Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Panorama Schwedens Bahn ersetzt Fahrscheine durch Handchips
Nachrichten Panorama Schwedens Bahn ersetzt Fahrscheine durch Handchips
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 01.06.2017
Bezahlen per Handchip: Vor allem Reisende in der Businessklasse nutzen die Technologie bisher. Quelle: SJAB
Anzeige
Stockholm

Es klingt wie in einem Science-Fiction-Film: Ein reiskorngroßer Chip wird Mitarbeitern und Kunden unter die Haut gespritzt, und schon öffnen sich Türen. Endlich muss nicht mehr im Kleingeldfach gekramt werden. In Schweden ist die Zukunftsmusik seit Kurzem Realität. Rund 2000 Kunden der staatlichen schwedischen Bahnbetriebe SJ haben sich bereits den Chip unter die Haut jagen lassen und verzichten seitdem auf Bezahlkarten. Bargeld wurde in dem skandinavischen Land ohnehin schon fast vollständig abgeschafft. Vor allem Reisende aus der Businessklasse haben das Angebot bisher genutzt und heben seit dem nur noch die Hand, wenn der Kontrolleur mit dem Fahrscheinscanner ins Abteil kommt. „Das Interesse ist groß“, sagt SJ-Sprecherin Lina Edström. Schweden sei weltweit das erste Verkehrsunternehmen, das die Technologie anbiete – „Wir glauben, dass hier die Zukunft liegt.“

Die Spritze wird zwischen Daumen und Zeigefinger angesetzt

Das Unternehmen, das die entsprechende Technik anbietet, heißt Biohack und ist Kooperationspartner der Bahn. Mit einer Spritze wird der Chip zwischen Daumen und Zeigefinger unter die Haut geschossen. Wahlweise, so erklärt die Bahn, kann auch der Bereich unterhalb des kleinen Fingers an der Handkante genutzt werden.

Anschließend können Reisende sich eine entsprechende App der Bahn auf ihr Smartphone laden, wo sie ihre Kundennummer speichern. Das Handy überträgt diese dann auf den Chip – eine Technologie, wie sie bisher nur zur Identifikation von Haustieren wie Hunden oder Katzen genutzt wurde. Das Implantat kostet derzeit 1500 Kronen (150 Euro). Bahnsprecherin Edström hat sich selbst auch einen Chip einsetzen lassen – Drucker- und Kopierkarten werden ebenfalls durch ihn ersetzt. Intern setzen bereits einige schwedische Firmen auf die Technologie. „Auch in meinem Fitnessstudio melde ich mich mittlerweile nur noch über den Handchip an“, berichtet Edström.

Ist der erste Schritt in Richtung Überwachungsstaat?

Kritiker allerdings befürchten, das könnte nur der erste Schritt in Richtung Überwachungsstaat sein. Doch Edström beruhigt, man speichere ausschließlich die Bahnkartennummer. „Es werden keine anderen Informationen gesendet. Auch können die Scanner ja nur direkt an der Hand den Chip ablesen. Das Signal reicht nicht weit.“

Unternehmen lassen Mitarbeiter chippen

Die Firma Biohack ist auch längst nicht das erste Unternehmen, das die Technik für sich als Geschäftsmodell entdeckt hat. Die Stockholmer Firma Bionyfiken (deutsch: bioneugierig) beispielsweise bietet Chips für Unternehmen an, die im Internet bestellt werden können – im Set mit steriler Spritze. Theoretisch könnte der Chip so im heimischen Badezimmer implantiert werden. Doch davon rät Hannes Sjöbad von Bionyfiken ab. „Wenn Unternehmen uns anrufen, weil sie die Belegschaft mit Chips ausstatten wollen, schicken wir unseren Piercingexperten vorbei“, sagt der Jungunternehmer. Es sei besser, das jemanden machen zu lassen, der sich damit auskenne. „Und die Zusammenarbeit mit Piercingstudios ist perfekt. Die gibt es in jeder Stadt.“

Einen ganzen Bürokomplex im Stockholmer Stadtzentrum habe seine Firma beispielsweise schon ausgestattet. Türen, Kopiermaschinen und der Bezahlvorgang in der Kantine lassen sich nun per Handchip steuern.

Schweden haben wenig Vorbehalte

Dass die Schweden so wenig Vorbehalte gegenüber der neuen Technologie haben, begründen Wissenschaftler damit, dass staatliches Unrecht den Bewohnern bisher so gut wie fremd ist. George Orwells düsterer Zukunftsroman „1984“ ist für sie tatsächlich einfach Science-Fiction. Bereits heute sind Einkommens- und Vermögensverhältnisse, Vorstrafenregister wie auch Adressen, Handynummern und zahlreiche weitere Informationen über Privatpersonen im Internet nahezu frei abrufbar. Weltweit haben sich rund 50 000 Personen einen Chip implantieren lassen, schätzt Patrick Kramer von der Hamburger Firma Digiwell, die diesen Service in Deutschland anbietet. „Das ist eine Lifestyle-Sache“, sagt er. Auch Deutsche seien dem offen gegenüber. „Die Schweden machen mehr Wind darum, in Deutschland funktionieren die Dinge leiser“, sagt er. Kramer hofft darauf, dass einer der großen Verkehrsverbünde den Chip als Fahrschein zulässt. Erste Gespräche gab es. „Und die Nachfrage ist da. Viele Leute wollen nicht ständig ihre Monatskarte suchen.“

Von André Anwar und Jan Sternberg

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Panorama Hollywoodstar - Lasst Bloom sprechen

Als Schauspieler ist Orlando Bloom extrem erfolgreich. Als Sohn muss er jetzt aber damit fertig werden, dass seine Mutter den britischen Medien die Leviten liest. Sie hat einen „korrekten und aktuellen“ Lebenslauf des 40-Jährigen an die Redaktionen verteilt, damit die endlich nicht mehr falsch über ihn berichten.

01.06.2017

Die Kultserie im Kino: „Baywatch“ ist zurück auf der Leinwand, doch die Rolle des Mitch spielt jetzt Dwayne „The Rock“ Johnson. Für David Hasselhoff kein Problem. Er hat immerhin einen Kurzauftritt.

01.06.2017

Dramatische Szenen: Kurz nach dem Start einer Maschine der Gesellschaft Malaysia-Airlines droht ein Mann, das Flugzeug in die Luft zu sprengen. Er wurde überwältigt.

01.06.2017
Anzeige