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Nachrichten Politik Bäcker-Lehrling Julio Kengne darf bleiben
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16:47 30.10.2016
Die Abschiebung des Bäckerlehrlings Julio Kengne aus Kamerun ist in letzter Minuten gestoppt worden: „Ich bin überglücklich.“ Quelle: Ruediger Boehme Brandenburg/Havel
Potsdam/Groß Kreutz

Der Backofen war noch warm, als Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) den Kameruner Julio Kengne (29) zum glücklichsten Menschen in Brandenburg machte. Der Bäckerlehrling darf seine dreijährige Ausbildung in Groß Kreutz (Potsdam-Mittelmark) fortsetzen. Die für den 3. November angesetzte Abschiebung nach Italien ist ausgesetzt worden.

„Damit habe ich nicht mehr gerechnet“, sagte der 29-jährige Asylbewerber. „Ich danke allen Menschen, die sich für mich eingesetzt haben.“ Wirtschaftsminister Gerber hatte ihm die kurzfristige Entscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) persönlich überbracht.

BAMF macht eine Ausnahme

Demnach wird das Asylverfahren in Deutschland weitergeführt. Eigentlich wäre Italien zuständig: Denn dort hatte er nach einer gefahrvollen Flucht über das Mittelmeer in einem Schlauchboot zum ersten Mal europäischen Boden betreten. Nach dem sogenannten Dublin-Verfahren wäre somit Italien für das Asylverfahren zuständig.

Doch Minister Gerber hatte sich gemeinsam mit der Handwerkskammer für den Auszubildenden eingesetzt – das Bundesamt wendet deshalb in diesem Einzelfall eine rechtskonforme Ausnahmemöglichkeit an. „Zuvorderst geht es mir darum, dass wir für Handwerk und Industrie den Nachwuchs sichern“, erklärte der SPD-Politiker.

Gerber: Abschiebung wäre verheerendes Signal gewesen

Viele Lehrstellen seien unbesetzt, viele Unternehmen suchten händeringend Leute. Der Mangel an Auszubildenden und Fachkräften sei das größte Wachstumshindernis im Handwerk und in der Industrie, sagte Gerber dem „Tagesspiegel“.

Eine Abschiebung des jungen Mannes wäre auch für viele Betriebe ein „verheerendes Signal“ gewesen, warnte der Minister. „Wer soll denn noch einen Flüchtling als Lehrling einstellen und Zeit und Kraft in die Ausbildung stecken, wenn die Gefahr besteht, dass der Azubi kurzfristig ausgewiesen wird?“

Und allein der heimische Arbeitsmarkt reiche nicht mehr aus, sagte Gerber. „Wir brauchen auch Menschen aus anderen Ländern, ob aus Polen, Spanien oder Kamerun.“ Außerdem sei der 29-Jährige bereits vorbildlich integriert.

„Er ist uns eine große Hilfe“

Bäckermeister Heino Fischer hatte lange nach einem Auszubildenden gesucht – ohne Erfolg. „Jetzt sind wir nach vielen schlaflosen Nächten froh und glücklich, dass uns Julio als Lehrling erhalten bleibt. Er ist uns eine große Hilfe und außerdem ein netter Kollege“, sagte der Innungsobermeister des Bäckerhandwerks der „Märkischen Allgemeinen“.

Julio Kengne hatte Anfang September mit Zustimmung der Ausländerbehörde seine Ausbildung bei der Bäckerei begonnen. In Kamerun habe er vor seiner Flucht im Sommer 2015 drei Jahre lang Wirtschaftswissenschaften studiert. Dann habe er dort nicht mehr bleiben können, sagte Kengne, ohne Einzelheiten zu nennen. Über Stationen in Dortmund und Köln kam er nach Brandenburg.

Fischer hat für seinen Azubi eine kleine Wohnung in Götz angemietet. Damit kann sich Julio Kengne in Zukunft die nächtlichen Anreisen aus der Stadt Brandenburg zur Arbeit ersparen. „Zu unseren Arbeitszeiten mitten in der Nacht klappt die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht“, sagte Bäckermeister Fischer dazu.

Und nach der Ausbildung werde man sehen, wie sich die Rechtslage für Julio Kengne darstelle, sagte Gerber. Bis dahin laufe noch viel Wasser die Havel hinunter, meinte der Minister.

Von RND/MAZ/dpa

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