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Politik „Liebe Erwachsene, wo ist eure gute Erziehung?“
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09:21 02.11.2018
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) wirbt für eine faire Streitkultur und mehr Toleranz. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa

Frau Karliczek, Sie haben gerade mit wissenschaftlichen Einrichtungen aus dem ganzen Land ein Institut für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gestartet. Muss der Zusammenhalt erst erforscht werden? Wäre es nicht besser, einfach etwas für ihn zu tun?

Wir brauchen diese Forschung unbedingt. Wir leben in einer immer stärker individualisierten Gesellschaft, die von schnellen Umbrüchen geprägt ist. Wir wissen nicht immer, wo die wirklichen Ursachen für Probleme liegen. Da wollen wir mit unterschiedlichen Forschungsperspektiven hinschauen: von der Konfliktforschung über die Medienwissenschaft bis hin zu den Juristen.

Aus Ihrer Sicht: Wodurch wird der Zusammenhalt im Land am meisten bedroht?

Eine große Herausforderung liegt darin, dass mehrere Entwicklungen gleichzeitig ablaufen. Der Einzelne hat dank der Individualisierung größere Entfaltungsmöglichkeiten als je zuvor. Gleichzeitig werden in der Globalisierung immer höhere Anforderungen an ihn gestellt. Viele fühlen sich überfordert – zumal die Digitalisierung zu Umwälzungen in der Arbeitswelt führt und auch die Kommunikation stark verändert.

Welche Auswirkungen haben die sozialen Medien das auf das gesellschaftliche Miteinander?

Anfangs haben im Internet viele unter dem Schutz der Anonymität Dinge gesagt, die sie niemandem ins Gesicht sagen würden. Mittlerweile treten viele wieder unter ihrem eigenen Namen auf. Geblieben ist eine aggressive Sprache, die uns vor einigen Jahren noch fremd gewesen ist. Da frage ich: Liebe Erwachsene, wo ist eure gute Erziehung?

„Wir brauchen mehr Toleranz“

Hat die Politik Einfluss darauf, wie sich das gesellschaftliche Selbstgespräch im Internet entwickelt?

Wir sind als Politiker Teil der Gesellschaft und müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Da waren wir – ohne dass ich das hier vertiefen will – in den vergangenen Monaten nicht immer optimal aufgestellt. Wir müssen in Deutschland eine faire Streitkultur einüben.

Die Gesellschaft ist in jeder Hinsicht vielfältiger geworden: von den Meinungen her, aber auch von den Lebensentwürfen. Außerdem sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich gewachsen. Ist mehr Polarisierung da nicht zu erwarten, fast normal?

Nicht zwangsläufig – wenn die These überhaupt stimmt. Niemandem werden heute noch Lebensentwürfe aufgezwungen, die nicht zu ihm passen. Das entlastet und ist gut. Aber wir brauchen mehr Toleranz: die Bereitschaft, Verständnis für den anderen zu haben, auch wenn wir manches an seinem Leben nicht verstehen. Unsere Gesellschaft hatte diese Toleranz. Noch in meinem ersten Wahlkampf im Jahr 2013 waren wir in dieser Hinsicht ein anderes Land. Da ist etwas verloren gegangen.

Welche Rolle spielen dabei die Themen Flüchtlinge, Einwanderung und Integration?

Die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 ist nicht Ursache der jetzigen Polarisierung. Die Unsicherheit, welche Auswirkungen die Globalisierung auf das Leben des Einzelnen hat, gab es schon vorher. Das, was seit 2015 geschehen ist, war aber ein Auslöser. Es war der Tropfen, der bei vielen das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Ereignisse haben Ängste freigelegt, die verschüttet waren.

„Es gibt keine neutralen Menschen, jeder bringt einen Hintergrund mit“

Die hohe Komplexität vieler gesellschaftlicher Probleme hat ein neues politisches Angebot geschaffen – mit einfachen, populistischen Antworten. Kann die Bildungspolitik dagegen etwas tun?

Die Aufgabe von Bildung ist es zum einen, jeden und jede für die Aufgaben, die im Arbeitsleben und auch sonst vor ihm oder ihr liegen, individuell vorzubereiten. Zum anderen geht es auch darum, dem Einzelnen zu ermöglichen, Zusammenhänge zu verstehen und sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen.

Was bedeutet das konkret?

Ich beschreibe das mal an einem Beispiel aus meiner eigenen Lebenswelt. Viele fragen immer wieder erstaunt: Warum sitzen so wenige Abgeordnete im Plenum? Es ist also wichtig zu erklären, dass der Großteil der Arbeit in den Ausschüssen passiert. Dann lässt sich aus Bildern von leeren Stuhlreihen im Bundestag kein populistisches Argument basteln.

Müssen Politiklehrer sich im Unterricht neutral mit allem befassen, was etwa von der AfD kommt?

Es gibt keine neutralen Menschen. Jeder bringt einen Hintergrund mit, aus dem heraus er seine Arbeit macht. Ein Politiklehrer muss im Unterricht verschiedene Sichtweisen darstellen können. Dabei soll er auch erklären, auf welchen Grundlagen unterschiedliche Denkweisen aufbauen und welche Parallelen sich in der Geschichte finden lassen.

Dürfen Lehrer Populismus im aktuellen Politikgeschehen im Unterricht auch klar so benennen?

Ja. Populismus funktioniert so, dass man nur einen Teil der Wahrheit betrachtet. Ich finde es richtig, wenn ein Lehrer im Politik-Unterricht erklärt: Hier greift sich jemand beim Thema Migration nur einen ganz bestimmten Aspekt heraus, blendet aber andere Sachverhalte absichtlich aus. Die Schüler sollen Werkzeuge erlernen, Politik kritisch zu betrachten.

Von Tobias Peter/RND

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