der Bundesregierung: Man werde nicht betteln, dass die Deutschen bleiben.

18.05.2017
Anzeige