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Politik Christian Lindner – der ernsthafte Entertainer
Nachrichten Politik Christian Lindner – der ernsthafte Entertainer
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07:36 01.09.2017
FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner bei der Bundesleserkonferenz in Berlin. Quelle: Ute Grabowsky / Photothek.net
Berlin

Der FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner war am Donnerstag zu Gast in der Bundesleserkonferenz des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND).

FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner kommt wie ein Spitzbube daher. Doch kann der Liberale durchaus harte Wortgefechte führen. Auf der Bundesleserkonferenz des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) hatte er auf kritische Fragen fast immer eine Antwort parat. Hier geht’s zur Bildergalerie.

Der Selbstironische

Christian Lindner weiß, wie Werbekampagnen funktionieren. Ganz Deutschland ist mit seinem Konterfei zugeklebt (fast ganz Deutschland, in Hamburg sieht man nur seine Parteifreundin Katja Suding, wohl weil sie besser aussieht).Ganz Deutschland redet über seine Selfies im Unterhemd und mit Lichtschwert. Immerhin ist der Mann nahtlos vom Landtagswahlkampf in NRW in den Bundestagswahlkampf hinübergewechselt. Da schadet es nicht, im voll besetzten Saal der Bundespressekonferenz Seriosität statt Show in den Vordergrund zu stellen – und neben Selbstbeschränkung auch Selbstironie walten zu lassen. In Maßen natürlich. „Maximal fünf Prozent“ seiner Äußerungen in den sozialen Netzwerken seien Selbstdarstellung, sagte er auf die Frage einer Leserin. Ungefähr diese Quote hielt er auch an dem Abend ein, als ihn die Leser der rund 30 Zeitungstitel des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) mit Fragen löcherten, moderiert vom Leiter des Berliner Büros, Gordon Repinski. Sie waren angereist, um den Mann kennenzulernen, der verspricht, den Berliner Politikbetrieb aufzumischen. Und der für sich in Anspruch nimmt, eine Partei völlig umgekrempelt zu haben, die nach ihrem Ausscheiden aus eben diesem Politikbetrieb vor vier Jahren kaum jemand mehr vermisst hatte.

Die fünf Prozent Selbstdarstellung erledigte Linder schon mit der ersten Frage von Marisa Frahm aus Kiel. „Wie sieht ihr Tagesablauf aus?“, fragte sie. Lindner beschreibt sich als unermüdlichen Wahlkämpfer, der von früh bis spät unterwegs sei, in Hinterzimmern von Gaststätten, Regionalredaktionen, Betrieben und Kitas unterwegs sei . „So ist das leider, wenn Sie in der außerparlamentarischen Opposition sind.“ Das aber sei extrem hilfreich für die „Geländegängigkeit der Argumente“, sagt der große Motorsportfan Lindner. Die außerparlamentarische Durststrecke betrachte er als „unfreiwilligen Bildungsurlaub“. Diese Zeit ist nach übereinstimmenden Umfragen in drei Wochen vorbei – und Lindner zeigt sich vorbereitet.

Bundesleserkonferenz – die nächsten Termine

Zu den nächsten Bundesleserkonferenzen kommen Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) am 5. September und Sahra Wagenknecht (Die Linke) am 7. September.

Alle Informationen rund um die Bundesleserkonferenz finden Sie hier.

Der Selbstkritische

Die Zeit der letzten schwarz-gelben Regierung von 2009 bis 2013 ist auch für Lindner, der damals Generalsekretär war, kein Anlass für einen wehmütigen Rückblick. Er erwähnt sie dennoch, um zu demonstrieren, wie weit sich die FDP seitdem weiterentwickelt habe. Aus der Steuersenkungspartei sei eine Bildungs-, Wirtschafts- und Digitalisierungs-Partei geworden. Und die werde sich nicht mehr so schnell unterbuttern lassen wie damals. 2010 hätten alle geschwiegen, er eingeschlossen, als die Kanzlerin einer großen Steuerreform innerhalb der Legislaturperiode eine Absage erteilt hätte. Das werde die neue FDP nicht mehr mit sich machen lassen: Entweder Koalitionsvertrag neu verhandeln oder eben die Regierung platzen lassen.

Der Pokerer

Soll das etwa heißen, Lindner dränge mit Macht zurück an die Macht? Da lässt er sich nicht in die Karten schauen und weist Fragen nach seinem bevorzugten Ministeramt gespielt empört zurück: „Ich frage nicht als erstes: Was wird aus mir?“ Nein, Lindner denkt natürlich nur ans Land – und daran, die Bundespolitik durchzulüften. „Entweder wir sind in einer Regierung, die Probleme löst, oder wir sind eine Opposition, die es ein bisschen spannend macht.“ Damit legt er sich auf nichts fest, auf eine Koalitionsaussage schon gar nicht. Und bleibt der Unangepasste.

Der Populist

Ein kämpferischer Lindner kann auch nach rechts anschlussfähig sein, ohne so zu klingen. Dass Flüchtlinge perspektivisch wieder in ihre Heimat zurück sollen, sagt Lindner fast wörtlich genau wie die AfD, aber bei ihm klingt es konstruktiv und rationalliberal. Dass die FDP weiterhin nicht die Partei der Geringverdiener sein will, aber sich trotzdem irgendwie um alle kümmern will, wird in einem kurzen Schlagabtausch zwischen Lindner und Moderator Repinski deutlich. Ein Leser hatte gefragt, ob Krankenschwestern nicht besser bezahlt werden müssten. Lindner windet sich ein bisschen und verweist darauf, dass die FDP vor allem für die Entlastung derjenigen sei, die zwischen 3000 und 6000 Euro brutto verdienten. Dazu gehörten auch Krankenschwestern. Repinski korrigiert, dass die meisten weniger als 3000 brutto bekämen. Linder aber beharrt drauf, dass einige Krankenschwestern, wenn sie Leitungsfunktionen hätten, durchaus in die von ihm aufgemachte FDP-Einkommensgruppe gehören könnten.

Noch lange nach dem Ende der Veranstaltung umlagerten die Leser den FDP-Frontmann. Mit Christian Lindner, so viel hat dieser Abend gezeigt, bewirbt sich keine neue, auch keine runderneuerte Partei um die Rückkehr in den Bundestag. Doch die FDP hat nicht nur Verkaufe gelernt, sie will wieder das werden, was sie lange vor 2009 war: eine ernsthafte politische Kraft.

Von Jan Sternberg/RND

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