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Politik Bombenanschlag geplant – Yamen A. muss mehrere Jahre in Haft
Nachrichten Politik Bombenanschlag geplant – Yamen A. muss mehrere Jahre in Haft
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18:20 30.11.2018
Der mutmaßliche islamistische Terrorist Yamen A. und sein Anwalt Wolfgang Ferner (l). Quelle: Christian Charisius/dpa
Hamburg/Schwerin

Die Terrorpläne des 20-jährigen Yamen A. lassen den Staatsschutzsenat am Oberlandesgericht Hamburg ratlos zurück. Für die Richter ist klar: Der vor einem Jahr in Schwerin festgenommene Syrer wollte in Deutschland 200 Menschen mit einer Autobombe töten oder verletzen. 50 bis 100 Kilo Ammoniumnitrat, vermischt mit Benzin, wollte er dafür einsetzen. Mehrfach versuchte er den hochexplosiven Sprengstoff TATP herstellen. Die Chemikalien, ein Funkgerät für die Fernzündung und alle weiteren Zutaten besorgte er sich über das Internet. Der Anschlag vom Ausmaß früherer Attentate in London oder Paris sollte in der Nähe seines Aufenthaltsorts verübt werden und die „Ungläubigen“ treffen.

Damit hat sich Yamen A. nach Überzeugung des Gerichts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat schuldig gemacht. Der Staatsschutzsenat verurteilt ihn am Freitag zu sechseinhalb Jahren und geht damit ein Jahr über die Forderung der Bundesanwaltschaft hinaus. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Angeklagte im weinroten Pullover und schwarzer Hose, die dunklen Haare und der Vollbart kurz geschnitten, verfolgt die Urteilsverkündung mit aufmerksamer, aber unbewegter Miene.

Yamen A. bestätigt Sympathie für den Islamischen Staat

Yamen A. habe zwar kein von Reue und Einsicht getragenes Geständnis abgelegt, aber die äußeren Umstände der Tat eingeräumt, sagt die Vorsitzende des Staatsschutzsenats, Ulrike Taeubner. Er habe vor Gericht sein Interesse an der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bestätigt. Ferner gab er zu, sich ein Video mit einer Anleitung zur Sprengstoffherstellung besorgt, die nötigen Zutaten über Amazon gekauft und einmal versucht zu haben, TATP herzustellen. Videoaufnahmen, die ihn mit schwarzer Sturmhaube und Messer zeigten, seien tatsächlich von ihm. Warum er das alles machte, hat Yamen A. nicht nachvollziehbar erklärt. Bei seiner Vernehmung lauteten seine Antworten etwa: „nur so“ oder „weil ich wissen wollte, ob das funktioniert“.

„Wie konnte es bei Ihrem Hintergrund dazu kommen“, fragt Taeubner gleich zu Beginn der Urteilsbegründung. Die Richterin verweist auf die Herkunft des Angeklagten aus einem Akademikerhaushalt in Damaskus. Der Vater ist Bauingenieur, die Mutter Lehrerin. Der Sohn macht Abitur, will ein Studium beginnen. Doch dann droht im Bürgerkrieg die Einberufung zum Militär und die Eltern schicken ihn im Oktober 2015 mit einem Begleiter nach Deutschland. Er bekommt Asyl, lebt in einer Wohngemeinschaft mit vier anderen Flüchtlingen in Schwerin und lernt Deutsch. Er sucht sich einen Job in Hamburg und will jetzt in Deutschland studieren.

Dann kommt die für das Gericht unerklärliche Wende. Die Mitbewohner ziehen aus, im Sommer 2017 wohnt Yamen A. allein. Er radikalisiert sich, befürwortet die Ideologie des IS. Er gründet die Chatgruppe „Partei des Staates“, in der er Freunde zu überzeugen versucht. Es stehe unzweifelhaft fest, dass Yamen A. spätestens im Juli 2017 vorhatte, einen Anschlag mit einer Vielzahl von Opfern zu begehen.

200 Menschen sollten durch eine Autobombe sterben

„Erschreckend“ sei die Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit des Angeklagten gewesen. Bei mindestens drei verschiedenen Chatpartnern - einer von ihnen habe sich übersetzt „Der Mutige beim Durchschneiden der Kehlen der Ungläubige“ genannt - habe er Anleitung zum Bombenbau gesucht. Ein Chatpartner habe ihm von einer Autobombe abgeraten und stattdessen empfohlen, mit dem Messer zuzustechen oder mit einem Pkw in eine Menschenmenge zu rasen. Doch Yamen A. habe geantwortet: „Mein Ziel ist nicht, nur ein oder zwei Menschen zu töten, sondern eine vollständige Operation.“ 200 Tote und Verletzte sollte es geben.

Taeubner betont, dass der Angeklagte sein Vorhaben bis zu seiner Verhaftung am 31. Oktober 2017 nicht aufgegeben habe. Zwar habe er eine größere Chemikalienbestellung bei Amazon gleich wieder storniert, aber vermutlich nur wegen der Befürchtung, entdeckt zu werden. Noch am 16. Oktober habe er mit einem Chatpartner intensiv danach geforscht, warum die Sprengstoffherstellung nicht wie geplant funktionierte.

„Sie wollten eine Straftat gegen das Leben begehen, die geeignet ist, den Bestand und die Sicherheit des Staates zu gefährden“, sagt Taeubner. Durch die vielen Toten und Verletzten wäre es zu einem allgemeinen Klima der Verunsicherung gekommen. „Was wollten Sie mit dem Bombenattentat erreichen? Welchen Sinn sollte das haben? Das lässt uns ratlos zurück“, sagt die Richterin und legt nach: „Was sind für Sie Ungläubige?“ Auch kleine Kinder, die womöglich unter den Opfern gewesen wären? Ein Anschlag hätte auch den zahlreichen friedlich in Deutschland lebenden Landsleuten von Yamen A. unheimlichen Schaden zugefügt, betont Taeubner.

Von RND/dpa/lf

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