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Nachrichten Politik Die Stadt, in der keiner aufgibt
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07:40 03.09.2018
„Mutbürger“ – Chemnitz kann auch anders Quelle: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa
Chemnitz

Durch Chemnitz geht ein Riss. Es ist ein Riss, den man fühlen kann, wenn man mit den Menschen in der Stadt spricht. Aber am Samstagnachmittag ist der Riss auch zu sehen.

Er verläuft entlang der Bahnhofstraße, es sind Polizisten, die ihn markieren. Den größten Teil der rund 2000 Beamten, die an diesem Tag in Chemnitz im Einsatz sind, hat die Polizei hier zusammengezogen, an dieser Grenze.

Oberhalb, an der Johanniskirche, beginnt die Veranstaltung „Herz statt Hetze“. Viele Bundes- und Landespolitiker von Linken, SPD und Grünen demonstrieren hier mit. Aus Richtung Bahnhof marschiert der linke Block heran und skandiert lautstark: „Es gibt ... kein Recht ... auf Nazi-Propaganda.“ 3000, so wird die Polizei am Sonntag erklären, kommen an diesem Tag auf dieser Seite der Grenze zusammen. Die Zahl wird noch wichtig sein.

Wie geht es den Menschen aus Chemnitz?

Die andere Seite, bis zum Marx-Kopf und der Stadthalle, ist das Terrain der Rechten. „Pro Chemnitz“ und die AfD demonstrieren hier letztlich gemeinsam, ein Schulterschluss auch auf dieser Seite, die Unterschiede verwischen.

18 Menschen werden an diesem Tag in Chemnitz verletzt, darunter drei Polizisten. Aber das sind nicht die Zahlen, die am nächsten Tag viele beschäftigen. Die wichtigere Zahl ist: 8000. So viele sollen nach Angaben der Polizei aufseiten von AfD und „Pro Chemnitz“ unterwegs gewesen sein.

8000 zu 3000. Sagt das etwas aus? Über Mehrheitsverhältnisse? Oder doch nur über Mobilisierungsmacht? Wird ein Streit um Zahlen dem ernsten Anlass noch gerecht? Und was macht es mit den Menschen in der Stadt, dass sie wieder und wieder zum Aufmarschgebiet wird – und zum nationalen Zerrbild des Hasses auf alles Fremde?

Drei Worte, die alles zusammenfassen

8000 zu 3000 – es passt jedenfalls zum scheinbaren Punktsieg der Rechten, dass sie an diesem Tag den wichtigsten Platz der Stadt unter Kontrolle haben: den Ort, an dem vor acht Tagen der 35-jährige Daniel H. erstochen wurde. Sonst stehen hier tagsüber alle, trauernde Schüler neben aufgebrachten Wutbürgern. Nachdem die Demonstration aufgelöst wurde, drängten sich die Rechten hierhin und skandierten „Daniel! Daniel! Daniel!“ und „Wir sind das Volk!“. Sie versuchen, diesen Mord für sich zu nutzen, ihn zu vereinnahmen, zu missbrauchen.

Wasserwerfer bringen sich bei der Demonstration von AfD und rechten Bündnissen am Samstag in Stellung Quelle: dpa

Wie absurd dieser Versuch ist, wie komplett widersinnig, das weiß einer sehr gut, der etwas später ein paar Schritte weiter Richtung Sparkassen-Filiale auf dem Asphalt kniet, abgebrannte Teelichter einsammelt und neue entzündet. Aus seiner Cargohose ragen Zollstock und Schraubenzieher, er war ein Kollege von Daniel H. beim Hausmeisterservice. „Hier fing es an“, sagt der Trauernde und meint den Überfall.

Und was würde Daniel sagen über das Chemnitz dieser Woche, über alles, was nach seinem Tod in seiner Heimatstadt geschehen ist? Der müde Mann sagt leise einen Satz, den zarte Gemüter nicht lesen sollten, der aber in drei Worten alles zusammenfasst, was das Chemnitz dieser Tage ausmacht, Trauer, Wut, Hilflosigkeit und Trotz. „Er hätte gesagt: Fickt euch alle.“

Umstände der Tat – rätselhaft

Gemeint hätte er damit vor allem jene, die hier seinen Namen skandieren, als wären sie seine Freunde gewesen. Dabei hatte die dunkle Haut, die er von seinem kubanischen Vater geerbt hatte, im Chemnitz seiner Jugend gereicht, um vor Neonazis wegrennen zu müssen, die ihn jagten. Es sollen zwei Männer aus dem Irak und Syrien gewesen sein, die Daniel vor gut einer Woche erstachen.

Die Umstände dieses Verbrechens sind jedoch, gelinde gesagt, äußerst rätselhaft. Ersten Gerüchten, es sei um eine Frau gegangen, um Belästigung, hat die Polizei widersprochen. Die „Freie Presse“ hat über eine Zeugin berichtet, die erklärte, es sei um Zigaretten gegangen. Und um Alkohol, erhebliche Mengen, die die Beteiligten getrunken hatten. Opfer taugen selten zur Vereinnahmung, aber dieses wohl noch weit weniger als andere.

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Seither jedoch ist die Stadt im permanenten Ausnahmezustand, in den Köpfen wie auf den Straßen. Am Samstag gab es den vierten Demonstrationstag der Woche, für Montag ist das große Popkonzert gegen rechtsextremen Hass angekündigt, organisiert von der rührigen Chemnitzer Band Kraftklub. Die Bühne wird vom Karl-Marx-Kopf auf einen größeren Platz im Zentrum verlegt, so viele Menschen werden erwartet. Das Motto „Wir sind mehr“ könnte sich diesmal erfüllen, anders als am Samstag. Aber beweist das dann etwas?

Die Veranstalter der Gegendemo „Chemnitz nazifrei“ feierten am Samstag auch einen Erfolg. Blockaden führten dazu, dass der AfD-Umzug nicht wie geplant laufen durfte und aufgelöst wurde.

Als der Marsch gescheitert war, zog sich die AfD-Prominenz um den Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke zurück, gewaltbereite Hooligans und Rechtsextreme drängten in die erste Reihe, bedrängten die Polizei, umzingelten zeitweise einen Wasserwerfer, schlugen Journalisten. Höcke droht: „Die Demokratie in Deutschland ist nicht mehr intakt. Wir werden sie uns wiederholen.“

Schockiert über die eigene Stadt

Wie Chemnitz da wieder herauskommen will, weiß niemand. Aber aufgeben will auch keiner. Dafür haben die Menschen hier zu viel durchgemacht.

Uwe Dziuballa ist am Samstag nichts passiert, da war ja auch genug Polizei in der Stadt. Vor einer Woche aber, nach der ersten Demo von „Pro Chemnitz“, traf der Hass auch ihn, den Wirt des Schalom, des einzigen koscheren Restaurants der Stadt. In Form eines Pflastersteins, geworfen aus einer Gruppe Vermummter heraus. „Verschwinde aus Deutschland, Judensau“, brüllten sie. Gegen 21.45 Uhr hört Dziuballa merkwürdige Geräusche von draußen, tritt vor die Tür und sieht sich den Vermummten und ihren Geschossen gegenüber. Sie werfen, laufen weg, die Polizei ist sofort da.

Eine knappe Woche später schmerzt die Schulter kaum noch. Aber Dziuballa, ein großer, kräftiger Mann mit Kippa auf dem kahlen Kopf, ist immer noch schockiert. Über sein Chemnitz und über seine Gefühle in diesem Moment, als er dem Hass gegenüberstand. „Ich war voller Adrenalin, ich war nicht mehr ich selbst“, sagt er. „Und so ähnlich nehme ich jetzt auch die sächsische Landespolitik wahr. Die machen jetzt einfach irgendetwas und hoffen, dass der Spuk wieder vorbeigeht.“

Dziuballa ist trotz schmerzender Schulter nicht zum Arzt gegangen. So kann er weiter zu Recht sagen, dass es in der Geschichte des Schalom in Chemnitz keine Personenschäden gab.

Uwe Dziuballa wurde bei dem Angriff auf sein Lokal verletzt Quelle: Jan Sternberg

Uwe Dziuballa, geboren in Karl-Marx-Stadt, Diplomingenieur, Elektrotechniker, Bankkaufmann und nun Gastronom, ist ein Chemnitzer Bürger, aber kein Wutbürger: skeptisch gegenüber allem und jedem, anspruchsvoll und renitent gegenüber der Obrigkeit. Dziuballa wäre fast Stadtrat und Kulturbürgermeister von Chemnitz geworden. Doch von der Politik hat er sich abgewandt: „Politiker agieren nicht mehr, sie reagieren nur noch“, sagt er. Wie aber sollen die Chemnitzer nun reagieren? Dziuballa steht auf, streicht seine Schürze glatt und sagt: „Alle halbwegs demokratischen Kräfte, alle, die sich Menschlichkeit bewahrt haben, sollen auf ihren gesunden Menschenverstand hören, sich nicht aufhetzen lassen und ihre Hoffnung bewahren.“ Dann öffnet er das Schalom.

Die Fronten sind nicht neu

An der Augustenburger Straße, auf dem Sonnenberg, wird das Kulturzentrum Lokomov von Autoverkehr und Straßenbahn umflossen, darüber hängt eine Fahne mit der Aufschrift „Das Leben schmeckt vielfältig“. Das Datum daneben müssen sie noch aktualisieren, es zeigt noch den 1. Mai 2018, das Datum des letzten Neonazi-Aufmarschs in der Stadt. Auch damals gab es eine Gegendemo, auch damals spielte Kraftklub. Die Fronten sind alle nicht neu in Chemnitz.

Künstlerin Mandy Knospe und Stadtrat Lars Fassmann Quelle: Jan Sternberg

Irini Mavromatidou hat das Transparent gestaltet. Die Künstlerin wurde in Schwaben geboren, wuchs in Thessaloniki auf, lebte in Bielefeld und jetzt in Chemnitz, das 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden will. Mavromatidou ist Deutsche mit Akzent, schwarzen Haaren und braunen Augen. Das reicht in der Stadt, die Chemnitz nach Daniels Tod geworden ist, um ein Ziel abzugeben. „Die Leute schauen neuerdings aggressiv“, sagt sie. Autos halten neben ihr, der Fahrer schreit „Scheißkanaken!“ und fährt weiter. „Das gab es vorher nicht. Nie!“, ruft sie schockiert.

Das Haus gehört Lars Fassmann und seiner Partnerin, der Künstlerin Mandy Knospe. Fassmann ist Stadtrat für die Fraktionsgemeinschaft Volkssolidarität/Piraten und Unternehmer, zudem gehören ihm mindestens 15 Häuser auf dem Sonnenberg, die er kaufte, als hier niemand einen müden Cent investieren wollte. Wenn Chemnitz wirklich so boomen würde, wie Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) behauptet, hätte er schon Kasse machen können. „Aber das ist absurd. Die Realität ist eine andere. Und das merken die Menschen.“

Eine Stadt für Leute, die sich nicht entmutigen lassen

Noch am Mittwoch nach der Tat hat Ludwig im Stadtrat darauf verwiesen, dass für die Chemnitzer laut einer Umfrage das größte Problem die Baustellen in der Stadt sind. Sie tat das nach einer Schweigeminute für den Getöteten und dürren Worten an die Adresse der Demonstranten. Doch auch Ludwig habe in den vergangenen Tagen dazugelernt, sagt Mandy Knospe. Ihre Worte seien klarer geworden, ihre Distanz zu engagierten Bürgern geringer.

An einem sonnigen Abend vor dem Lokomov scheint es so, als ob Chemnitz noch die Chance hat, aus dem Tod Daniels zu lernen. Wenn die Bands und Reporter wieder weg sind, wird sich zeigen, ob die Chemnitzer wieder miteinander sprechen können. Während die Sonne hinter dem Lokomov versinkt, sagt Lars Fassmann: „Chemnitz ist eine Stadt für Leute, die sich nicht entmutigen lassen.“ Und Mandy Knospe ergänzt: „Von uns wird niemand aufgeben.“ Die anderen aber höchstwahrscheinlich auch nicht.

Von Roland Herold und Jan Sternberg

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