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08:51 20.01.2018
Inbegriff der US-Unterhaltungsindustrie mit politischen Ambitionen: Oprah Winfrey. Quelle: EPA POOL
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Washington

Da standen sie und feierten ihre Heldin. „Ein neuer Tag dämmert am Horizont herauf“, donnerte Oprah Winfrey in der vergangenen Woche von der Golden-Globe-Bühne im Ballsaal des Beverly Hilton Hotels herab – „und wenn dieser Tag endlich anbricht, wird niemand mehr ,me too‘ sagen müssen!“ Jubelrufe. Viele weinten. Es war der Moment, als im liberalen Amerika die Hoffnung aufkeimte, es könne jemanden geben, der der toxischen Aggressivität des Donald Trump etwas Kraftvolles entgegensetzen könnte, eine Bewegung: Oprah Gail Winfrey, 63 Jahre alt, TV-Superstar, Milliardärin, Sinnstifterin für Millionen. Es ist nur eine Fantasie. Aber sie hat sich in den Köpfen verhakt.

Groß ist die Not im Demokratenlager ein Jahr nach dem Amtsantritt von Trump. So groß, dass viele in den Verzweifelten Staaten von Amerika bereit wären, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Populistin gegen Populist. Ein TV-Promi gegen den anderen. Für die Ablösung des von einer Minderheit gewählten und noch von einem Drittel der Amerikaner unterstützten Polit-Bulldozers Trump wären viele bereit, einer weiteren berühmten Seiteneinsteigerin den Weg ins Amt zu bahnen. „Sie hat eine Rakete gezündet. Ich möchte, dass sie antritt“, wünschte sich Schauspielerin Meryl Streep. „Oprah/Michelle 2020“, twitterte Komikerin Sarah Silverman in Anspielung auf die ehemalige First Lady als Vize. Und Steven Spielberg ist sicher: „Sie wäre eine großartige Präsidentin.“

Nach einem Jahr bietet im Amt US-Präsident Donald Trump eine Menge Angriffsfläche. Die Opposition kann die Schwächen im Weißen Haus allerdings bisher kaum nutzen – auch weil ein Schwergewicht als Gegenkandidat bisher nicht in Sicht ist. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von Hoffnungsträgern, die sich bis zu Vorwahlen zu mächtigen Gegnern entwickeln könnten. Eine Übersicht.

Und Winfrey selbst? Schweigt, zu all den „Oprah for President“-Rufen. Aber man darf keine Zweifel an der Grenzenlosigkeit der Ambitionen dieser Frau haben. „Es liegt in den Händen des Volkes“, sagte ihr langjähriger Lebenspartner Stedman Graham der „Los Angeles Times“. „Sie würde es sicher tun.“

Die erste schwarze Milliardärin

Es ist nicht unüblich, dass Hollywood sich an sich selbst berauscht, sich den Mächtigen der Welt zurechnet. Ruhm verstellt den Blick auf die Realitäten. Aber es wäre ein Fehler, Oprah Winfrey mit einer beliebigen Talkmasterin zu verwechseln. Beim Abschied einer Talkmasterin stehen nicht 13 000 Menschen im United Center in Chicago und weinen, jubeln, beten wie im Mai 2011, als nach 4561 Ausgaben ihre letzte ABC-Sendung über den Äther ging. Beim Abschied einer Talkmasterin steht nicht Superstar Madonna auf einer von einem goldenen „O“ überwölbten Bühne und ruft laut „Amen!“. Winfreys letzte Sendung war keine Fernsehshow. Das war ein Gottesdienst. Und die Gottheit in diesem Kosmos, herabgestiegen zu ihren Schäflein, ist Winfrey, die erste schwarze Milliardärin der Welt, lebendes Beispiel für den bröckelnden Mythos, dass es in den USA jeder schaffen kann.

„Winfrey hat mehr Einfluss auf die Kultur als jeder Universitätspräsident, Politiker oder religiöse Führer – mit Ausnahme des Papstes“, schrieb die „Vanity Fair“. Wenn die Amerikaner sich entscheiden müssten zwischen Winfrey und Trump, läge die Talkmeisterin klar vorn.

Noprah! oder Yes she can? Die Zeitungen in News York sind uneins über die politischen Ambitionen von Oprah Winfrey. Quelle: picture alliance / Photoshot

Aber Politik? Ist das erste Amtsjahr des narzisstischen, irrlichternden Immobilienmaklers nicht gerade ein Beweis dafür, dass Showbusiness und Politik zwei Paar Schuhe sind? Dass auch der Schauspieler Ronald Reagan es einst zum Präsidenten brachte, zählt wenig als Argument: Reagan war zweimal Gouverneur von Kalifornien und lernte in dieser Zeit das politische Geschäft vom Geben und Nehmen, von Kooperation und Kompromiss. Ironie der Geschichte: Als Trump 1999 erstmals mit dem Gedanken spielte, sich um das Amt des US-Präsidenten zu bewerben, wünschte er sich Winfrey als „running mate“, als Vizepräsidentschaftskandidatin. „Ich liebe Oprah“, schwärmte er damals. „Sie ist fantastisch.“

Wer ist die Frau, die die Fantasien der Trump-Müden beflügelt? „Ich kam aus dem Nichts“, schrieb sie im Buch „Journey to Beloved“. Geboren wurde sie 1954 in Kosciusko in Mississippi als Tochter einer bettelarmen, alleinerziehenden Teenager-Mutter. Sie erlitt eine traumatische Kindheit. 1986 offenbarte sie, dass sie von ihrem Onkel und ihrem Cousin missbraucht worden war, seit sie neun war. Mit 14 wurde sie schwanger, das Kind starb. Mit 17 Jahren gewann sie die Wahl zur „Miss Black Tennessee“, erregte die Aufmerksamkeit einer Radiostation, es folgten TV-Jobs, bis 1985 die erste Ausgabe ihres Talks „AM Chicago“ lief, bald umbenannt in „The Oprah Winfrey Show“.

Sorgenbriefkasten der Nation

Es folgte ein sensationeller Aufstieg. Mit 32 Jahren war sie Millionärin, mit 41 überholte sie Bill Cosby als reichsten Afroamerikaner. Sie hat ein Vermögen von 2,6 Milliarden Dollar angehäuft – mehr als Trump. Ihre Kriegskasse für einen Wahlkampf wäre gut gefüllt. 25 Jahre lang war sie der lebende Sorgenbriefkasten der US-Unterschicht: laut, dozierend, pathetisch, apodiktisch, nicht unumstritten als Propagandistin auch für Quacksalber – aber erfolgreich.

Mit ihrer religiösen Wellness-Melange aus Buddhismus, Hinduismus, evangelikalem Christentum, Chuzpe, robuster Mütterlichkeit und gesundem Menschenverstand ist sie weiterhin eine spirituelle Führerin für Millionen. „Angel Network“ heißt ihre weltweit tätige Wohltätigkeitsorganisation. Ihre Anhänger nennen sich „Church of Oprah“. Und sie lebt ganz gut vom uramerikanischen Evangelium, wonach nur konsequente Selbstoptimierung echtes Glück verheißt. HARPO Studios heißt ihre Firma („Oprah“ rückwärts) und OWN ihr eigener Pay-TV-Sender (Oprah Winfrey Network).

365 Tage regieren, mehr als 2200 Tweets und 73 Golfplatzbesuche: US-Präsident Donald Trump ist am 20. Januar 2017 ins Oval Office eingezogen. Quelle: AP

Einmal, ein einziges Mal, hat es einer ihrer Gäste gewagt, ihr ins Gesicht zu sagen, sie rede Unsinn. Das war der Dalai Lama. Von Gottheit zu Gottheit. Das ließ sie zu.

Wer soll’s denn machen?

In Zeiten, in denen Politik und Entertainment verschmelzen, in denen Sachverstand weniger zu zählen scheint als Ego und Unterhaltungsfaktor, ist eine Präsidentin Winfrey nicht weniger unvorstellbar als ein Präsident Trump im Jahr 2015. Sie ist Amerikas Seelentrösterin, die ihre Glaubwürdigkeit aus der Tatsache bezieht, dass sie immer wieder eigene Kämpfe zum TV-Thema machte: den Missbrauch, das Übergewicht, die Krisen, den Kokaintod ihrer Halbschwester, den Aidstod ihres Halbbruders.

Und dass die amerikanische Seele der Pflege bedarf, daran gibt es keinen Zweifel. Bloß: Wer soll’s denn machen? Die Suche der Demokratischen Partei nach einem Herausforderer hat längst begonnen – auch jenseits von Winfrey. In Wisconsin etwa, im Kernland der Republikaner, stärkt gerade der unerwartete Wahlsieg der demokratischen Senatskandidatin Patty Schachtner das Selbstbewusstsein der Partei. Das Mandat war frei geworden, weil die bisherige Amtsinhaberin zur Landwirtschaftsministerin berufen wurde. Die Wahl eines konservativen Nachfolgers galt in republikanischen Kreisen eigentlich nur als Formsache.

Und schon diese regionale Wahl geriet zum landesweit beachteten Stellvertreterwahlkampf. Das lässt sich an der Spendenliste ablesen: Ein Fonds, der vom früheren Präsidenten Barack Obama mitfinanziert wird, steuerte Geld für Schachtners Wahlkampf bei. Ihr konservativer Mitbewerber erhielt Rückenwind von den Industriellen Charles und David Koch, die zu den Hauptgeldgebern der Republikaner zählen.

Hoffnungsschimmer für die Demokraten: Patty Schachtner hat im Kernland der Republikaner eine Wahl gewonnen. Quelle: AP

Ganz gezielt stellte Schachtner, passionierte Jägerin, im Wahlkampf heimatliche Traditionen und Bürgersinn obenan und wich Fragen nach Donald Trump nach Möglichkeit aus. Der Verzicht auf allzu viel „linke“ Fundamentalideologie wurde belohnt: Tausende Wähler, die vor genau einem Jahr für Trump gestimmt hatten, setzten ihr Kreuz nun bei der Demokratin.

Durch Schachtners Beispiel fühlt sich Mark Lilla bestätigt. Der Professor von der New Yorker Columbia Universität gilt als einflussreicher Stratege der Demokratischen Partei, der sich kritisch mit der Niederlage von Hillary Clinton vor einem Jahr auseinandersetzt: „Wenn wir auf die Siegesspur zurückfinden wollen, müssen wir dringend einige Grundlagen ändern“, sagt Lilla. Die Fokussierung auf städtische Bildungseliten und ethnische Minderheiten habe sich vor einem Jahr bitter gerächt. Es fehle ein Programm für eine breitere Basis, das insbesondere auch die frühere Stammwählerschaft wieder stärker anspricht – die weiße Arbeiterschaft. Anstatt einen Protestmarsch nach dem anderen gegen Trump zu organisieren, sollten sich die Demokraten zunächst stärker auf lokale und regionale Wahlen konzentrieren: „Wir brauchen nicht noch mehr Demonstrationen, sondern mehr Bürgermeister.“ In seinem Fahrplan ins Weiße Haus wäre ein Superstar wie Winfrey nicht vorgesehen.

Ein Bürgermeister mit Chancen

In das Bild eines erfolgreichen Lokalpolitikers passt auch Eric Garcetti. Der 46-Jährige ist Bürgermeister von Los Angeles und zählt zu den Hoffnungsträgern der Trump-Gegner. Als früherem Dozenten für Diplomatie und Internationale Beziehungen könnte Garcetti dem Chef des Weißen Hauses in außenpolitischen Fragen mindestens auf Augenhöhe begegnen. Und auch in der Schauspielkunst steht er dem Präsidenten nicht nach: In der Fernsehserie „The Closer“ spielte Garcetti mehrfach den Bürgermeister von Los Angeles – kurz bevor er das Amt tatsächlich übernahm.

Garcetti versteht es, sein Publikum auch jenseits der Politik zu unterhalten. In seiner Heimatstadt genießt er den Ruf eines anerkannten Jazzpianisten und Komponisten. Und dass seine familiären Wurzeln zum Teil in Mexiko liegen, ließe sich als passende Antwort auf Trumps Motto „America First“ verstehen. Fest steht: Als Bürgermeister einer Millionenmetropole steht Garcetti sowohl für eine weltoffene und linksliberale Grundhaltung als auch für Bodenständigkeit.

dLinksliberal und bodenständig: Der Bürgermeister von Los Angeles, Eric Garcetti, gilt als Hoffnungsträger der Demokraten – und als Gegenmodell zu Donald Trump. Quelle: dpa

Die Demokraten müssen sich noch nicht auf einen künftigen Präsidentschaftskandidaten festlegen. Es sind noch zweieinhalb Jahre bis zum Wahlkampfbeginn. Aber neben Garcetti gibt es gleichwohl noch diverse Aspiranten. Da steht nach wie vor Bernie Sanders ganz vorn. Trotz seiner 76 Jahre gilt der Senator aus Vermont weiterhin als Sprachrohr der Linken, dem die Funktionäre der Demokratischen Partei beim vergangenen Rennen um die Präsidentschaftskandidatur übel mitspielten. Dass er seit Jahren mit seinen scharfen Forderungen vor allem die Jungwähler hinter sich versammelt, hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Auf seine Kernthesen können sich viele Parteianhänger verständigen: ein stärkerer Ausgleich zwischen Arm und Reich, geringere Studiengebühren und weniger Militäreinsätze. An Engagement und Dynamik mangelt es dem alten Mann nicht. Im Gegenteil: Fast wöchentlich steht Sanders mindestens in einer größeren US-Stadt, um seinen Anhängern zuzurufen: „Die Revolution beginnt!“

Immer noch erste Liga: Der ehemalige Vizepräsident Joe Biden spricht auch heute noch ein gewichtiges Wort in seiner Partei mit. Quelle: AP

Auch Joe Biden, Jahrgang 1942, spielt noch in der ersten Liga. Der frühere Vizepräsident besitzt weiterhin den Ehrgeiz, in seiner Partei ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Als „gesetzt“ gelten im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur zudem die Senatorinnen Elizabeth Warren, Kirsten Gillibrand und Kamala Harris – alle drei haben sich standhaft gegen Trump gezeigt und stünden wohl bereit, das Obama-Erbe fortzuführen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Wie die „Washington Post“ schreibt, bleibt das Feld insgesamt unübersichtlich, „da kein 400 Kilogramm schwerer Gorilla auf dem Feld steht“.

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