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Politik Das Bild des wahren Anis Amri
Nachrichten Politik Das Bild des wahren Anis Amri
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12:33 15.12.2017
Akribisch vorbereitet: Anis Amri zeichnet eine Videobotschaft mit seinem Handy auf.   Quelle: Archiv
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Berlin

 Es war der bisher schwerste islamistische Anschlag auf deutschem Boden. Am 19. Dezember 2016 riss der Tunesier Anis Amri auf dem Berliner Breitscheidplatz elf Menschen in den Tod. 55 verletzte er zum Teil schwer. Um Punkt 20 Uhr raste er mit einem gekaperten Sattelzug auf den Weihnachtsmarkt am Fuße der Gedächtniskirche, hinterließ eine 60 Meter lange Schneise aus Tod und Verwüstung.

Fast genau ein Jahr später stürmten am frühen Donnerstagmorgen Spezialeinsatzkommandos mehrere Wohnungen in der Hauptstadt. Auch im Visier: Amris Kontaktleute in Berlin, radikale Dschihadisten. Einer von ihnen, Walid S., war mit Amri noch Stunden vor der Tat zusammen unterwegs. Am Abend, anderthalb Stunden nach dem Anschlag, wurde er zudem am Breitscheidplatz gesehen.

Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) liegen Ermittlungsakten vor, die Amris Netzwerk in Berlin und seine Wege durch die Stadt in den Wochen vor dem Anschlag detailliert rekonstruieren. Der Attentäter hat es der Nachwelt einfach gemacht, die Planung der Schreckenstat in allen Schritten nachzuvollziehen. Er ließ sein Handy am Tatort.

Die Geo-Daten des Mobiltelefons der Marke HTC, Rufnummer 0152/14958012, verbunden mit dem Google-Konto mit dem Benutzernamen „Napoli Roma“, gewähren so ausführlich wie nie zuvor Einblick in die letzten Tage und Wochen des Anis Amri. Sie zeigen einen Menschen, der unbedingt und planvoll töten wollte.

 

Die nun im Nachhinein von Ermittlern von Landeskriminalamt und Bundeskriminalamt zusammengetragenen Informationen verraten aber nicht nur viel über die Vorbereitungen des Terroranschlags in der Hauptstadt. Sie sind gleichzeitig ein bedrückendes Zeugnis der Versäumnisse der Polizei. Hätten die Sicherheitsbehörden ihre Möglichkeiten ausgeschöpft und Amri weiter beobachtet, hätten sie auch erkannt, was er plante. Aber in diesem entscheidenden Zeitraum hatten sie ihn aus den Augen verloren. Seit Mitte Juni wurde Amri nicht mehr observiert, obwohl ein richterlicher Beschluss vorlag. Zuvor hatten die Behörden die Beobachtung des Terrorverdächtigen nur halbherzig betrieben. So verfolgten sie Amri grundsätzlich nur montags bis freitags.

Die Vorbereitung:

Es ist ein Montag, der den Wendepunkt im Leben von Anis Amri markiert. Am 31. Oktober 2016 um 12.25 Uhr schlägt der junge Tunesier die blaue Haustür seiner Unterkunft an der Freienwalder Straße 30 hinter sich zu. Den Weg zum S-Bahnhof Gesundbrunnen geht er zu Fuß, wechselt an der Schönhauser Allee in die U2 und erreicht um 13.13 Uhr den U-Bahnhof Nollendorfplatz. Über die Kleiststraße und die Tauentzienstraße läuft er vorbei am KaDeWe zur Budapester Straße. Amri bleibt stehen. Zehn Minuten lang nimmt er den Breitscheidplatz am Fuße der Gedächtniskirche in Augenschein. Zwischen 13.45 Uhr und 13.55 Uhr inspiziert der künftige Weihnachtsmarkt-Attentäter zum ersten Mal den Ort seiner späteren Bluttat.

Seit 29 Tagen irrt Amri nun schon durch Berlin, schläft mal hier und mal dort, besucht dutzendfach fünf verschiedene Moscheen in Moabit, Charlottenburg und Wedding. Er wirkt wie ein Getriebener, orientierungslos und ohne Ziel. Vormittags schläft er aus, am Abend dealt er am Kleinen Tiergarten mit Drogen. Am 31. Oktober wird aus dem irrlichternden Kleinkriminellen der kühle Gotteskrieger – stringent und fokussiert bereitet er nun seine Tat vor.

Rettungskräfte versorgen die Opfer am Berliner Breitscheidplatz nach dem Terroranschlag im Dezember 2016. Quelle: dpa

Nach seiner Visite am Breitscheidplatz fährt Amri für eine halbe Stunde zur Kieler Brücke am Nordhafen. Es ist der Ort, an dem er am nächsten Morgen zwischen 8.06 und 8.08 Uhr das Bekennervideo aufnehmen wird.

Ermittler geben später zu Protokoll, Amri habe an jenem letzten Montag im Oktober den Entschluss zum Anschlag gefasst. Daran bestehe kein Zweifel. Ganz sicher sei eines seiner möglichen Ziele der Breitscheidplatz gewesen. Die Berliner Polizeibehörden haben zu diesem Zeitpunkt längst das Interesse an Amri verloren. „Habt hr aktuelle Erkenntnisse über seinen Aufenthaltsort?“ erkundigte sich die Polizei Krefeld, Abteilung Staatsschutz, wenige Tage zuvor, am 26. Oktober, bei den Berliner Kollegen zu Amri, der zuvor schon in Nordrhein-Westfalen als Gefährder eingestuft worden war. Die Anfrage bleibt unbeantwortet, Amri unbehelligt.

Insgesamt zwölf weitere Male wird Amri in den folgenden Wochen laut Ermittlungsakten den Breitscheidplatz aufsuchen. Von allen Seiten nimmt er die Örtlichkeiten ins Visier. Am 9. November hält er sich für elf Minuten am benachbarten Europa-Center auf, am 22. November läuft er zwischen 19.50 Uhr und 20.17 Uhr einmal im Uhrzeigersinn vom Zoologischen Garten aus um den Breitscheidplatz. Es ist exakt die Uhrzeit, zu der der 24-jährige Tunesier 27 Tage später den Lkw zwischen Glühweinstände und Weihnachtsbuden steuern wird.

Mit diesen Fotos suchte die Polizei nach dem Anschlag nach Anis Amri. Quelle: BUNDESKRIMINALAMT

Besonders bemerkenswert ist sein Aufenthalt am 6. Dezember. Am Nachmittag erreicht Amri gegen 15 Uhr den Bahnhof Zoo, umrundet den Breitscheidplatz und läuft anschließend über die Hardenbergstraße zum Ernst-Reuter-Platz. Nach kurzer Zeit macht er kehrt, um zum Breitscheidplatz zurückzulaufen. Amri läuft also genau die Strecke ab, die der Sattelschlepper am Tag des Anschlags zurücklegen wird. Er nimmt zahlreiche Bild- und Videodateien auf, um sich die Details des Weges einzuprägen. Eine der Aufnahmen stammt vom Bikini-Haus an der Budapester Straße – mit Blick auf den Weihnachtsmarkt.

Doch nicht nur den Breitscheidplatz kundschaftet Amri aus. Auch den Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz und den Lustgarten vor dem Berliner Dom zieht er offenbar als Anschlagziele in Betracht. Mehrere Bilddateien zeigen den Alexanderplatz wie zuvor schon den Breitscheidplatz aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Insgesamt viermal inspiziert Amri den Alex – zuletzt Stunden vor dem Anschlag. Beim Auslesen der Fotos auf Amris Mobiltelefon tauchen Selfies auf, die Amri mit erhobenem Zeigefinger, dem Tauhid-Zeichen als islamisches Glaubensbekenntnis, vor der Silhouette des Berliner Doms zeigen.

Ebenso akribisch wie das Auskundschaften des Tatortes geht Amri die Suche nach dem späteren Tatfahrzeug an. Am 28. November steuert Amri erstmals das weitere Umfeld des Friedrich-Krause-Ufers an. Die Straße liegt in einem Industriegebiet, das die Wohnviertel Moabit und Wedding voneinander trennt. In Moabit befinden sich die Räume der radikal-islamischen Fussilet-Moschee, die Amri immer wieder besucht. In Wedding hatte er seine letzte Unterkunft.

26 mal besucht Amri in den Wochen vor dem Attentat eine Straße, in der Trucker ihre Pausen machen. Am Tag des Anschlags bringt er einen polnischen Sattelschlepper samt Fahrer in seine Gewalt. Quelle: dpa

Am Friedrich-Krause-Ufer parken immer wieder Sattelschlepper, Trucker absolvieren dort ihre vorgeschriebenen Ruhepausen. Mit Ausnahme des 2. und 11. Dezember hält sich Amri bis zum Tag des Anschlags laut Aktenlage jeden Tag am Friedrich-Krause-Ufer auf – insgesamt 26 Mal. Amri habe zwar einen Lkw steuern können, er habe jedoch nicht die Fähigkeit besessen, diesen aufzubrechen und ohne Schlüssel zum Überwinden der Wegfahrsperre zu starten, resümieren die Ermittler. Er muss einen Laster kapern und den Fahrer überwältigen. Am 19. Dezember parkt dort der polnische Familienvater Lukasz Urban. Er wird Amris erstes Opfer.

Die Ermittlungen im Nachhinein zeigen: Seit dem 28. November kundschaftet Amri Ziel und Waffe aus – und wartet nur noch auf die passende Gelegenheit, um zuzuschlagen. Die Behörden ahnen davon zu diesem Zeitpunkt nichts.

Der Tattag:

Um 14.14 Uhr verlässt Anis Amri am Nachmittag des 19. Dezember seine Unterkunft an der Freienwalder Straße. Zu Fuß begibt er sich zum U-Bahnhof Pankstraße. Mit der U 8 fährt er zur Osloer Straße in Wedding. Dort trifft Amri um 14.31 Uhr mit seinen tunesischen Landsleuten Walid S. und Bilal M. zusammen. Walid S. ist nach RND-Informationen einer derjenigen, dessen Wohnung gestern Morgen durchsucht wurden. Gemeinsam gehen sie am 19. Dezember eine halbe Stunde lang spazieren, ehe sie im Imbiss „Imren Grill 2“ eine Kleinigkeit essen. Zwischen 15.39 Uhr und 16.06 Uhr gehen sie zum Gebet in der benachbarten Masjid-Al-Ummah-Moschee, um danach in den Imbiss zurückzukehren.

Der Weg vom Imbiss führt die drei direkt auf den Alexanderplatz. 16 lange Minuten bis 17.12 Uhr halten sie sich in der Nähe des dortigen Weihnachtsmarktes auf. Zweifeln sie etwa noch, welches Anschlagziel Amri ansteuern soll? Die Antwort auf diese Frage lassen die Ermittler offen. Fest steht: Amri begleitet die beiden Männer anschließend bis Neukölln, fährt danach jedoch allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln weiter.

Um 17.59 Uhr trifft er am Bahnhof Westhafen ein. Er läuft zum Friedrich-Krause-Ufer, wo die Lastwagen stehen, kehrt wieder um und geht direkt zur unweit gelegenen Fussilet-Moschee. Um 19.06 Uhr verlässt Amri die Moschee. Laut Handydaten erreicht er um 19.24 Uhr erneut den Bereich, in dem der Scania-Sattelschlepper von Lukasz Urban parkt. Es dauert sechs Minuten, bis Amri den Truck in seine Gewalt gebracht hat. Um 19.33 Uhr schickt er eine Kurznachricht an einen gewissen Moadh T. und vermeldet Erfolg. Acht Sekunden später sendet Amri ein Foto aus dem Fahrerhaus hinterher. Dann lässt sich Amri von seinem Mobiltelefon zum Breitscheidplatz navigieren.

25 Sekunden dauert die Todesfahrt: Die Polizei sperrt das Areal um den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. Quelle: dpa

Bislang gingen die Ermittler davon aus, Amri sei ein Einzeltäter gewesen. Die Akten lassen an dieser Darstellung Zweifel aufkommen.

Die Flucht:

Die Todesfahrt des Anis Amri über den Breitscheidplatz dauert 25 Sekunden. Mehrere Videoaufnahmen aus einem der oberen Stockwerke des Bikini-Hauses zeigen, wie sich unmittelbar nach dem Anschlag die Fahrertür des Lkw öffnet und Amri in Richtung Hardenbergstraße läuft. Um 20.06 Uhr, nur fünf Minuten später, erreicht er die Unterführung unter dem Busbahnhof am Hardenbergplatz. Amri trägt eine schwarze Jogginghose, eine schwarze Steppjacke und rote Schuhe. Um 21.32 Uhr zeichnet ihn die Überwachungskamera eines Wettbüros auf dem Bürgersteig der Prinzenallee 18 auf, 600 Meter von seiner Wohnanschrift an der Freienwalder Straße entfernt. Kamel A., der ihn dort zeitweise schlafen ließ, gibt später zu Protokoll, Amri sei gegen 21 Uhr kurz in seiner Wohnung aufgetaucht und habe einen Rucksack abgeholt. Er habe nervös und hektisch gewirkt. Um 21.51 Uhr läuft Amri erneut ins Blickfeld der Wettbüro-Kamera. Er hat seine Schuhe gewechselt und einen Rucksack mit Tarnfleckmuster dabei, den er auf seiner dreitägigen Flucht durch Europa mitführen wird.

In der Nähe seiner Unterkunft liegen zwei Moscheen, die Masjid al-Ummah und die al-Iman-Moschee. In beiden hat Amri Dutzende Male gebetet. In beiden können Gläubige eine Nacht verbringen, ohne dass jemand Fragen stellt. Hat Amri sich dort versteckt?

Am Morgen nach dem Anschlag auf den Breitscheidplatz zeichnet eine Überwachungskamera am Bahnhof Gesundbrunnen um 5.16 Uhr eine Person mit schwarzer Jacke, Kapuze und Rucksack auf, wie sie aus der Ring-Bahn 41 steigt und den Bahnsteig betritt. Die Bildqualität ist zu schlecht, um sicher zu sein, dass es Amri ist. Rund zwölf Minuten später verlässt der ICE 946 den Fernbahnhof Gesundbrunnen in Richtung Westen. Es ist das erste Mal, dass es konkrete Anhaltspunkte gibt, wie Amri nach der Tat Berlin verlassen haben könnte.

Italienische Forensiker sichern am 23. Dezember 2016 in Sesto San Giovanni, einem Vorort von Mailand, Beweismittel neben dem toten Berlin-Attentäter Anis Amri. Quelle: dpa

Ob er in Dortmund Zwischenstopp machte, um Kontaktpersonen aus der islamistischen Szene zu treffen, bleibt Spekulation. Am Mittwoch um 7 Uhr wird er in einem Bus in Emmerich im Rheinland gesehen. Dort hat er früher einmal gewohnt – womöglich hat er dort die zweite Nacht auf der Flucht verbracht haben, bevor er weiter über die Niederlande, Belgien und Frankreich ins italienische Mailand flieht.

Im Vorort Sesto San Giovanni wird Amri am Morgen des 22. Dezember von italienischen Polizisten erschossen.

Von Jörg Köpke und Jan Sternberg/RND

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