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Politik Opfervertreter: „Das kann die Kirche nicht aussitzen“
Nachrichten Politik Opfervertreter: „Das kann die Kirche nicht aussitzen“
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07:03 21.09.2018
„Diese Studie muss ein Weckruf sein“: Matthias Katsch. Quelle: Rainer Surrey
Berlin

Matthias Katsch ist selbst als Schüler am Berliner Canisius-Kolleg von einem Priester missbraucht worden. 2010 hat er mit anderen Betroffenen die Opferorganisation „Eckiger Tisch“ gegründet. Außerdem ist er Mitglied des Betroffenenrates des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung.

Herr Katsch, am 25. September stellt die Deutsche Bischofskonferenz die lange erwartete Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche vor. Einige zentrale Ergebnisse sind bereits bekannt: Für die Zeit von 1946 bis 2014 zählen die Autoren 3677 minderjährige Opfer und 1670 Kleriker als Täter. Hat Sie das Ausmaß des Missbrauchs überrascht?

Überrascht hat es mich nicht. Rund fünf Prozent der Kleriker sollen sich an Kindern und Jugendlichen vergangen haben – das ist eine Zahl, die wir auch aus Untersuchungen in anderen Ländern kennen. Aber die Zahlen erschüttern mich und sie müssen jeden erschüttern, der sich das Leid vorzustellen vermag, das hier über so viele Kinder, Jugendliche und ihre Familien gebracht wurde.

Sie wurden selbst am Canisius-Kolleg Opfer der sexuellen Gewalt dort, Sie können dieses Leid gut ermessen.

Das ist richtig. Dabei ist mein eigener Fall, also die Übergriffe am Canisius-Kolleg, in diese Studie gar nicht eingeflossen, weil die Taten an Schulen und Ordensgemeinschaften hier gar nicht Gegenstand waren.

In Wahrheit war es also noch viel schlimmer?

Die Studie zeigt einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Das, was sich in den Archiven der Bistümer fand. Wir wissen aber, dass Akten vernichtet wurden und viele Fälle nicht richtig dokumentiert wurden. Außerdem muss man von einem großen Dunkelfeld ausgehen.

Es gab von vornherein Kritik an der Studie, der Kriminologe Christian Pfeiffer hatte eine Zusammenarbeit mit der Kirche letztlich abgelehnt. Waren die Bedenken also berechtigt?

Die Wissenschaftler, die die Studie erstellt haben, haben ihr Möglichstes sehr engagiert getan. Aber sie hatten keinen direkten Zugang zu den Akten, das ist nicht befriedigend. Außerdem fehlen die Aussagen der Opfer, es werden keine Namen von Tätern genannt, von Verantwortlichen, es gibt keine Zeugenaussagen. Es ist eine sozialwissenschaftliche Studie, keine konkrete Aufarbeitung. Die muss nun folgen.

Wie kann die aussehen?

Wir brauchen eine unabhängige Untersuchungskommission, die den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche aufarbeitet. Diese muss einen gesetzlichen Auftrag haben, professionell ausgestattet sein und Zugang zu allen Akten bekommen. Anders wird es nicht gehen, das kann man der Kirche nicht selbst überlassen.

Wie realistisch ist es, dass sich die katholische Kirche darauf einlässt? Schon gegen diese Studie gab es in einigen Bistümern große Widerstände.

Diese Studie muss ein Weckruf sein. Wir kommen an einen Punkt, wo die Institution Kirche infrage gestellt wird, und das müssen die Verantwortlichen sehen. Die Glaubwürdigkeit ist derart erschüttert, dass sie eigentlich nicht anders kann, als sich darauf einzulassen. Wenn die katholische Kirche meint, das aussitzen zu können, dann gute Nacht!

Die katholische Kirche hat selbst einen Missbrauchsbeauftragten eingesetzt. Zeigt dies und der Auftrag zu der Studie nicht den guten Willen der katholischen Kirche, sich diesem Punkt zu stellen?

Bei vielen mag es diesen guten Willen geben, und Bischof Stephan Ackermann setzt sich sehr für die Opfer ein. Aber dass die Kirche die Forscher nicht selbst an die Akten ließ zeigt aber, ebenso wie die beleidigten Reaktionen mancher Bischöfe über die vorzeitige Veröffentlichung, das große Kontrollbedürfnis der Kirche. Sie wollen die Macht über das behalten, was nach außen dringt. Davon müssen sie sich verabschieden. Dieser Prozess wird unangenehme Wahrheiten hervorbringen. Aber es wird nicht anders gehen.

Gegen Papst Franziskus gibt es einerseits Vertuschungsvorwürfe, andererseits hat er den sexuellen Missbrauch in der Kirche deutlich benannt. Sehen Sie ihn als Verbündeten?

Er hat starke Worte gefunden, kein Zweifel, und ich sehe seine für einen 81-Jährigen bemerkenswerte Bereitschaft, dieses Thema an sich heranzulassen. Aber nun müsste er seinen Worten auch Taten folgen lassen.

Was genau sollte er tun?

Er müsste den Zugang zu den Akten im Vatikan öffnen, die Missbrauchstaten dokumentieren und dort sei Jahrzehnten vertraulich archiviert sind. Und er könnte die Bischöfe etwa in Deutschland auffordern, dasselbe zu tun. Ein wichtiger Schritt wäre es auch, wenn er zu seiner Konferenz gegen sexuellen Missbrauch im März nicht nur 80 Bischöfe, sondern auch 80 Betroffene aus den Ländern einladen und anhören würde. Aber für mich ist noch die Frage, was er wirklich will – und ob er sich in seinem Apparat gegen die Beharrungskräfte am Ende durchsetzen kann.

Sind Sie zuversichtlich, dass es tatsächlich zu einer umfassenden Aufarbeitung kommt?

Ich setze mich seit acht Jahren für dieses Ziel ein und verwende wirklich viel Zeit und Energie darauf. Ich wäre nicht mehr dabei, wenn ich nicht darauf hoffen würde.

Von Thorsten Fuchs/RND

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