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Panorama Tschernobyl wird endgültig eingesargt
Nachrichten Panorama Tschernobyl wird endgültig eingesargt
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13:34 29.11.2016
Der neue Edelstahl-Sarkophag von Tschernobyl wird ab Donnerstag über den havarierten Reaktor geschoben. Quelle: dpa
Hannover/Tschernobyl

Die verfallene und verlassene Plattenbau-Stadt Pripjat ist das mahnende Zeugnis des Super-Gaus von Tschernobyl – bis heute der größte Atomunfall der Geschichte, nur knapp 100 Kilometer von der Millionenstadt Kiew entfernt. Die Menschen ließen auf ihrer Flucht vor den lebensbedrohlichen Strahlungen fast ihr gesamtes Hab und Gut zurück – das Gelände ist größtenteils gespenstisch leer.

Anders im Westen des Geländes: Dort bauten mehrere tausend Arbeiter vier Jahre lang am Projekt „New Safe Confinement“ – dem neuen Edelstahlsarkophag für Tschernobyl. Hinter einer dicken Mauer aus Stahlbeton wurde die gigantische Sicherheitskuppel errichtet, die ab Donnerstag über den Unglücksreaktor „Block IV“ geschoben werden soll.

250 Meter ist der Weg zwischen der Baustelle und dem Reaktor lang. Erst Ende des Monats wird die Kuppel nach einem spektakulären Manöver ihr Ziel erreichen, wo sie dann 100 Jahre die Außenwelt von schädlichen radioaktiven Strahlungen schützen soll. Sie bewegt sich somit im Schnitt nur knapp über acht Meter pro Tag.

Eines der größten Bauprojekte Europas

Die Grundfläche des neuen Edelstahl-Sarkophags entspricht einer Größe von sechs Fußballfeldern. Es hat eine Spannweite von 257 Metern und eine Länge von 162 Metern. Mit seinen gigantischen Ausmaßen würde der Hamburger Hauptbahnhof zwei Mal in ihm Platz finden, in der Höhe könnte er leicht den Kölner Dom verschwinden lassen. Damit gehört der Sarkophag zu den größten Bauprojekten Europas.

Die Innen- und Außenwände der Hülle sind mit Edelstahl überzogen, die Außenwand ist 0,7 Millimeter dick, die Innenwand 0,6 Millimeter. Das Gesamtgewicht beträgt stolze 38.000 Tonnen. Allein die 650.000 Befestigungselemente wie Schrauben wiegen 950 Tonnen.

„Die Konstruktion entspricht höchsten Anforderungen. Sie hält einem Erdbeben der Stärke sechs stand und einem Tornado der Stufe drei. In der Ukraine wurde bisher kein Objekt nach so strengen Richtlinien gebaut“, sagt der leitende Projekt-Ingenieur Wolodymyr Kaschtanow dem „Deutschlandfunk“.

Transportiert wird die Edelstahlkuppel auf Schienen. Wenn sie den Reaktor voll überdeckt hat, beginnt die eigentliche Arbeit. Durch auf der Innenseite installierte Kräne und Gerüste sollen die radioaktiven Stoffe herausgeholt werden, um sie in ein geplantes Atommüll-Zwischenlager zu transportieren. Das Kraftwerksgebäude soll auf lange Sicht abgerissen werden. Ein Jahrhundertprojekt.

2,1 Milliarden Euro Baukosten

Die Baukosten summieren sich auf knapp 2,1 Milliarden Euro. Der Großteil der Mittel kommt von den G7-Staaten, auch Russland hat sich beteiligt. Deutschland beteiligt sich bis heute mit rund 300 Millionen Euro. Ursprünglich war die Ukraine von einem Drittel der Summe ausgegangen.

Auch in den nächsten Jahrzehnten wird die Ukraine zur Beseitigung des nuklearen Materials und der Kraftwerksruine von Tschernobyl auf internationale Hilfe angewiesen sein.

Schätzungen über nukleare Überreste gehen weit auseinander

„Ich traue mir kein Urteil zu“, sagt Greenpeace-Atomexperte Tobias Münchmeyer zuletzt im Bayrischen Rundfunk auf die Frage, wie viele nukleare Rückstände in „Block IV“ vermutete werden: „Es geht nicht um ein paar Prozent mehr oder weniger sondern um die Frage, ist das noch alles drin oder fast gar nichts mehr.“

Nach offiziellen Angaben der ukrainischen und ehemals sowjetischen russischen Behörden befinden sich noch bis zu 95 Prozent der nuklearen Brennstoffe im havarierten Reaktorgebäude. Atomexperten sind geteilter Meinung. Während die einen die offiziellen Angaben unterstreichen, schätzen andere nach dem tagelangen Reaktorbrand im April 1986 die radioaktiven Rückstände in „Block IV“ auf gerade einmal fünf Prozent.

So sieht der „Block IV“ aktuell noch aus. Ende des Monats wird der neue Edelstahl-Sarkophag den Reaktor bedecken. Quelle: dpa

Neue Nutzung der Sperrzone durch sicheren Sarkophag

Der ukrainische Umweltminister Ostap Semerak geht davon aus, dass mit dem neuen Edelstahl-Sarkophag eine Nutzung des Geländes des ehemaligen Kraftwerks wieder möglich sein werde. „Wir wollen, dass aus der Sperrzone um das Kraftwerk eine Region mit Perspektiven wird. Hier kann sich die ukrainische Wissenschaft entwickeln, wir können hier alternative Energiequellen schaffen. Auch die touristische Nutzung wollen wir vorantreiben und untersuchen gerade, was wir tun müssen, damit das keine Gefahren mit sich bringt“, sagt Semerak dem Deutschlandfunk. Laut dem Umweltminister sei ein chinesisches Unternehmen bereit, in eine Anlage für Solarenergie in Tschernobyl zu investieren. Auch die Ansiedlung von Landwirtschaft sei vorstellbar, was auf starke Kritik bei Medizinern stößt.

Opfer der Katastrophe fühlen sich vergessen

Als schnelle Reaktion auf den Super-Gau schickte die Ukraine 1986 Arbeiter, so genannte „Liquidatoren“ in das Strahlungsverseuchte Gebiet um Tschernobyl. Sie sollten die Folgen der Katastrophe beseitigen und riskierten dabei ihr Leben. Tausende von ihnen sind bereits gestorben. Wenige andere versuchten vor wenigen Tagen das ukrainische Parlament zu stürmen. Sie fordern ihre Sonderrente, die ihnen vor kurzem vom Parlament gestrichen wurde.

Von RND/Fabian Wenck

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