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Panorama So modern, so primitiv
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16:01 27.01.2018
Steinzeitreflexe treffen auf weltweite Multipilkationsmaschinen: Modernität schützt uns auch im 21. Jahrhundert nicht vor einem neuen Zivilisationsbruch. Quelle: iStockphoto
Hannover

Das Computersystem des Bundestages, genannt “Parlakom“, ist technisch auf dem neuesten Stand. Das Hohe Haus leistet sich hohe Taktfrequenzen. Und in den Tiefen seines Netzwerks summen gut gekühlte Server, besser als je zuvor geschützt vor dem Zugriff von Kriminellen aller Art.

Neuerdings aber kommt es vor, dass dieses hochmoderne System das überwunden geglaubte Denken der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts transportiert. So verhöhnte der Bundestagsabgeordnete Jens Maier (AfD) jüngst auf seinem Twitterkonto den 23-jährigen Noah Becker: “Dem kleinen Halbneger scheint einfach zu wenig Beachtung geschenkt worden zu sein, anders lässt sich sein Verhalten nicht erklären.“

Gemeint war der Sohn von Boris und Barbara Becker, der erklärt hatte, wegen seiner Hautfarbe in Berlin attackiert worden zu sein. Maier löschte den Tweet später und erklärte, „ein Mitarbeiter“ habe ihn verfasst. Wer das war, blieb ungeklärt. Fest steht nur: Maier bleibt natürlich Mitglied seiner Fraktion, ausgestattet mit Diäten, Mitarbeitern, Fahrdienst und Büros.

Menschenverachtung im Kern des Systems

Wenn in diesen Tagen wieder das Holocaust-Gedenken begangen wird, entsteht eine seltsame Spannung im Parlament. Eine minderheitenfeindliche Menschenverachtung hat sich mittlerweile durchgefressen bis zum Kern des Systems der Bundesrepublik Deutschland. Weil in Deutschlands Parlament erstmals seit Kriegsende bekennende Rassisten sitzen, bekommen die üblichen Mahnungen, nur ja den Anfängen zu wehren, diesmal einen seltsamen Klang.

Sind die Empfindlichkeiten übertrieben? Ist alles nur ein Einzelfall? Eine “Panne“, wie Maier selbst es formuliert? Klar, jedes einzelne Beispiel von Rassismus lässt sich immer irgendwie relativieren: War ja alles gar nicht so gemeint. In Wahrheit addiert sich die Vielzahl immer neuer Einzelfälle zu einem gigantischen Knacks, den der gesellschaftliche Konsens in Deutschland inzwischen abbekommen hat.

Allzu lau reagierten Land und Leute schon auf Alexander Gauland. Der stichelte im Mai 2016, niemand wolle doch “einen wie Jérôme Boateng“ zum Nachbarn haben. Schon das war Rassismus pur, verbunden mit einem verblüffenden Mix aus Frechheit und Ahnungslosigkeit. Was genau spricht gegen Boateng? Der Mann wuchs in Berlin auf als Sohn eines Ghanaers und einer deutschen Mutter, die Flugbegleiterin war bei British Airways; mit sechs Jahren begann Jérôme zu kicken, in Hinterhöfen in Charlottenburg, er ging zur Schule, hielt sich an Regeln, machte Karriere, spielte in der Fußballnationalmannschaft. Doch Gauland kommt einfach nicht hinweg über Boatengs Hautfarbe. Wie niedrig ist das denn?

Wir und die

Bei anderen ist es die türkische Herkunft, die Gauland stört. Im August 2017 schlug er vor, man solle die SPD-Politikerin Aydan Özoguz “in Anatolien entsorgen“. Früher wäre ein Abgeordneter, der so redet, zum Austritt aus der Fraktion gedrängt worden, wenn nicht gleich zum Mandatsverzicht. Doch die Zeiten haben sich geändert. Gauland wurde zum gern gesehenen Talkshowgast, und er grüßt jetzt von einem innenpolitischen Siegerpodest, als Chef der AfD-Fraktion im Bundestag.

Natürlich war die gut gemeinte, aber in Teilen nicht gut gemachte Flüchtlingspolitik der Kanzlerin Wasser auf die Mühlen der Radikalen. Doch die nötigen Korrekturen sind seit Langem im Gang, dazu braucht man keine Extremisten. Der neuen Rechten geht es nicht um diese oder jene Gesetzesänderung. Ihr geht es um Herrschaft durch Hass. Ängste sollen geschürt und genutzt werden. Das Feindbild hat AfD-Frau Beatrix von Storch klar formuliert: “die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden“.

Wir und die: Schon Stämme in der Frühzeit der Menschheit blickten freudig erregt auf diese Unterscheidung. Mal zeigte sich Schwarmintelligenz, mal Schwarmdummheit – Schwärme aber gab es zu allen Zeiten, und sie schufen, egal wohin die Reise ging, ein Wohlgefühl für den Einzelnen: Wer genießt es nicht, einfach mitschwimmen zu können, anerkannt zu werden als Teil einer Gruppe, voraussetzungslos mehr wert zu sein als “die anderen“?

Es braut sich etwas zusammen

Oft löst der Stamm, der Schwarm, die Bewegung Überlegenheitsgefühle aus, einen bebenden Herrschaftswillen jenseits des Rechts. “Der Tag wird kommen“, twitterte Uwe Junge, AfD-Chef in Rheinland-Pfalz und ehemaliger Bundeswehroffizier, “an dem wir alle Ignoranten, Unterstützer, Beschwichtiger, Befürworter und Aktivisten der Willkommenskultur im Namen der unschuldigen Opfer zur Rechenschaft ziehen werden.“

Es braut sich etwas zusammen in diesem Land. Zwar baumeln an den selbst gebauten hölzernen Galgen von Pegida bislang nur Namensschilder: “Reserviert für Angela Merkel.“ Doch Zweifel sind erlaubt, ob vom Rechtsstaat irgendetwas übrig bliebe, wenn diese angeblichen Retter des Abendlandes herrschten. Über wichtige demokratische Institutionen reden sie voller Verachtung. Die Medien? “Lügenpresse“! Das Parlament? “Quasselbude“!

Dies entspricht exakt der Wortwahl der Nazis. Doch historische Hinweise dieser Art werden heute oft mit einem Achselzucken quittiert, als spreche jemand von den Punischen Kriegen. Die Entfernung zu der Zeit von 1933 bis 1945 wächst gnadenlos, zeitlich und emotional, darin liegt ein Teil des aktuellen Dramas in Deutschland. Die meisten Zeitzeugen sind verstummt. Grau gewordene Studienräte werden im November dieses Jahres vor ihre Schulklassen treten und an die Pogrome vor 80 Jahren erinnern. Doch immer stärker wirkt so etwas auf junge Leute wie eine mühsame Ausgrabung, als gehe es bloß um etwas Versteinertes, Verwittertes.

Sehnsucht nach der sicheren Höhle

Was nun? Reißt irgendwann der Faden? Haben bald jene das Sagen, die dem “Schuldkult“ (AfD-Mann Björn Höcke) ein Ende setzen wollen? Ist bald vergessen, dass sich das Tor zur Hölle öffnet, wenn wir wieder anfangen, Menschen zu sortieren nach Rassen und nach Religionen, nach sexuellen Bekenntnissen oder Behinderungen?

Modernität jedenfalls schützt uns auch im 21. Jahrhundert nicht vor einem neuen Zivilisationsbruch. Hass und Unmenschlichkeit im Internet deuten vielmehr auf eine frappierende parallele Steigerung von Fortschritt und Verrohung: Wir sind so modern und gleichzeitig so primitiv wie noch nie.

Noch die übelsten Hassgesänge finden eine nie dagewesene Verbreitung, dank weltweiter Multiplikationsmaschinen. Bei Twitter schrieben Fans der Mauerbaupläne von Donald Trump allen Ernstes, man könne doch streckenweise auch Wassergräben errichten, “mit Krokodilen darin, die die Eindringlinge zerfleischen“. Die Ängste mancher Menschen sind so gigantisch, dass sie sich am liebsten zurückziehen würden in die sichere Höhle des Urmenschen – um sich dann mit Gleichgesinnten per Handy auszutauschen.

Mehr als eine Stilfrage

Seufzend verweisen Forscher seit Langem auf tiefer liegende Programmierungen in unserem Gehirn: Die Angst vor anderen, insbesondere vor Fremden, sitzt seit der Steinzeit tief in unserem limbischen System, nicht weit vom Rückenmark. Hier walten Systeme, die den Herzschlag beschleunigen und den Blutdruck steigern können, ganz ohne bewusstes Zutun. Im präfrontalen Kortex dagegen, an der Stirnseite, siedelt alles Gelernte.

Politiker in aller Welt müssen entscheiden: Wollen sie das Steinzeithirn ansprechen, aus Machtgier Ängste befeuern und nutzen? Oder wollen sie den komplizierteren Weg gehen, aufs Lernen setzen, auf eine Gesellschaft, in der sich alle ans Recht halten?

Hier geht es nicht um irgendeine Stilfrage, sondern um das Schicksal der Menschheit. Jene, die sich auf die Brust schlagen und mit vorgerecktem Kinn “die anderen“ verdammen, bekommen oft schon reflexhaft die schnelle Unterstützung ihres Stamms. Dieser primitive Mechanismus hat über Tausende von Jahren hinweg immer wieder funktioniert. Und er hat über Tausende von Jahren hinweg immer wieder zu Krieg geführt.

Von Matthias Koch

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