Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Politik Das Märchen vom Breitbandland
Nachrichten Politik Das Märchen vom Breitbandland
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:24 12.11.2018
Problemfall Glasfaserkabel: Nur 1,6 Prozent der Gebäude in Deutschland sind an die extrem schnelle Datenleitung angeschlossen.   Quelle: dpa
Berlin

 Vordergründig scheint die Internetwelt hierzulande in Ordnung: Die Deutschen surfen immer schneller im Netz, gut zwei Drittel der Haushalte verfügt inzwischen über einen Internetanschluss mit mindestens 50 Mbit pro Sekunde. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland exklusiv vorliegt, zeigt jedoch: Der Ausbau der Breitbandinfrastruktur kommt nicht rasch genug voran – insbesondere in dünn besiedelten Regionen. Deutschland gilt weiter als „digitales Entwicklungsland“. Dabei soll der Aufbruch ins Gigabit-Zeitalter gelingen, der Weg für digitale Medizin, Industrie 4.0 und autonomes Fahren bereitet werden. Ein leeres Versprechen?

Geht der Breitbandausbau voran?

Inzwischen verfügen 31,3 Millionen und damit 76,9 Prozent der Haushalte in Deutschland über Internetverbindungen mit mehr als 50 Mbit pro Sekunde – vier Millionen mehr als Mitte 2015, was einem Plus um 8,1 Prozentpunkte entspricht. Allerdings: Die Zahl ist mit Vorsicht zu genießen, da es heute als Folge von Zuwanderung und des Trends zu Singlewohnungen rund eine Millionen Haushalte mehr gibt als noch vor zwei Jahren. Von den vier Millionen Haushalten, die jetzt laut offizieller Statistik zusätzlich mit schnellem Internet ausgestattet sind, nutzen 700 000 bereits bestehende Strukturen. Im Klartext: Echten Zuwachs gab es in diesen Fällen nicht.

Welche Regionen profitieren am stärksten?

Die neue Studie des IW schlüsselt den Ausbaustand nach Landkreisen auf (siehe Grafik). Gewinner sind die städtisch geprägten Kreise. Hier entstanden in den vergangenen zwei Jahren durch Netzausbau schnelle Internetverbindungen für rund 1,7 Millionen Haushalte. „Im Vergleich zu städtischen Kreisen holen ländliche Regionen nicht auf“, sagte Studienautor Oliver Koppel dem RND. In großen Teilen von Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Ostbayern haben höchstens 72 Prozent der Haushalte überhaupt Zugang zu Internetanschlüssen mit mehr als 50 Mbit pro Sekunde. Anders sieht es in Großstädten und Ballungsräumen aus: In der Region Hannover sind es 91 Prozent, rund um Wolfsburg 97 Prozent und im Raum Rostock 94 Prozent.

Woran hakt es auf dem Land?

Der Großteil der Breitbandversorgung läuft unverändert „kabelgebunden“. Je niedriger die Einwohnerdichte, desto weniger Haushalte könnten pro Meile Glasfaserkabel mit Breitbandinternet versorgt werden. Für die Anbieter lohnen sich Investitionen in der Fläche daher kaum. Der Bund hatte ein Vier-Milliarden-Euro-Programm für Investitionen in den Netzausbau gerade in ländlichen Gebieten aufgelegt, das noch bis Ende 2018 läuft. Nach RND-Informationen sind aus diesem Fördertopf inzwischen 3,1 Milliarden Euro verplant – für rund 500 Ausbauprojekte. Für viele Unternehmen ist fehlender Zugang zu schnellem Internet inzwischen ein veritabler Wettbewerbsnachteil. „23 000 Gewerbegebiete in Deutschland sind noch nicht mit Glasfaser erschlossen. Diese müssen zuerst versorgt werden. Ansonsten finden die Innovationen woanders statt“, beklagt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Neue Produkte und Dienstleistungen könnten sich erst dann durchsetzen, wenn die erforderlichen In­frastrukturen da sei. „Das gilt für die Entwicklung, die Erschließung neuer Vertriebswege und für künftige Märkte“, sagt Schweitzer.

Was ist das Problem mit der letzten Meile?

Flächendeckend leistungsfähige Glasfaserleitungen zu legen würde nach Experteneinschätzung sehr lange dauern und rund 80 Milliarden Euro verschlingen. Um schnelleres Surfen anbieten zu können, bindet die Deutsche Telekom häufig die grauen Verteilerkästen auf den Straßen mit Glasfaserkabeln an. Für die „letzte Meile“ zum Kunden werden die bestehenden Kupferleitungen genutzt und mithilfe des sogenannten Vectoring technisch „aufgepeppt“, sodass Übertragungsraten kurzfristig und vergleichsweise kostengünstig bis zu 100 Mbit je Sekunde möglich werden – ein umstrittenes Verfahren, das nur als Brückentechnologie und technologische Sackgasse gilt. Dass Branchen-Platzhirsch Telekom, an der die Bundesrepublik mit 31,9 Prozent beteiligt ist, bei seinen Projekten zuletzt auch noch von Fördermitteln des Bundes profitierte, erregte den Zorn der Konkurrenz.

Hat die Telekom nicht genügend Konkurrenz?

Mehr als 82 Prozent der heute verfügbaren Glasfaserkilometer werden inzwischen von Telekom-Wettbewerbern betrieben. Unitymedia will im kommenden Jahr Bochum zur ersten „Gigabitcity“ machen. Vodafone Kabel Deutschland verspricht ab 2019 Internet in Gigabit-Qualität für ganz Bayern. Allerdings: Die Telekom-Konkurrenten fühlen sich ausgebremst, sehen den Bonner Konzern durch die Bundesnetzagentur bevorzugt. Wettbewerber hätten nur noch bei extrem hohen Hürden die Chance, sich gegen den „Quasi-Exklusiv-Ausbau“ mit Vectoring im Nahbereich zu wehren, heißt es beim Bundesverband Breitbandkommunikation.

Wie schneidet Deutschland bei Highspeed-Internet im internationalen Vergleich ab?

 Nur 1,6 Prozent der Haushalte in Deutschland haben Zugang zu Glasfaserleitungen, die direkt ins Haus reichen. Damit belegt die Bundesrepublik im europäischen Vergleich den vorletzten Platz – vor Österreich. Ganz vorne liegen Lettland, Schweden und Litauen – mit einer Abdeckung von bis zu 45 Prozent. Der Vorteil anderer Länder: Sie hatten im Gegensatz zu Deutschland kein flächendeckendes Kupferkabelnetz, konnten sofort auf die leistungsfähigere Glasfasertechnik setzen.

Müssen die Ziele nicht deutlich ambitionierter sein als bisher?

Beim letzten Digitalgipfel im Sommer hat die Bundesregierung ein flächendeckendes Gigabit-Angebot – also Übertragungsraten von mehr als 1000 Mbit je Sekunde in ganz Deutschland – angekündigt. Bis Ende 2018 überall 50 Mbit zu erreichen, wird nur noch als Zwischenziel betrachtet. „Wir müssen uns sputen“, mahnt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Gigabit-Geschwindigkeiten würden insbesondere für die Telemedizin, das autonome Fahren und den Datenaustausch im Internet der Dinge benötigt.

Wie stehen die Chancen für eine neue Breitoffensive?

 Für den Breitbandausbau hatten Union, FDP und Grüne während der Jamaika-Sondierungen einen Ausbaubedarf von 20 Milliarden Euro veranschlagt. Finanziert werden sollten die Investitionen vor allem aus den Einnahmen der noch ausstehenden Versteigerung von 5G-Lizenzen. Die FDP fordert, die Bundesanteile an der Telekom zu veräußern und die Erlöse ebenfalls ins Turbo-Internet zu investieren. In einem Punkt waren sich die Jamaika-Sondierer einig: Für alte Kupferkabel und das sogenannte Vectoring sollte es in Zukunft kein Steuerzahlergeld mehr geben. Was nun aus den Plänen wird, ist völlig offen.

Was verspricht der neue 5G-Standard?

 5G ist der Nachfolger des bisherigen Mobilfunk-Standards „LTE“, soll etwa ab 2020 verfügbar sein und das Zehnfache an Leistung bringen – bis zu 1,25 Gigabyte pro Sekunde. Otto Normalverbraucher wäre sicherlich schon froh, wenn LTE überall in Deutschland zuverlässig funktionieren würde.

Welche Prognosen gibt es für die Zukunft?

Die Nachfrage nach superschnellem Internet wird zunehmen. Nach Prognosen des Bundesverbandes Breitbandkommunikation werden im Jahr 2025 rund 75 Prozent der Haushalte Übertragungsgeschwindigkeiten von mehr als 500 Mbit je Sekunde im Download verlangen, knapp 30 Prozent sogar Internetzugang mit mehr als einem Gigabit je Sekunde. Doch für komplexe industrielle Anwendungen oder autonomes Fahren ist zuverlässige Datenübertragung nahezu in Echtzeit die Voraussetzung – bei 5G soll es nur noch eine Millisekunde sein, weniger als ein Wimpernschlag.

Kann 5G die Glasfasertechnologie ersetzen?

„Der komplette Ausbau dieser Netzinfrastruktur würde bedeuten, rund eine Million Kilometer Glasfaser zu verlegen“, erklärt Bitkom-Chef Bernhard Rohleder. „In einem Rutsch funktioniert das ohnehin nicht, da dies sinnvollverweise geschieht, wenn Straßen aufgerissen und generell neue Leitungen – Wasser, Gas, Strom – gelegt werden.“ Da würden manche Dörfer Ewigkeiten warten. Für „Machine-to-Machine-Kommunikation“, beispielsweise im Automobilbereich, sei keine Glasfaser notwendig: „Durch die neuen Standards in der Funktechnologie wird es quasi in Echtzeit gehen.“ Zu einem anderen Ergebnis kommt dagegen eine Studie des Münchener IEM-Instituts: Demnach könne 5G Hochleistungsleitungen bis in die Gebäude hinein nicht ersetzen. Um eine gute Abdeckung auch in ländlichen Räumen zu erreichen, müssten zumindest die Funkmasten dort ans Glasfasernetz angeschlossen werden.

Von Rasmus Buchsteiner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!