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16:01 06.01.2018
Dass wir Stille nicht aushalten, dass wir der Ruhe entfliehen, ist ein Charakteristikum des modernen Menschen. Quelle: Jacob Bufkes
Hannover

Im Jahr 1984 hatte der Regisseur Philip Gröning die Idee, einen Film über die Grande Chartreuse zu drehen, das Mutterkloster der Kartäuser. Es liegt abgeschieden in den Bergen im Südosten von Frankreich, die Mönche leben dort seit 1000 Jahren nach immergleichen Regeln: Sie sprechen nur in Ausnahmefällen, sie beten acht Stunden pro Tag. Gröning bat um eine Drehgenehmigung. Der Prior antwortete, die Zeit sei noch nicht reif.

Es dauerte 15 Jahre, bis das Kloster dem Regisseur erlaubte, den Alltag der Mönche zu filmen. Gröning blieb sechs Monate. Und er brauchte weitere fünf Jahre, bis der Film fertig war. Das Werk heißt “Die große Stille“. Und es ist, als ob sich das Sujet und das lange Warten und die Geduld in das Ergebnis eingebrannt haben und direkt auf die Zuschauer übertragen: Sie werden im Innern selbst still. Werden langsam. Kommen zur Ruhe.

Die Feiertage liegen hinter uns, das neue Jahr ist angebrochen. Die besinnliche Zeit, die wir uns gegenseitig gewünscht haben, ist vorbei. Was jetzt? Sofort wieder Gas geben? Oder nehmen wir ein bisschen von der Ruhe vom Ende des vergangenen Jahres ins neue mit hinüber? Die Kernfrage lautet allerdings: Wollen wir das? Und wenn wir es wollen: Können wir es?

15 Minuten sitzen, denken, schweigen

Mitte 2014 geisterten Berichte über eine Studie an der University of Virginia durch die Medien: Die Probanden mussten ihre Handys abgeben und wurden aufgefordert, eine Viertelstunde lang in einem leeren Raum auf einem Stuhl zu sitzen. Nichts weiter. 15 Minuten sitzen, denken, schweigen. Ergebnis: Die meisten fanden es sehr schwer, die Stille und die eigenen Assoziationen auszuhalten. In einer Fortsetzung des Experiments gab es eine Ausweichmöglichkeit in Form eines Knopfes, mit dem die Testpersonen sich selbst unangenehme Elektroschocks verpassen konnten. Und sie haben es getan. Sie wussten es vorher, aber zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen haben sich selbst wehgetan, weil sie die Ruhe nicht ertragen haben.

Dass wir Stille nicht aushalten, dass wir der Ruhe entfliehen, ist ein Charakteristikum des modernen Menschen. Wir leben eben in geräuschvollen, schnelllebigen Zeiten. Im Grunde sind die Zeiten schnelllebig, seit der Mensch nicht mehr mit der Sonne zu Bett geht, seit er sich mit mehr als einem PS fortbewegt und seit er Ziele verfolgt, die über Essen und Schlafen und Fortpflanzung hinausgehen.

Schnelligkeit, Unruhe und Rastlosigkeit begleiten uns, obwohl wir wissen, dass es ungesund ist, ständig im Stress zu leben. Es gibt Studien zuhauf, die belegen, dass Yoga oder Meditation die kognitiven Leistungen verbessern, dass Besinnung und Konzentration auf sich selbst helfen, Ängste zu überwinden. Zwei Minuten Stille senken den Blutdruck, zwei Stunden Stille steigern die Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln, kreativ zu sein.

Das Gehirn braucht Ruhe

Wenn wir uns dagegen nicht genug Ruhe gönnen, riskieren wir Herzinfarkte, Diabetes und Demenz. Ohne Ruhe verschwindet das, was wir gerade gelernt haben, aus unserem Gedächtnis, weil die grauen Zellen Pausen brauchen, wenn sie etwas speichern sollen. Das wissen wir alles. Und was ändern wir? Nichts. Aber warum?

Die Bereiche, die in unserem Kopf aktiviert werden, wenn wir nicht in einem Meeting oder am Computer sitzen, sondern die Gedanken schweifen lassen, nennt die Hirnforschung “Default Mode Network“. Man darf auch “Ruhenetzwerk“ sagen. Es handelt sich um Hirnregionen, die vor allem dann arbeiten, wenn wir ziellos denken, wenn wir uns beispielsweise Tagträumen hingeben. Dummerweise wenden die Gedanken sich dann aber gern auch mal anderen Dingen als all den superintelligenten Lösungen zu, die unsere Karriere befördern würden. Sie bohren plötzlich auch in Fragen herum, die wir nicht so gern berühren.

Etwa der, warum wir immer schnellere Autos für immer mehr Zeitersparnis kaufen, die wir gar nicht nutzen, weil wir bloß weitere Strecken fahren oder länger im Stau stehen. Oder warum wir ein Heidengeld für unsere Familie verdienen, mit der wir dann wegen des Geldverdienens keine Zeit mehr verbringen. Oder warum wir die Zeit, die wir noch übrig haben, damit verplempern, zusammen im Café auf unterschiedliche Bildschirme zu schauen. Oder warum wir immer wieder auf die Illusion hereinfallen, mit einem neuen Partner würden sich alle Probleme von selbst lösen, statt dieselben Probleme zusammen mit dem vorhandenen Partner gemeinsam zu überwinden.

Lieber Elektroschocks als die innere Stimme

Solche Fragen tauchen, wenn wir den Gedanken die Zügel schießen lassen, zwangsläufig auf – weil das System Mensch eine sehr klug konstruierte Organisationseinheit mit sehr vielen Selbstheilungsmechanismen ist und ihren Besitzer immer wieder daran erinnert, was ansteht, sobald auch nur eine winzige Chance besteht, dass er zuhört.

Neuropsychologen vermuten, dass die Menschen früher sehr wohl auf diese inneren Stimmen geachtet haben, dass sie inzwischen davon aber entwöhnt sind. Sprich: Dass Menschen lieber Elektroschocks ertragen als Stille und die eigenen Gedanken, ist kein biologisches, sondern ein kulturelles Phänomen. Wir haben im gesamten 20. und im bisherigen 21. Jahrhundert gelernt, es sei gut, etwas zu wollen, etwas zu erreichen, etwas zu haben – vor allem Geld und Macht. Dergleichen erzeugt bei uns heutzutage positive Reflexe. Dergleichen gilt als Königsweg zum Glück. Ausgeglichenheit? Innerer Frieden? Genügsamkeit? Von dem Esoterikgequatsche, sagen wir uns, kann man sich doch nicht mal Aktien kaufen.

Und deswegen fühlen wir uns unwohl, wenn die Gedanken plötzlich eigenmächtig in eine unliebsame Richtung davonrauschen und all diese kleinen bösen Zweifel an uns nagen, ob wir wirklich auf dem richtigen Pfad sind. Dann ist es besser, wenn wenigstens der Fernseher sabbelt. Oder wenn die bunten Bilder auf dem Smartphone die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wer gucken kann, muss nicht denken.

Ruhe ist nicht gleich Lähmung

Es braucht also heute Mut, zur Ruhe zu kommen. Doch dieser Mut ist notwendig. Im Sinne des Wortes: Er wendet Not. Wenn wir ihn nicht aufbringen, wenn wir unser Inneres ignorieren und nur auf äußere Reize setzen, werden wir krank.

Welche Art von Ruhe für den Einzelnen die richtige ist, muss jeder selbst herausfinden. Mensch ist nicht gleich Mensch und Ruhe nicht gleich Ruhe. Für den einen ist das Tagträumen passend, für den anderen das Verschwinden jeglicher Gedanken in der Meditation oder beim Training. Beim Dritten ist es das Gegenteil von all dem, nämlich die höchste Konzentration, die Fokussierung auf einen einzigen Punkt, etwa beim Schachspielen.

Man muss es einfach ausprobieren. So deformiert, dass wir gar nicht mehr merken, was uns gut tut, sind wir noch nicht. Wer das nicht spürt, ist dann aber vermutlich weder deformiert noch unausgeschlafen, sondern in einer depressiven Phase. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass wir ständig das Bedürfnis haben, etwas zu erreichen, aber wenn wir es erreichen, fühlt es sich nicht gut an. Ruhe ist dann keine Ruhe, sondern Lähmung, und es wäre wichtig, sich Hilfe zu holen.

Das Herdentier Mensch

Wer sich gelähmt fühlt, kann nämlich auch das nicht richtig erleben, was Psychologen heute für eine der Grundvoraussetzungen von Ruhe halten: das Miteinander. “Social Baseline Theory“ nennt man die Annahme, dass das Herdentier Mensch in erster Linie das Bedürfnis nach Nähe und Umgang mit seinesgleichen hat. Je mehr man davon erlebt, umso entspannter ist man, und je weiter man sich davon entfernt, umso größer werden Unruhe und Stress.

Was auch erklärt, wieso es niemandem hilft, tausend Freunde bei Facebook zu haben, wenn im wirklichen Leben kein echtes menschliches Wesen zur Seite steht. Oder wieso es möglicherweise ein Irrglaube ist, man könne am besten in einer einsamen Waldhütte zu sich selbst finden. Das mag für Eremiten gelten. Die meisten Menschen finden zu sich selbst, wenn sie sich in den Augen eines Gegenüber spiegeln.

Vielleicht ist das das Geheimnis der Ruhe der Mönche in der Grande Chartreuse. Sie leben abgeschieden. Aber sie sind zugewandt: ihren Glaubensbrüdern. Gott. Der Stille. Was man annimmt, vor dem hat man keine Angst mehr.

Von Bert Strebe

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