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Panorama Weihnachten ganz anders
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09:00 22.12.2018
Kaum ein anderer Tag ist so stark mit Erwartungen aufgeladen wie der 24. Dezember. Immer mehr Menschen entwerfen für sich daher entweder eine völlig neue Version des Festes, reisen in die Ferne oder schaffen neue Rituale abseits von Baum und Braten. Quelle: iStock
Hannover

Weihnachten ist das Fest der Familie. Dieser Satz ist allgegenwärtig, sobald die ersten Schokoladenweihnachtsmänner im Supermarktregal stehen. Für viele Menschen wird er sogar zutreffen. Für andere dagegen nicht.

Bei Rosa ist das beispielsweise so: Sie ist jetzt 40 Jahre alt. Doch dass ihre Eltern geschieden, neu verheiratet und teilweise schon wieder getrennt sind, spürt sie noch immer dann, wenn es Weihnachten wird. All diese Menschen, die im Laufe ihres Lebens zu ihrer Familie geworden sind, setzen sich nicht mehr gern gemeinsam an einen Tisch. Rosa bleibt also nur, mit einzelnen von ihnen zu feiern, oder es gleich ganz bleiben zu lassen. Schließlich will sie niemanden bevorzugen und damit andere enttäuschen.

Schon vor acht Jahren hat sich Rosa deshalb ein eigenes Weihnachten erfunden. Ihr Fest beginnt am 25. Dezember um 16 Uhr. In der Küche öffnen Rosa und drei Schulfreundinnen dann eine Flasche Champagner. Gemeinsam mit Ehemännern und Kindern kochen die Frauen.

Die Suche nach einer Alternative

Jedes Mal gibt es ein aufwendiges Festessen mit mehreren Gängen. Viel wichtiger aber ist, dass alle mal wieder zusammen sind, von sich und ihrem Alltag erzählen, lachen, Anteil nehmen und gemeinsam die Zeit genießen. Meistens singen sie auch Weihnachtslieder. „Für mich ist dieser Abend das echte Weihnachten“, sagt Rosa. „Für mich ist es eine echte Herzensangelegenheit.“

Sabines Weihnachten geht anders. Trotzdem ist ihr Fest ein ganz ähnlicher Fall. Sabine ist ein fröhlicher Mensch. Ihr Bekanntenkreis ist so groß, dass er sich nicht an zwei Händen abzählen lässt. Gerade erst ist sie von einer Sprachreise mit Freundinnen aus der Toskana zurückgekehrt. Die 57-Jährige muss lachen, wenn sie als alleinstehend bezeichnet wird. Schließlich fühlt sich ihr Leben an mindestens 350 Tagen im Jahr gar nicht danach an. Doch es gibt eine Zeit im Jahr, in der Sabine still und nachdenklich wird: den Advent.

Spätestens vier Wochen vor Weihnachten beginnt deshalb Sabines Notprogramm. Es ist die Suche nach einer Alternative: Um alles in der Welt möchte die Buchhändlerin aus Hamburg am 24. Dezember nicht allein sein. Deshalb plant sie eine Reise, ein Essen mit Freunden, auch in einem buddhistischen Meditationszentrum war sie schon mal, wenn andere Weihnachten feiern. „Alles war besser, als einsam und allein zu Hause zu sitzen oder allein in die Kirche zu gehen, wo an diesem Abend all die glücklichen Familien sitzen“, sagt sie.

Die gemeinsame Mission: Weihnachten entkommen

Monika ist es ganz ähnlich gegangen. Ihr Mann ist vor wenigen Jahren gestorben. Ohne ihn, allein mit der Familie, mag sie sich einfach nicht an den Baum setzen, die Lichter betrachten und singen. Zum dritten Mal nun schon macht sie sich am 23. Dezember auf den Weg. Sie hat eine Überraschungsreise gebucht.

Das geografische Ziel ist unbekannt, das psychologische dagegen nicht: Im Bus sitzen fast nur Singles, alles Rentner. Die gemeinsame Mission: Weihnachten entkommen und damit ein Stück auch den Erinnerungen. Sich nicht allein zu fühlen, wenn am späten Nachmittag im ganzen Land die Lichter an den Bäumen brennen und alle Familien unter sich sein wollen, ist unmöglich. Gemeinsam im Bus mit den anderen, erst die Stadtrundfahrt, dann das Dinner mit Unterhaltungsmusik, scheint es dagegen erträglich.

Im vergangenen Jahr, sagt Monika, haben sie alle gemeinsam so viel gelacht. Es war ein lustiger Reiseabend. Für die 80-Jährige und die Mitreisenden war das genau das Richtige. Zwei von ihnen sind seitdem ein Paar. Monika freut sich für sie. Mal sehen, was dieses Mal passiert.

Gesellschaftliche und christliche Konventionen

Noch vor Jahrzehnten mag es schwierig gewesen sein, sich der gesellschaftlichen und christlichen Konvention, die das Fest mit sich bringt, zu entziehen. Natürlich schätzen und lieben noch immer unzählige Menschen den ursprünglichen Weihnachtsgedanken mit all den schönen Traditionen, mit dem Lesen der Weihnachtsgeschichte in der Bibel, dem Gottesdienst, dem besinnlichen Zusammensein in der Familie.

Aber es gibt mittlerweile auch viele Menschen, die einen anderen Weg gehen. Menschen, die entweder nicht gläubig sind oder für die die christliche Bedeutung von Weihnachten nie eine übergeordnete Rolle gespielt hat, entschließen sich, das Fest anders zu begehen, als es gemeinhin üblich ist.

Unter ihnen sind auch Menschen, die wie Rosa vom Weihnachtsfest in der eigenen Familie enttäuscht sind – weil ein klassisches Beisammensein mit der Familie am Baum ohnehin unmöglich ist. Oder Menschen, die Weihnachten nur noch als großes Konsumfest empfinden und es – auch im Sinne von Nachhaltigkeit und Umweltschutz – anders feiern wollen.

Für viele gehört Tradition zum Weihnachtsfest dazu – aber längst nicht mehr für alle. Quelle: E+

Entweder entwerfen sie für sich dann eine völlig neue Version des Festes, oder sie lockern die traditionellen Rituale zumindest an einigen Stellen. Manche Paare treffen sich wie Rosa an Heiligabend lieber mit Freunden als mit den Angehörigen, einfach, weil es dann ein wenig lockerer zugeht. Andere sparen sich Baum und Bescherung und verbringen den Abend bewusst allein mit einem guten Buch auf dem Sofa oder suchen besinnliche Tage in einem Kloster.

Manche zieht es auch in die Ferne: Immerhin 30 Prozent aller Deutschen verreisen während der Festtage. Vor allem kinderlose Paare und Alleinstehende nutzen diese Möglichkeit nach Angaben des Reiseveranstalters Tui, entweder, um dem Weihnachtsstress zu entkommen, oder aber, um das Alleinsein an diesem Abend nicht ganz so deutlich spüren zu müssen.

Weihnachten ist ein Fest, das einen unglaublichen Stress bedeutet“, sagt der Berliner Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger. Kaum ein anderer Tag ist so stark mit Erwartungen aufgeladen wie der 24. Dezember. Das Idealbild der glücklichen Familie unter dem Weihnachtsbaum ist zwar nicht neu, in den vergangenen Jahrzehnten aber sind die Ansprüche an das Glücksgefühl zu Weihnachten massiv gestiegen.

Eine Inszenierung, die nur scheitern kann

Nicht nur die Beziehungen der Angehörigen zueinander, auch das Essen, die Dekoration und die Geschenke sollen heute bitte schön möglichst perfekt sein. Da reichte früher ein Braten, um das Fest besonders werden zu lassen. Heute muss es in vielen Familien ein ganzes Menü sein, um sich vom Alltag überhaupt noch abheben zu können. Wer mal einen Blick auf einige Instagram-Profile wirft oder die Fernsehwerbung auf sich wirken lässt, bekommt schnell einen Eindruck davon, wie das ideale Fest im Jahr 2018 aussehen soll.

Innerhalb der Familie ist das nicht anders: Wir alle versuchen, dem perfekten Bild von Weihnachten, dem Anspruch von Harmonie und Frieden gerecht zu werden. Psychologe Krüger spricht in diesem Zusammenhang gar von einer Inszenierung, die nur scheitern kann. Unsere Erwartungen an das Fest schließlich sind ganz schön unrealistisch: Der Partner, der schon immer schwierig war, soll zuvorkommend und umgänglich, die nörgelnden Verwandten plötzlich verständnisvoll sein.

Doch das kann schwierig werden: Kriselnde Ehen werden im Angesicht des Lichterkettenglanzes nicht automatisch wieder heil. Ähnlich verhält es sich mit Familienkonflikten, die teilweise schon seit Generationen verhärtet sind – sie werden sich auch an Weihnachten nicht in Luft auflösen.

Die Telefonseelsorge hat Hochkonjunktur

Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schiefgeht, alte Konflikte aufbrechen oder Verletzungen entstehen, ist laut Krüger entsprechend hoch. Die Schieflage, in die die Psyche zum Jahresende geraten kann, lässt sich sogar in Zahlen ausdrücken: 60 Prozent aller Familien haben nach Angaben von Psychologen am Weihnachtsfest Stress.

Das können kleine Streitigkeiten unter Geschwistern oder der angebrannte Braten sein. In 30 Prozent der Fälle ist der Stress sogar massiv. Es ist kein Geheimnis, dass die Telefonseelsorge an Weihnachten Hochkonjunktur hat. Und die Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden, das hat eine Studie gerade erst belegt, ist rund um die Festtage besonders hoch.

Ein bisschen Weihnachten – nur eben anders

Nach Meinung von Experten machen die „Weihnachtsaussteiger“ schon deshalb alles richtig: Denn nur, wer sich den überhöhten Ansprüchen an ein perfektes Fest entzieht, kann Krisen vorbeugen oder entkommen. Das bedeutet natürlich nicht, dass niemand mehr feiern sollte. „Aber wir sollten unseren Humor dabei nicht vergessen“, sagt Krüger. Manchmal kann da seiner Meinung nach schon eine alberne Weihnachtsmannmütze auf jedem Kopf helfen, um der Situation ihren Ernst zu nehmen.

Und wer Weihnachten an einem thailändischen Strand feiert, mag sich im ersten Moment zwar ein bisschen fremd fühlen, kann dann aber möglicherweise über eine einzelne Christbaumkugel an einer Palme schmunzeln, und schon wird einem vielleicht etwas leichter ums Herz.

Für das Fest mit den Kindern hat Monika eine Alternative gefunden. Sie feiern jedes Jahr gemeinsam am dritten oder vierten Advent. Seitdem es einen Enkel gibt, wird dann auch ein Baum geschmückt, aber sonst ist alles wie immer. Für Monika ist das gerade recht. Die Erwartungen an den Abend sind nicht so hoch, das Essen ist nicht allzu feierlich. „Ein bisschen Weihnachten ist trotzdem“, sagt sie. „Nur eben anders.“

Von Dany Schrader

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