Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik China statt USA, Indien statt Großbritannien?
Nachrichten Politik China statt USA, Indien statt Großbritannien?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:38 29.05.2017
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geht am Montag mit dem indischen Premierminister Narendra Modi in Meseberg durch den Garten des Gästehauses der Bundesregierung. Der Besuch aus Indien bedeutet aber keine Wende in der deutschen Außenpolitik. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa
Anzeige
Berlin

Mancher Zufall sieht aus wie Absicht. In Berlin ist eine Woche angebrochen, von der einige meinen, sie böte einen Ausblick auf die neue deutsche Bündnispolitik. Der Premier Indiens ist am Montag angereist, am Dienstag tagt das deutsche mit dem indischen Kabinett. Am Mittwoch empfängt die Kanzlerin Chinas Ministerpräsidenten, um Gemeinsamkeiten in Handels-, Klima- und Entwicklungspolitik auszuloten. Deutschland wendet sich gen Osten, obwohl noch keine zwei Tage vergangen sind, seit Angela Merkel im Truderinger Bierzelt die Wende im deutsch-amerikanischen Verhältnis verkündet hat. Kann das sein?

Eine solche Deutung ist doppelt falsch. Erstens hat die Kanzlerin keine Abkehr von den USA gefordert. Zweitens stützen enge Beziehungen zu den bevölkerungsreichsten Nationen seit jeher den deutschen Exporterfolg. Was sich nun tatsächlich ändert, ist der Ton in der deutschen Realpolitik. Er klingt ehrlicher, selbst- und auch machtbewusster.

Merkel hat sich beim Wahlkampf im Bierzelt nach Merkel-Art umständlich ausgedrückt und Interpretationsspielraum gelassen. Dass nun vor allem US-Zeitungen von einer „richtungsweisenden Veränderung“ und einem „enormen Umschwung“ schreiben, sagt mehr aus über die Panik des liberalen Amerikas als über die Politik der Kanzlerin. Gewiss hat die Sturheit von US-Präsident Trump bei Merkel Eindruck hinterlassen. Sie will sich nicht der Unterwürfigkeit gegenüber einem Mann zeihen lassen, der weithin als inkompetent gilt. Doch Merkel und ihre Regierung wissen, dass Trump nicht mit dem politischen Willen der USA gleichzusetzen ist, ja nicht einmal mit dem im Weißen Haus.

Die Umorientierung von Deutschen und Europäern ist indes in vollem Gange – und zwar nicht erst seit Trump. Sein Vorgänger Obama rief das „pazifische Zeitalter“ aus und gab den Europäern zu verstehen, dass sie die Probleme vor ihrer Haustür selbst lösen müssten; ob nun in der Ukraine, in Syrien oder Libyen. Das klappte nicht gut, man suchte stets Hilfe in Washington. Trump verweigert die. Also müssen Merkel und Frankreichs Premier Macron Europa stärken. Und das wird teuer. Darauf stimmte Merkel das bayerische Festzelt ein.

Derweil schicken sich Mächte wie China und Indien an, das Machtvakuum zu füllen, das aus der Isolation der USA und auch der Briten erwächst. Für die Bundesregierung ist es ein glücklicher Zufall, dass sie bald den G-20-Gipfel ausrichten und zur Vorbereitung darauf viel hohen Besuch empfangen darf, so auch in dieser Woche. Berlin ist entschlossen, bei der Neusortierung der Welt mitzumischen, und hält dazu Ausschau nach Partnern – ob die nun der eigenen „Wertegemeinschaft“ angehören oder nicht. Doch die neue Eigenständigkeit darf nicht zu Kopf steigen: Kein Krieg, kaum eine Krise wird sich so bald ohne die USA lösen lassen.

Von Marina Kormbaki

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Bundeswehr soll familien- und frauenfreundlicher werden. Das hatte Bundesverteidigungsministerin von der Leyen versprochen. Nun wird sie konkret und lässt eine spezielle Uniform für schwangere Soldatinnen entwickeln.

01.06.2017

Merkels Bierzeltrede löst in den US-Medien eine Debatte über ein neues Weltgefüge aus. Haben sie die deutsche Kanzlerin missverstanden?

29.05.2017

„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei.“ Diese Worte der Kanzlerin schallten weit über das Bierzelt in München hinaus. Paradigmenwechsel oder Wahlkampf? International wird ihre rede unterschiedlich gedeutet.

29.05.2017
Anzeige