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Panorama Warum wir die Unvernunft auch mal genießen sollten
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09:00 27.10.2018
Rauchen, Alkohol, Fleisch, Fett, Zucker: Schritt für Schritt ersetzt das Berauschen am moralischen Verzicht den Rausch durch verzichtenswerte Güter. Dabei bleibt der Genuss auf der Strecke. Quelle: Amr Elmasry/unsplash
Hannover

Die Verkäuferin schaut drein, als hätte ich eine Atombombe zum Mitnehmen bestellt. Nur widerwillig dreht sie sich Richtung Regal, greift hinein, knallt das rote Päckchen auf den Verkaufstresen. „Sie wissen, dass Sie sich damit umbringen?“, fragt sie. „Ja.“

Sichtlich unzufrieden fluppt die Verkäuferin mit den Lippen. Damit es dramatischer wirkt, wiederholt sie das Prozedere. „Ist mir ja egal, woran Sie sterben“, sagt sie dann. Und schiebt hinterher: „Aber blöde isses.“ Dann kassiert sie ab. 8 Euro für 28 Zigaretten. 28 Gesundheitssünden.

Rauchen, das weiß jeder, schadet nahezu allem, was am Körper so dran ist. Es hat negative Folgen für die Raucher, die Menschen in ihrer Umgebung, das eigene Portemonnaie und die solidarische Krankenversicherung sowieso. Neu allerdings ist der argumentative Feldzug gegen das Rauchen und alle seine ungesunden Begleiter: Alkohol beispielsweise, Fleisch, Cola (Zucker), Nutella (Palmöl) und Chips (krebserregend). Immer heiliger wird das Streben nach einem besseren, einem gesünderen Leben. Und immer beliebter wird der öffentliche Hinweis darauf.

Die Askese wird zum Exzess

Neulich war ich auf der ersten Party, auf der Gäste angehalten wurden, nicht nur zu sitzen, sondern zwischendurch auch mal zu laufen. Denn: „Sitzen ist das neue Rauchen“, sagte der Gastgeber lachend. „Also im Laufe des Abends einfach mal ein bisschen bewegen. Und wenn‘s nur zum Kühlschrank ist.“ Wieder lachte er und während er das tat, hatte man das Gefühl, auch dieses Lachen sei gesundheitsgefährdend.

Denn die Askese wird zum Exzess. Schritt für Schritt ersetzt das Berauschen am moralischen Verzicht den Rausch durch verzichtenswerte Güter. Das klingt vorbildlich, tatsächlich jedoch bedroht diese Entwicklung unsere Genussfähigkeit und damit kostbare Glücksmomente.

Der Wiener Philosoph und Kulturtheoretiker Robert Pfaller geht sogar so weit, den genusstechnischen Untergang auszurufen. „Wir mäßigen uns maßlos“, schreibt er in seinem Bestseller „Wofür es sich zu leben lohnt“. Und weiter: „Das ist das Merkmal unserer Epoche, ihr Krankheitssymptom.“ Obwohl der Wohlstand steigt und die Zahl verfügbarer Genussmittel immer größer wird, scheitere der moderne Mensch daran, sie tatsächlich zu genießen. Heute gehe es darum, möglichst lange zu leben. Nicht darum, möglichst gut zu leben.

Zunehmende Genuss-Inkompetenz

Eine Studie des Kölner Rheingold Instituts bestätigt Pfallers These. In einer repräsentativen Erhebung und 60 tiefenpsychologischen Interviews stellt das Meinungsforschungsinstitut eine zunehmende Genuss-Inkompetenz fest. Zwar macht Genuss für 91 Prozent der Befragten das Leben erst lebenswert, 46 Prozent jedoch sagen, dass sie ihn immer seltener verspüren. Stressgeplagt und familiär eingespannt, ist ihnen der Kopf zu voll, um noch Genusskapazitäten frei zu halten.

Hinzu komme, dass ein jeder permanent von Eindrücken des Fremdgenusses umgeben ist. Freunde erzählen davon, Werbeanzeigen auch, Instagram-Profile sowieso. Dadurch entstehe ein Genussdruck: der Druck, alles genießen zu müssen, was als gutes Leben gilt, weil es alle anderen schließlich auch genießen. Joggen plus anschließendes Chiasamenbrot – ein persönlicher Premiummoment! Soja-Latte trinken auf den Dächern Berlin-Neuköllns – was für eine Experience!

Sehnsucht nach Glücksmomenten durch Unvernünftiges

In dem Moment jedoch, in dem anderen das Genießen scheinbar so leichtfällt, gesellt sich zum Genussdruck auch noch Genussneid auf das Genussvermögen der anderen, wodurch dem Genuss dann vollständig der Garaus gemacht wäre.

Als sei es damit nicht genug, erschwert den Deutschen die allgemeine Einstellung zum Genuss diesen weiterhin. So haben die meisten (81 Prozent der Befragten in der Rheingold-Studie) das Gefühl, sich Genuss erst verdienen zu müssen. Und wenn er dann kommt, bitte zuvor sorgfältig geplant. Beispielsweise in Form eines Saunabesuchs, den man sich nach einer arbeitsreichen Phase gönnt und den es dann unbedingt zu genießen gilt, weil alle anderen ihn ja auch genießen und weil Sauna etwas ist, das man sich gönnt. Dabei sehnen sich 66 Prozent der Befragten nach Glücksmomenten durch Unvernünftiges. Sagen sie selbst.

Die Situation also ist vertrackt und widersprüchlich: Wir wollen mehr genießen, scheitern jedoch daran. Also bleibt es bei heimlichen Wünschen nach unvernünftigen Taten, die Genüsse bieten könnten, die wir anders nicht erreichen – Taten, die wir aber nicht ausführen, weil sie ja unvernünftig sind. Stattdessen kaufen wir uns einen Ego-Ratgeber nach dem anderen, um nach dem Glück zu suchen, das uns das Leben nicht bieten kann, oder versuchen, Ruhe zu finden in Entspannungsübungen, die keine Lösung des Problems ist.

Rauchen, Übergewicht, Alkohol: Dass all das in Massen nicht zu einem längeren Leben führt, ist den meisten Menschen völlig klar. Quelle: RND

Indes, der Genuss der Unvernunft könnte eine Lösung sein. Zumal die Grenze dessen, was als Teil des guten Lebens akzeptiert wird, eine durchaus willkürliche ist. So sind Psycho- und Soziologie sich einig, dass unvernünftiges und widersprüchliches Handeln Teil der menschlichen Natur sind.

Grund dafür ist ein Phänomen, das die Wissenschaftler „Diskontierung der Zukunft“ nennen. Weil die Zukunft im Jetzt unwichtig ist, werden mögliche negative Konsequenzen abgewertet. Das erklärt, warum wir Geräte lieber im Stand-by verharren lassen, als sie auszuschalten – obwohl wir gerne lang und breit erklären, wie sehr die Umwelt uns am Herzen liegt.

Warum wir von Unabhängigkeit und Freiheit träumen, obwohl wir uns mit jeder Technologie mehr vernetzen. Warum wir um uns selbst kreisen, obwohl wir Glück vor allem in selbstvergessenen Momenten empfinden. Warum wir mehr kaufen, als wir brauchen, obwohl wir den Planeten retten wollen. Warum wir nach Unverwechselbarkeit streben, aber alles dafür tun, den anderen immer ähnlicher zu werden.

Bewusste Grenzüberschreitung

Die Diskontierung der Zukunft erklärt auch, warum die einen rauchen und die anderen nicht. Hier funktioniert das Phänomen über Argumentationsketten wie: „Rauchste, stirbste. Rauchste nicht, stirbste auch. Also rauchste.“ Oder: „Opa hat geraucht und ist erst mit 100 gestorben, also sterb‘ ich wohl auch nicht dran und kann’s genießen.“

Keine dieser Argumentationen geht jedoch davon aus, dass Rauchen an sich gesund sei. Eher sind sie Gedankenbrücken, um nicht bei jedem Zug den gesundheitlichen Totalschaden zu befürchten. Ein Phänomen, das, wie beschrieben, alle betrifft – und das immerzu.

Und es ist, paradox genug, ungemein nützlich. Weil in ihm der Schlüssel zum Genuss liegt: das bewusste Überschreiten einer Grenze, um sich ganz in einem Moment zu verlieren.

Ein Plädoyer für gelegentliche Unvernunft

Das alles ist keine Aufforderung, sich im Rausch zu verlieren und das eigene Leben leichtsinnig aufs Spiel zu setzen. Aber ein Plädoyer für gelegentliche Unvernunft und ihren bewussten Genuss. So resümiert auch Pfaller in seinem Bestseller: „Nur ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft, welche ihren Individuen die Ressourcen des Genießens bereitstellt, anstatt ihnen bequemerweise alles Anstößige zu verbieten, ist ein Leben, für das es sich zu leben lohnt.“

Also: Gehen Sie in die verrauchte Kneipe, wenn Sie Lust darauf haben. Hauen Sie Sahne auf den Kuchen, wenn es den Moment versüßt, stecken Sie sich eine Zigarette an, wenn es guttut. Trinken Sie Ihr Bier mit Freunden. Glück ist unbezahlbar.

Und wenn Sie mitbekommen, dass jemand anderes einen solchen Moment in vollen Zügen genießt, grätschen Sie nicht mit wohlgemeinten Ratschlägen dazwischen. Die anderen wissen schon, was sie tun. Und sie tun es, weil es sich gut für sie anfühlt. Genießer wissen sowieso: Das Geheimnis des Genusses ist die Pause, die zwischen zwei Genüssen liegt.

Von Julius Heinrichs

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