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Politik Talkshow im Blindflug: „Anne Will“-Sendung zum Asylstreit
Nachrichten Politik Talkshow im Blindflug: „Anne Will“-Sendung zum Asylstreit
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07:57 02.07.2018
Daniel Günther und Markus Söder sind zu Gast bei Anne Will Quelle: Imago
Berlin

Immerhin ist Anne Will ehrlich. Das hat sie ihren Kollegen vom ZDF voraus. Die hatten sich am frühen Sonntagabend zu der reichlich kühnen Aussage hinreißen lassen, noch nie habe ein Interview so sehr auf dem Punkt gelegen, wie das Sommerinterview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Obwohl zum Zeitpunkt der Aufzeichnung am Nachmittag ja weder Interviewerin Bettina Schausten noch die Bundeskanzlerin gewusst haben dürften, wie es im dramatisch zugespitzten Asylstreit zwischen CDU und CSU weitergehen würde.

„Wir senden spät, aber nicht spät genug”, sagt ARD-Chef-Talkerin Will gleich zu Beginn ihrer Sendung um kurz nach 22 Uhr. Und bringt damit das Kernproblem des Abends auf den Punkt. Da die CSU ihre erweiterte Vorstandssitzung in München Stunde um Stunde verlängert, kann niemand seriös sagen, was dabei herauskommen wird. Der schöne Plan der Talkshow-Macher, direkt nach dem Showdown im Streit der Schwesterparteien die Analysen senden zu können, ist damit obsolet.

Live-Schalte nach München? Nur ein frommer Wunsch

Um die Zuschauer bei der Stange zu halten, verspricht Will, nach München zu schalten sobald dort jemand vor die Presse treten werde. Dass zuvor die Tagesthemen berichtete hatten, dass das frühestens um 23 Uhr und damit nach Ende der Will-Sendung sein würde - egal. Will verspricht ihren Zuschauern noch, dass nach dem Statement Seehofers auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zugeschaltet werde. Es wird ein frommer Wunsch bleiben.

Da sitzen sie nun also, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU), Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sowie die Journalisten Robin Alexander (Welt) und Giovanni di Lorenzo (Zeit) und bemühen sich, kluge Dinge zu sagen ohne sich dabei zu sehr aus dem Fenster zu lehnen.

Günther ist sauer, dass Seehofer seinen sagenumwobenen Masterplan erst wochenlang nicht und dann überraschend bei der CSU-Gremiensitzung präsentiert hatte. „So”, sagt er, „könne man nicht miteinander umgehen.” Bei einem Alleingang Seehofers müsse die Kanzlerin ihn entlassen. Ansonsten findet Günther, dass es so langsam mal reicht, mit dem Streit. „Die sollten sich jetzt Mal am Riemen reißen.”

Scholz zurückhaltend, Göring-Eckardt bestimmt

Vizekanzler Olaf Scholz mag da nicht widersprechen. „Dass da keine pragmatischen Kompromisse gefunden werden, versteht keiner mehr”, sagt der Sozialdemokrat. Ansonsten sagt Scholz wenig. Der mehrfache Frage der Moderatorin, ob er eigentlich auch für eine Entlassung Seehofers im Fall eines Alleingangs wäre, weicht der Hamburger ein ums andere Mal aus.

Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ist da offener. Die seit Tagen diskutierte Frage, ob die Grünen im Falle eines Falles als Ersatz für die CSU in der Regierung bereit stünden beantwortet Göring-Eckardt mit einem (fast) klaren Nein. Auch mit Blick auf die Asyldiskussion in der CDU wisse sie nicht, auf welcher Grundlage ein solches Bündnisses arbeiten solle. Wer nach dem Jamaika-Feeling auf Kenia-Stimmung bei den Grünen gehofft hatte, sieht sich enttäuscht.

Viel mehr passiert nicht in der konzentrierten Runde, ehe die Moderatorin knapp zehn Minuten vor Schluss über den Knopf in ihrem Ohr vom angeblich bevorstehenden Rücktritt Horst Seehofers als Innenminister und CSU-Chef erfährt und die Diskutanten an diesem Wissen teilhaben lässt. Ulkigerweise passiert dann - auch nichts.

Schon einmal trat Seehofer im Streit mit Merkel zurück

Kluge Politiker halten sich mit öffentlichen Einschätzungen zurück, wenn sie die Lage nicht überblicken können. Sie warten, was Sache ist, stimmen sich mit den eigenen Leuten ab, überlegen sich eine Sprachregelung - und dann gehen sie an die Öffentlichkeit.

Grünen-Frau Göring-Eckardt demonstriert unfreiwillig, warum das so ist. Sie kommentiert den Rücktritt und stellt die falsche Behauptung in den Raum, dass Seehofer schon einmal als Minister zurückgetreten sei, als Gesundheitsminister wegen des Streits um die Gesundheitsprämie. Der Satz ist Unsinn. Nicht als Chef des Gesundheitsresorts, sondern als Fraktionsvize der Unionsbundestagsfraktion war Seehofer 2004 zurückgetreten. Wahr ist nur, dass der Rücktritt auch damals im Streit mit Angela Merkel geschah.

Der Fauxpas der Grünen ist sinnbildlich für eine Sendung, die besser nie gesendet worden wäre. Anne Will hätte in der Sommerpause bleiben sollen.

Von Andreas Niesmann

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