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Panorama Högel-Prozess: Ex-Krankenpfleger gesteht 100 Morde
Nachrichten Panorama Högel-Prozess: Ex-Krankenpfleger gesteht 100 Morde
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13:39 30.10.2018
Der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel am Landgericht Oldenburg Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
Hannover

Der neue Prozess gegen den Klinikmörder Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg hat am Dienstag mit einer großen Überraschung begonnen. Högel erklärte sich bereit, umfassend auszusagen und räumte die Taten ein. „Treffen die Vorwürfe mehrheitlich zu?“, fragte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann kurz vor der Mittagspause. „Ja“, antwortete Högel. Im Prozess vor vier Jahren hatte der gebürtige Wilhelmshavener noch weitestgehend geschwiegen.

Die Anklage wirft dem 41-Jährigen vor, zwischen 2000 und 2005 weitere 100 Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst getötet zu haben. Für sechs Taten war Högel bereits in zwei vorhergehenden Prozessen verurteilt worden – 2015 zu einer lebenslangen Haftstrafe, die er in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg verbüßt.

Angeklagter beantwortete eine Stunde lang Fragen

Högel antwortete rund eine Stunde lang auf die Fragen von Richter Bührmann. Er schilderte, dass er in der Pfleger-Ausbildung in Wilhelmshaven zum ersten Mal Schmerzmedikamente genommen habe und später davon abhängig geworden sei. Seinen Wechsel nach Oldenburg im Jahr 1999 bezeichnete Högel als Fehler. Er habe zwar das Potential zum Intensivpfleger gehabt, aber die Belastung sei zu groß gewesen. „Ich merkte recht schnell die Anspannung und den Leistungsdruck.“ Auch der Medikamentenmissbrauch und die Trennung von seiner damaligen Freundin hätten ihn belastet, erklärte der Ex-Pfleger. Er sei wütender und reizbarer geworden.

Högel sagte, dass er 1999 auch ein Angebot vom Pius-Krankenhaus in Oldenburg gehabt habe. Im Klinikum Oldenburg habe er zwischen drei Stationen auswählen können und sich für die kardiologische Intensivstation entschieden. Aber da sei die Situation sehr angespannt gewesen, weil Pfleger gefehlt hätten. Er habe trotzdem den Ehrgeiz gehabt, zum harten Kern der „elitären Pflegekräfte“ zu gehören. Die Arbeit mit den Intensivpatienten beschreibt Högel als „entmenschlicht“ und mechanisch, weil die eigentliche Pflege in den Hintergrund gerückt sei. „Es ist ja nicht mal so, dass man das böse meint“, sagte Högel. Und fügte dann etwas kleinlaut hinzu: Gut, bei ihm sei es so gewesen.

Um 12 Uhr unterbrach Richter Bührmann den Prozess für zwei Stunden. Über die einzelnen Mordfälle soll später gesprochen werden. Bührmann fordert Högel auf, bis zum zweiten Prozesstag Ende November die Akten der ersten 30 getöteten Patienten zu lesen.

Der Sprecher der Opfer-Angehörigen, Christian Marbach, zeigte sich überrascht von der Aussagebereitschaft Högels. Damit habe er zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet. „Ich habe die Hoffnung, dass wir damit einen großen Schritt weiter kommen“, sagte Marbach der HAZ. „Wir haben vier Jahre für diesen Prozess gekämpft und erwarten, dass Högel wegen weiterer 100 Morde verurteilt wird.“ Die Stimmung der Angehörigen der 100 Opfer hatte Marbach vor dem Prozess als sehr emotional beschrieben: „Wut, Trauer, sehr viel Anspannung, auf der anderen Seite Erleichterung, dass es endlich losgeht.“

Prozess beginnt mit Schweigeminute

Der Mordprozess in den Weser-Ems-Hallen hatte um kurz nach 9 Uhr mit einer Schweigeminute für die Opfer begonnen. Richter Bührmann kündigte zu Beginn der Verhandlung eine umfassende Aufklärung der Mordvorwürfe an „Wir werden uns bemühen und wir werden mit allen Kräften nach der Wahrheit suchen.“ An die Angehörigen der Opfer gewandt sagte Bührmann, er wollen ihnen im Verfahren die Unsicherheiten nehmen. „Sie sitzen hier sicher wie auf einem heißen Stuhl mit klopfenden Herzen.“ Dem Angeklagten sicherte der Richter einen fairen, offenen Prozess zu: „Herr Högel, wir kennen uns aus drei Verfahren.“

Anschließend verlas Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann mehr als eine Stunde lang die vier Anklageschriften mit den 100 Mordvorwürfen. Sie nannte Namen, Todesdaten und das jeweilige Medikament, mit dem Högel, die Patienten totgespritzt haben soll. Das jüngste Opfer, Regina P., war erst 34 Jahre alt, das älteste, Sophie S., 96. Der Angeklagte habe die Medikamente ohne ärztliche Anordnung und ohne Indikation verabreicht, sagte Schiereck-Bohlmann bei jedem Fall. „Er hat den Tod zumindest billigend in Kauf genommen.“

Vor den Weser-Ems-Hallen in Oldenburg, die wegen der Prozessgröße als Außenstelle des Landgerichts fungieren, hatten sich bereits zwei Stunden vor Beginn zahlreiche Journalisten und Besucher eingefunden. Im Saal sind rund 120 Plätze für die Nebenkläger reserviert, weitere rund 120 für Besucher und 80 für Journalisten. Es wurden starke Sicherheitsvorkehrungen getroffen.

Wohl größte Mordserie der Nachkriegsgeschichte

Aus Sicht der Ermittler könnte es die größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte sein. Dabei ging es dem Angeklagten laut Staatsanwaltschaft darum, bei den Patienten eine lebensbedrohliche Lage herbeizuführen, um Kollegen durch seine Fähigkeiten bei der Wiederbelebung zu beeindrucken.

Von Seng/RND/dpa

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