Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik Erst Hassrede, dann Briefbomben?
Nachrichten Politik Erst Hassrede, dann Briefbomben?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:50 26.10.2018
Bombenentschärfung in den USA: Mehrere hochrangige Politiker, darunter Barack Obama und Hillary Clinton haben in den vergangenen Tagen Briefbomben zugeschickt bekommen. Quelle: imago/ZUMA Press
Berlin/Hannover

Der Germanist Prof. Peter Schlobinski hält es auch in Deutschland für vorstellbar, dass sich die aufgeheizte politische Debatte in physischer Gewalt niederschlägt. Der Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsche Sprache warnt aber davor, es politischen Gegnern mit gleicher Münze zurückzuzahlen.

„Feinde des Volkes“ nennt Donald Trump manche Medien, seine einstige Konkurrentin Hillary Clinton hat er oft als „Nasty Woman“, also „böse Frau“, bezeichnet - zwei Beispiele für die aggressive Sprache, die in den USA mittlerweile zum politischen Diskurs gehört.
Nach den Funden mehrerer Briefbomben stellt sich die Frage, inwiefern diese Rhetorik Gewalt und auch Anschläge begünstigt.
Tut sie das?

Da ist was dran. Aber man kann nicht pauschal sagen, dass aus verbaler Gewalt Gewalt auf der Straße folgt. Vielmehr gilt: Wir haben gesellschaftliche Entwicklungen, die mit einer gewissen sprachlichen Entwicklung Hand in Hand gehen.

Was ist das für eine sprachliche Entwicklung?

Im Politischen verändert sich die Diskussionskultur. Eine Art Pöbelsprache macht sich breit, gepaart mit viel Emotionalisierung. Starke Sprachbilder prägen die Debatte – selbst in der bürgerlichen Mitte. Plötzlich ist selbst hier die Rede von Deutschland als „Unrechtsstaat“. Wir sehen auch rechtes Vokabular, wenn von „Umvolkung“ gesprochen wird. Und wir erleben außerdem die sogenannte konversationelle Gewalt, etwa wenn Politiker niedergeschrieen werden. Viele Menschen sind überhaupt nicht mehr dazu bereit, die Argumente anderer zu hören. Das sind Verrohungstendenzen.

Ist verbale Gewalt mit tätlicher Gewalt gleichzusetzen?

Sprache ist ja Handeln. Wir können Menschen ausgrenzen, beschimpfen, ihnen drohen, sie diskriminieren oder herabsetzen. Das können wir durch Sprache tun und tun es auch. Und das ist mit dem Begriff der verbalen Gewalt gemeint. Dieser ist aber schwerer zu fassen und nicht so einfach justiziabel wie physische Gewalt.

Aber ist die Wirkung verbaler Gewalt der von physischer Gewalt ähnlich?

Einen Unterschied gibt es schon. Mir persönlich ist es auch lieber, dass jemand mir Gewalt androht anstatt mich zu schlagen. Aber wenn wir auf totalitäre Systeme wie den Nationalsozialismus schauen, dann sieht man, wie die Entwicklung solcher Systeme mit verbaler Gewalt einherging. Im Nationalsozialismus wurden die Juden als Parasiten dargestellt, die man vernichten müsse. Von diesem Sprachbild der Vernichtung eines Parasiten zur tatsächlichen Vernichtung der Juden war es zwar noch ein weiter Schritt, aber man sieht den Zusammenhang.

Ist es für sie vorstellbar, dass auch im heutigen Deutschland aggressive Rhetorik in Gewalt umschlägt?

Wir können das teils schon beobachten, es sei an die Vorfälle in Chemnitz erinnert. Bei Gruppen, die sehr rechts sind, sehen wir ja, dass massiv gedroht wird - mit regelrechten Vernichtungsphantasien. Wenn man die Grenzen des Diskurses immer weiter ausweitet, dann werden diese immer öfter überschritten und Gewalt wird eine immer größere Rolle spielen. Sprachliche Gewalt kann unsere Demokratie gefährden.

„When they go low, we go high“ - also sinngemäß „Wenn die anderen das Niveau senken, dann halten wir es hoch“, hat die einstige US-First-Lady Michelle Obama mal gesagt. Würden Sie das den Deutschen auch empfehlen?

Ich wüsste nicht, was man anders tun könnte. Aber auch bei mir macht sich eine gewisse Hilflosigkeit breit. Wir haben ja nichts anderes als unsere Sprache, um unsere Positionen darzustellen. Und wenn man auf die Emotionalisierung und das Nichtzuhören reagiert, indem man selber emotionalisiert und sich nicht mehr kümmert, hat man keine Möglichkeit mehr, politisch andersdenkende Menschen zu erreichen.

Von RND/Christoph Höland

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das größte Nato-Manöver seit Ende des Kalten Krieges ist für die einen eine Beruhigung. Aber es ist auch eine Mahnung, kommentiert Daniela Vates.

25.10.2018

Präsident Donald Trump hat die Migranten aus Zentralamerika jüngst als „Bedrohung“ bezeichnet. Nun sendet das US-Verteidigungsministerium Militär an die südliche Landesgrenze.

25.10.2018

50.000 Soldaten üben zwei Wochen lang einen etwaigen Angriff auf das Bündnis. 10.000 Soldaten kommen allein aus Deutschland.

25.10.2018