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Politik Bürgermeisterin von Calais kritisiert Staat
Nachrichten Politik Bürgermeisterin von Calais kritisiert Staat
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14:10 24.10.2016
 Bei der Räumung kommt es zu kleineren Zwischenfällen. Das französischen Innenministerium spricht in einem Zwischenfazit von einer „ruhigen und geordneten Operation“.  Quelle: AFP
Calais

 Nach Beginn der Räumung des Flüchtlingslagers von Calais kritisiert die konservative Bürgermeisterin Natacha Bouchart den französischen Staat in deutlichen Worten. „Wenn man das schon im März gemacht hätte, wäre es weniger kompliziert gewesen“, sagte Bouchart am Montag in Calais.

In Frankreich sind traditionell viele Kompetenzen in Paris konzentriert. „Der Staat übernimmt seine Verantwortung. Doch man hätte auf dieser Fläche niemals ein Lager mit fast 10.000 Migranten entstehen lassen dürfen“, sagte die Bürgermeisterin.

Hilfsorganisationen in Sorge

Die Zahl von 10.000 Migranten war mehrfach von Hilfsorganisationen genannt worden. Die Behörden sprachen vor der Räumung von 6500 Menschen. Sie sei erleichtert, dass die Auflösung anlaufe. In dem Lager seien jedoch Schleuser und politische Aktivisten der No-Border-Bewegung massiv präsent. „Wir sind in ständiger Alarmbereitschaft, dass nicht neue Flächen in der Stadt oder in der Umgebung besetzt werden“, sagte Bouchart. 

Die französische Regierung hatte sich zuvor zufrieden über den Beginn der Räumung des Flüchtlingslagers gezeigt. Innenminister Bernard Cazeneuve sprach von einer „ruhigen und geordneten Operation“. Er hoffe, dass so die gesamte Räumung des sogenannten Dschungels verlaufen werde.

Hilfsorganisationen warnten aber, die Lage könne sich bald ändern: Rund 2000 Flüchtlinge wollten die Region nicht verlassen, weil sie heimlich nach Großbritannien gelangen wollten, sagte der Leiter der Organisation L’Auberge des Migrants (Herberge der Flüchtlinge), Christian Salomé. Derzeit laufe alles gut, weil jene Flüchtlinge zu den Bussen kämen, die „ungeduldig darauf gewartet haben, wegzugehen“. Er mache sich aber Sorgen über die folgenden Tage. „Dann sind nur noch die Leute hier, die nicht weg und weiterhin nach Großbritannien gelangen wollen.“

„Dschungel“ von Calais

 Am Montag hat die Räumung des Flüchtlingslagers im nordfranzösischen Calais begonnen. Die Region am Ärmelkanal ist schon seit Jahren ein Brennpunkt der Flüchtlingskrise:

  • Dezember 2002: Ein Flüchtlingslager in Sangatte bei Calais wird auf Beschluss der französischen und britischen Regierung geschlossen und abgerissen. In dem Hangar hatte das Rote Kreuz seit 1999 mehr als 60.000 Flüchtlinge aus Krisenstaaten wie dem Irak, dem Iran oder Afghanistan betreut, die nach Großbritannien gelangen wollten.
  •  Februar 2003: Frankreich und Großbritannien unterzeichnen den Vertrag von Le Touquet in dem gleichnamigen nordfranzösischen Badeort. Der Vertrag und weitere Vereinbarungen führen faktisch dazu, dass die Grenzkontrollen für Großbritannien in Frankreich stattfinden. London finanziert im Gegenzug Kontrolleinrichtungen etwa im Hafen von Calais oder am Zugang zum Eurotunnel.
  • Ab 2003: Auch nach der Schließung von Sangatte lagern Flüchtlinge in der Umgebung von Calais und versuchen, über den Ärmelkanal zu gelangen. Die Behörden vertreiben die Flüchtlinge regelmäßig.
  • September 2009: Die französische Polizei löst den ersten „Dschungel“ von Calais auf - eine improvisierte Zeltstadt in einem Industriegebiet, in der sich nach Schätzungen rund 2000 Flüchtlinge aufhielten. Wieder entstehen kleinere wilde Camps, manche Flüchtlinge schlagen sich auch im Stadtzentrum durch.
  • Frühjahr 2015: Östlich von Calais entsteht ein neues Flüchtlingslager, der „Neue Dschungel“, der bald nur noch „Dschungel“ genannt wird.
  • Januar 2016: Am Rande des Lagers stellen die französischen Behörden Wohncontainer mit Platz für 1500 Flüchtlinge auf.
  • März 2016: Begleitet von teils heftigen Ausschreitungen wird der südliche Teil des Flüchtlingslagers aufgelöst. Die meisten Bewohner weichen einfach in den nördlichen Abschnitt aus.
  • September 2016: Die französische Regierung kündigt die endgültige Schließung des Flüchtlingslagers vor Jahresende an.
  • 24. Oktober 2016: Die Räumung des „Dschungels“ beginnt. Zwischen 6000 und 8000 Flüchtlinge sollen in rund 450 Aufnahmezentren im ganzen Land verteilt werden.

Von dpa/afp/RND/zys

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