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Politik Das Pogrom von Rostock
Nachrichten Politik Das Pogrom von Rostock
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17:27 21.08.2017
Quelle: dpa
Rostock

Dabei wollte Nguyen Dinh Khoi doch nur Obst verkaufen. Trauben, Apfelsinen, Bananen, die er vom Großmarkt in Hamburg holte. Morgens um vier stand er auf, stellte seinen Stand auf dem Platz am Glatten Aal auf, gleich gegenüber vom Rathaus, und breitete seine Früchte aus. Meist dauerte es dann nicht lange, bis die ersten Skinheads kamen. „Jüngelchen“, so nennt Herr Khoi sie heute, als wolle er nur ja nicht dramatisieren, was ihm damals widerfuhr. Aber es waren sehr brutale Jüngelchen, die da kamen, Bananen klauten, gegen seinen Stand traten oder ihn schlugen. „Jede Woche ging das so“, erinnert er sich.

Bilder vom „Sonnenblumenhaus“ in Rostock – damals und heute.

Stand aufbauen, Obst verkaufen, bedroht werden: So sah Herrn Khois Alltag aus, damals, im Frühjahr 1992 in Rostock, im Jahr des Po­groms von Lichtenhagen.

Nguyen Dinh Khoi ist heute 51 Jahre alt, ein schmaler, sportlich-hagerer Mann mit einem Bart, in dem die grauen Haare langsam dichter werden. Herr Khoi erzählt seine Geschichte im Klosterhof in der Rostocker Innenstadt, einem Ort, der von den Wohnblöcken in Lichtenhagen fast so weit entfernt scheint wie von seiner alten Heimatstadt Hanoi. Ein Vierteljahrhundert ist das alles nun her, und doch beginnt seine Stimme irgendwann zu stocken, als er von dieser Zeit erzählt, und, ja, Herr Khoi weint. Vielleicht, weil er an die Frau denken muss, die ein paar Tage nach den Ausschreitungen von Lichtenhagen, nach der Jagd auf seine Landsleute, zu ihm an seinen Stand kam und sagte: „Wir sind nicht alle so. Ich schäme mich.“ Vielleicht aber auch, weil er an die Eisenstange denkt, die er sich in jenem Frühjahr in seinen Stand legte, als Waffe. „Irgendwann ging es nicht mehr ohne“, sagt Herr Khoi, wiederum fast entschuldigend. Aber seine Erfahrung war: Um als Vietnamese in jener Zeit in Rostock Obst verkaufen zu können, musste man sich wehren können.

Der Vietnamese Nguyen Dinh Khoi wurde zu Beginn der Neunziger Jahre Opfer von Übergriffen. Quelle: Thorsten Fuchs

Man muss die Geschichte von Herrn Khoi und der Eisenstange nicht kennen, um zu wissen, was vor 25 Jahren in Rostock-Lichtenhagen geschehen ist. Aber sie hilft sehr, um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.

Lichtenhagen, an einem sonnigen Tag Mitte August. Der elfstöckige Block an der Stadtautobahn ist inzwischen saniert, es gibt behindertengerechte Eingänge. Geblieben ist das Mosaik, das dem Block seinen Namen gab: das Sonnenblumenhaus. Auf der Wiese, von der aus die Angreifer Steine und Molotowcocktails auf das Wohnheim der vietnamesischen Vertragsarbeiter warfen, steht heute ein „Hammer“-Baumarkt. Im Erdgeschoss jenes Teils, in dem die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber untergebracht war, sitzt heute ein Bestattungsunternehmen. „Würdevoll Abschied nehmen“, wirbt es im Fenster. Und vor diesem Haus steht nun, noch verhüllt von schwarzer Folie und geschützt von einem Bauzaun, eine Stele, die daran erinnern soll, wie hier vor 25 Jahren Neonazis und andere Chaoten unter dem Beifall ganz normaler Bürger tagelang Ausländer bedrohen, beleidigen, randalieren und brandstiften konnten.

Das „Sonnenblumenhaus“ in Rostock. Quelle: imago stock&people

Es ist das einzige Zeichen, dass hier Unfassbares geschehen ist. Und es hat lange gedauert, bis es hierher kam. Noch heute sind viele Lichtenhagener gegen jede Gedenktafel vor dem Haus. Ein Rentner im Halbarmhemd kommt vorbei, pensionierter Polizist, den Enkel an der Hand. „Das waren doch damals alles zugereiste Neonazis“, schimpft er. „Warum bekommen wir hier diesen Stein vor die Nase?“

Das stimmt nicht, einerseits. Ralf Mucha zum Beispiel, Ortsbeiratsvorsitzender, SPD-Landtagsabgeordneter und einer der engagierten Verteidiger seines Stadtteils, sagt: „Ich kenne einige, die damals dabei waren. Die trauen sich nur nicht, darüber zu reden. Die schämen sich.“ Aber andererseits hat der Rentner eben auch Recht. Das Pogrom von Lichtenhagen war auch das traurige Ende einer Entwicklung. Lichtenhagen hatte eine Vorgeschichte, die woanders spielt. In ganz Rostock, in der Landesregierung in Schwerin und auch in Bonn, in der Bundespolitik des gerade erst wiedervereinigten Deutschland.

Zu dieser Vorgeschichte gehört, dass Anfang der Neunzigerjahre rechtsradikale Parteien gegen die „Flüchtlingsflut“ hetzen, dass die Union das Asylrecht einschränken will und dass vor der überfüllten Anlaufstelle in Rostock-Lichtenhagen wochenlang vor allem Rumänen im Freien kampieren. „Die waren nun plötzlich das Bild, das Gesicht dieser ‚Flut‘, die Sündenböcke“, sagt der damalige Rostocker Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter, um den es später noch gehen wird. Zu dieser Vorgeschichte gehört auch, dass der überforderte Rostocker Senat damals mit allen Versuchen scheiterte, die Probleme in seiner Stadt auf das Land abzuwälzen. „Wir hatten damals nichts im Griff, gar nichts“, sagt heute der erste stellvertretende Bürgermeister von damals, Wolfgang Zöllick. Und zu dieser Vorgeschichte gehört natürlich auch Herr Khoi.

„Es wurde auf einmal sehr, sehr kalt für uns“

Nguyen Dinh Khoi betreibt heute ein Cateringunternehmen mit fünf Mitarbeitern in Rostock, dazu ein Restaurant in der Mercedes-Benz-Niederlassung. Damals, 1992, ist er einer von 368 Vietnamesen in Rostock, die meisten sind ehemalige Vertragsarbeiter. Herr Khoi war vier Jahre zuvor in die DDR gekommen, als Schweißer zum Industrieverband Fahrzeugbau nach Karl-Marx-Stadt. Nach der Wende wird er, wie so viele, arbeitslos. Deutschland ist mit sich selbst beschäftigt – was aus den asiatischen Gästen der DDR werden soll, kümmert erst mal keinen.

Nguyen Dinh Khoi jedoch will nicht zurück nach Vietnam. Also zieht er zu einem Freund nach Rostock und sucht sein Glück. Stellt sich an die Straße und verkauft erst den Eben-noch-DDR-Kindern Spielzeug aus dem Westen, später Kleidung. Vor allem aber macht er eine ernüchternde Erfahrung. „Wer eben noch freundlich war, reagierte nun feindlich“, sagt er. „Es wurde auf einmal sehr, sehr kalt für uns.“ Die Menschen suchen einen Schuldigen für ihr eigenes Unglück. So werden aus den geschätzten Arbeitern des sozialistischen Bruderlandes die Fidschis.

Zur selben Zeit, als Herr Khoi jeden Tag seinen Stand auf dem Rostocker Markt aufbaut und die Eisenstange hinter sich deponiert, kommen plötzlich sehr viele neue Menschen in die Stadt. Auf Lastwagen, so schildern es die Berichte aus jener Zeit, bringen die Schlepper sie zur Zentralen Aufnahmestelle nach Lichtenhagen, zum Block mit der Sonnenblume. Die Unterkunft jedoch ist mit dem Andrang überfordert. Tagelang müssen die Neuankömmlinge auf der Wiese zwischen den Blöcken verharren. Toiletten gibt es nicht, Geld haben sie nicht. Also schlafen sie unter Balkons, gehen in die Büsche und bedienen sich in der Kaufhalle. Jeden Dienstag, wenn im Rathaus der Bürgermeister und die Senatoren tagen, prangert der Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter die Zustände an. Doch was er zu hören bekommt ist: Das ist Sache des Landes. „Das war ein absolut hirnloses Hin und Her“, sagt Richter heute.

Die meisten Verantwortlichen von damals schweigen

Richter, weißes Haar, weißer Vollbart, ist so etwas wie das Gesicht des Gedenkens an diese Krawalle. Er war in jenen Tagen selbst hier, im und vor dem Sonnenblumenhaus, und seit 25 Jahren erzählt er geduldig, was geschehen ist. Deshalb kennen sie ihn hier natürlich. Die Begegnung mit dem Bewohner des Sonnenblumenhauses verläuft angespannt. „So, das ist die Wahrheit“, sagt der Rentner, nachdem er von der Schuld der zugereisten Neonazis gesprochen hat. Und Richter widerspricht, bemerkenswert ruhig. Erklärt, dass das erst ab dem zweiten Abend stimmt. Dass es am Anfang die Einheimischen waren, die gebrüllt, geworfen, geklatscht haben. „Der erste Abend war ein reines Rostocker Ereignis“, sagt Richter bestimmt. Es gibt bis heute viele, die das nicht wahrhaben wollen.

Es gibt die Theorie, dass manchen Politikern die Bilder von campierenden Sinti und Roma im Rostocker Plattenbaugebiet ganz gut in die Agenda passten, um die Asylrechtsänderung ein bisschen dringlicher erscheinen zu lassen. Sie hätten Zustände bewusst eskalieren lassen, lautet der Vorwurf. Immerhin würde ein solch zynisches Kalkül zumindest die unfassbare Untätigkeit der Behörden erklären. Wer sich aber heute mit Wolfgang Zöllick unterhält, der kommt zu dem Schluss: Es war wohl einfach Unfähigkeit.

Die meisten Verantwortlichen von damals schweigen. Zöllick, heute 75 Jahre, redet. Als Sozialsenator war der CDU-Mann damals für die obdachlosen Flüchtlinge vor dem Sonnenblumenhaus letztlich mit zuständig. Weil der eigentliche Bürgermeister während der Ausschreitungen in Lichtenhagen Urlaub macht, ist er zu dieser Zeit höchster Vertreter der Stadt.

„Wir haben Fehler gemacht“

Zöllick sagt, das Land habe die Stadt damals immer wieder vertröstet. „Aber wir hätten aus heutiger Sicht natürlich auch selbst etwas tun müssen.“ Toiletten aufstellen, zumindest das. Warum das nicht geschehen ist, nicht mal das? Zöllick war Lehrer für Sport und Geografie. Unerfahren seien er und seine Kollegen gewesen. „Wir haben Fehler gemacht“, sagt er. Man darf es wohl auch als eine Art Wiedergutmachung verstehen, dass Wolfgang Zöllick redet. „Es muss daran erinnert werden“, sagt er, „damit so was nicht wieder passiert.“

Damals jedoch hält niemand die Verbrechen mehr auf. Zöllick, der zu der Zeit in Lichtenhagen wohnt, fährt jeden Abend zum Sonnenblumenhaus, versucht, auf die klatschende Menge einzureden. „Aber da war schon niemand mehr zugänglich“, sagt er. Wolfgang Richter wird am dritten Abend durch den rassistischen Mob und von den Flammen in dem Haus der vietnamesischen Arbeiter eingeschlossen. Er, 120 Vietnamesen und ein Team des ZDF können sich nur deshalb retten, weil es zwei der Vietnamesen gelingt, eine Tür zum Dach aufzuhebeln, nach zwei Stunden hektischer Suche nach einem Ausweg. „Für Angst“, sagt Richter, „blieb in dem Moment gar keine Zeit.“ Nguyen Dinh Khoi schließlich, der in der Rostocker Innenstadt wohnt, erfährt von den Krawallen erst, als ihn seine Eltern aus Vietnam anrufen, froh sind, dass er noch lebt.

Ob sich so etwas in Rostock wiederholen könnte? Da sagen alle drei sehr entschieden Nein. „Ich trage das Gute in meinem Herzen“, sagt Herr Khoi. Die Begegnungen mit Rostockern, die an seinen Obststand kamen und sagten, wie sehr sie sich schämten. Die alte Dame, die begann, ihm jeden Tag Brote an seinen Stand zu bringen. Rostock ist längst seine Heimat geworden. Es gibt den Verein Dien Hong, den die Vietnamesen mit Unterstützung der Stadt als Reaktion gründeten, es gab die Unterstützung für die Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Skandinavien in Rostock strandeten, im vorletzten Jahr.

Auch die Eisenstange hat er Herr Khoi damals irgendwann weggelegt. Aber erst, nachdem er sich mit anderen Vietnamesen zusammengeschlossen und den Nazis gedroht hatte, sich gemeinsam gegen sie zu wehren.

Von Thorsten Fuchs/RND

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