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Politik Deutschland verzichtet auf Gedenken
Nachrichten Politik Deutschland verzichtet auf Gedenken
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16:00 01.02.2018
Das 85 Meter große Kriegsdenkmal ·Mutter Heimat· ragt neben einer Kirche und dem Fernsehturm in die Höhe. Quelle: dpa
Berlin

Eva Aras war immer wieder in Wolgograd. Mit ihren Schülern. Die pensionierte Russischlehrerin aus Köln gehört zu einer kleinen deutschen Delegation, die in die russische Millionenstadt an der Wolga aufgebrochen ist, um von Donnerstag bis Sonnabend der Toten der mehrmonatigen Schlacht von Stalingrad zu gedenken.

Am Rhein wird seit knapp 30 Jahren eine Städtepartnerschaft mit Wolgograd (bis 1961 Stalingrad) gepflegt. Und Eva Aras ist Vorsitzende des Fördervereins Köln-Wolgograd. „Wissen Sie“, erzählt sie von ihren Begegnungen mit den Russen, „die Leute dort empfangen uns jedes Mal so herzlich und versöhnlich. Das berührt mich immer wieder. Sie wollen nur Frieden und unsere Freunde sein. Trotz allem was passiert ist.“

Deutsche Abwesenheit hat Tradition

In Berlin hängt man den 75. Jahrestag des Endes der Schlacht von Stalingrad nicht an die große Glocke. Die Bundesregierung sieht laut Auskunft einer Kleinen Anfrage einer Gruppe von Linke-Abgeordneten um Sevim Dagdelen keine Veranstaltungen vor. Zu den Gedenkfeiern in Moskau und Wolgograd werden keine Regierungsmitglieder reisen, teilte Walter J. Lindner, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, mit. Immerhin: „Botschafter und Verteidigungsattaché beabsichtigen, an der Veranstaltung teilzunehmen.“ Abwesenheit hat Tradition in Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel war bereits vor drei Jahren den Feiern zum 70. Jahrestag des Weltkriegsendes am 9. Mai in Moskau ferngeblieben.

Die Bundeswehr plant, abgesehen von der Buchpräsentation der editierten Feldpost- und Kriegsgefangenenbriefe von Stalingrad-General Walther von Seydlitz im Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften, nichts. Von Seydlitz hatte nach seiner Gefangennahme im Bund Deutscher Offiziere (BDO) und im Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) propagandistisch gegen Hitler gekämpft. Michael Henjes vom Bundesverteidigungsministerium bittet angesichts des raren Gedenkens um Verständnis: „Stalingrad ist ein Mythos, der nicht mehr so präsent ist. In der Bundeswehr ist das heute kein Thema mehr. Da sind die Fäden gekappt.“

Deutsche und russische Staatschefs finden keine gemeinsame Sprache

Der politische Umgang mit dieser entscheidenden Schlacht im Zweiten Weltkrieg, den 700.000 Toten – die meisten russische Soldaten – und den 90.000 Deutschen, die hier in Kriegsgefangenschaft gerieten und von denen nur 6000 zurückkehrten, ist heute erkennbar distanziert. Auf die Frage der Bundestagsabgeordneten, ob die Bundesregierung der Auffassung sei, den „rassenideologischen Vernichtungskrieg“ wie gegen die Sowjetunion grundsätzlich als verbrecherisch einzustufen, antwortet Staatssekretär Lindner: „Die Einordnung damaliger militärischer Handlungen der Wehrmacht als verbrecherisch im strafrechtlichen Sinne ist einzelfallbezogen vorzunehmen.“

Juristisch sind Lindners Formulierungen sauber, historisch sind sie eher gewunden. Hitler hatte damals der aussichtslos eingekesselten 6. Armee der Wehrmacht Durchhalten befohlen. Stalingrad wurde schließlich zum Symbol der deutschen Niederlage auf der einen und der siegreichen Roten Armee auf der anderen Seite.

Linke-Politiker Bartsch zeigt sich von Kanzlerin enttäuscht

Die Berliner Herangehensweise dieser Tage unterstreicht die unterkühlte Haltung zu Russland, die nichts mehr mit den Strickjacken-Fotos von Kohl und Gorbatschow aus dem Sommer 1990 gemein haben, als es noch um die Deutsche Einheit ging. Heute sitzen in Berlin und Moskau Kanzlerin und Präsident, die zwar fließend deutsch oder russisch miteinander palavern könnten, die aber keine gemeinsame Sprache mehr finden. Die Ursachen sind vielschichtig, haben auch mit dem Wegwischen russischer Interessen zu tun und liegen zeitlich vor der Annexion der Krim durch Russland 2014. Diese Landnahme und die folgenden Sanktionen aber ließen die Beziehungen beider Länder endgültig auf Dauerfrost-Niveau fallen.

Darunter leidet auch der Blick auf Geschichte, wie es aussieht. Der gerade abgetretene russische Botschafter in Berlin, Wladimir Grinin, hat Anfang Januar zu seinem Abschied in dieser Sache eindringliche Worte gefunden. „Vielleicht lohnt es für uns Russen und Deutsche, sich umfassend mit unserer eigenen, nicht einfachen Geschichte auseinanderzusetzen“, so Grinin. „Wie man ihre Fehler beseitigt, wissen wir eigentlich besser als andere. Genauso wie die Gründe dieser Fehler. Das Wichtigste ist dabei, die Entfremdung zwischen Russen und Deutschen zu vermeiden.“

Dietmar Bartsch ist von der Kanzlerin persönlich enttäuscht. „Als Ostdeutsche hat Angela Merkel das doch alles in der Schule gelernt“, sagt der Chef der Linksfraktion im Bundestag. „Stalingrad war der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. Diese Schlacht hat letztlich zur Befreiung geführt, auch zur Befreiung Deutschlands.“ Die Nichtbeachtung dieses Jahrestags in Deutschland zeugten von mangelndem Geschichtsbewusstsein. Bartsch hält es für Nachwirkungen des Kalten Kriegs. „Russland wird immer noch als Bedrohung aus dem Osten angesehen.“ Bartsch hatte erwartet, dass ein Regierungsmitglied zu den Feierlichkeiten nach Moskau und Wolgograd reist. „Der Jahrestag wäre ein guter Anlass für einen Wendepunkt in der Beziehung zu Russland. Eine neue deutsche Ostpolitik ist überfällig.“

Nur Chemnitz und Köln ergreifen ausgestreckte russische Hand

Auch wenn es keine große Delegation wird: Ein paar deutsche Politiker werden zu den Feierlichkeiten vom 1. Bis 3. Februar reisen. Neben den fünf Linke-Bundestagsangeordneten Sevim Dagdelen, Heike Hänsel, Zaklin Nastic, Alexander Neu und Stefan Liebich wird auch die Sozialdemokratin Barbara Ludwig der Toten von Stalingrad gedenken. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin folgt der Einladung ihres Wolgograder Amtskollegen Andrej V. Kosolapov.

Die Sachsen fühlen sich den Wolgogradern seit 1988 durch eine enge und intensive Städtepartnerschaft verbunden, schildert Ludwig. „Dass wir gemeinsam 75 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad der russischen und deutschen Opfer gedenken, ist eine große Geste. Als Oberbürgermeisterin ergreife ich diese ausgestreckte Hand gern und halte sie fest.“ Ihre Kölner Amtskollegin Henriette Reker (parteilos) sagt, es sei selbstverständlich, dass Kölner diese Woche nach Wolgograd reisen. „Die Menschen beider Städte sind sehr froh, dass heute eine freundschaftliche Beziehung zwischen uns besteht. Städtepartnerschaften sind ein sehr wichtiger Beitrag dafür, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt.“

Die Kölnerin Eva Aras wird sich in Wolgograd um die Fortführung von Projekten zugunsten ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter kümmern. Sie erzählt noch, dass immer wieder Enkel oder Urenkel von gefallenen Wehrmachtssoldaten oder Überlebenden zu ihrem Verein kommen, um sich zu informieren, was sie im Sinne von Versöhnung tun können. „Stalingrad“, sagt Frau Aras, „ist kein Mythos, sondern in vielen Familien grausame Realität. Stalingrad beschäftigt Generationen.“

Von Thoralf Cleven/RND

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