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Panorama Rosa und die Energiearmut: Eine Tragödie
Nachrichten Panorama Rosa und die Energiearmut: Eine Tragödie
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14:44 26.11.2016
Kerzen, die den Schriftzug Rosa bilden werden im Gedenken an die in Valencia verstorbene 81-jährige Rosa aufgestellt. Quelle: dpa
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Madrid

Als ihre Matratze Feuer fing, muss Rosa in der Panik gestürzt und ohnmächtig geworden sein. Wie die Autopsie ergab, ist die 81-Jährige in ihrer kleinen Wohnung im katalanischen Reus im Nordosten des Landes am giftigen Rauch erstickt. „Schuld“ waren die Kerzen, die die Rentnerin angezündet hatte, um an einem feuchtkühlen Herbstabend etwas Licht und Wärme zu haben. Wegen unbezahlter Rechnungen war ihr der Strom vor rund zwei Monaten abgedreht worden.

Die Tragödie vom 14. November rüttelt ganz Spanien für ein Problem wach, das zwar nicht neu ist, sich aber in den vergangenen Jahren rapide zugespitzt hat. Die sogenannte Energiearmut – die Probleme vieler Menschen beim Bezahlen der Strom- und Gasrechnungen - forderte nach einer Studie der Sozial- und Umwelt-Stiftung ACA zuletzt mehr als 7000 Menschenleben pro Jahr. Das sind gut sechs Mal mehr als die Verkehrstoten, die es 2015 im EU-Land gab (1126).

In dieser Wohnung ist die 81-jährige Rosa am giftigen Brandrauch erstickt. Nachdem ihr der Strom abgedreht worden war, musste sie ihre letzen Tage ohne warme Dusche und ohne Kühlschrank auskommen. Quelle: dpa

Immer mehr Menschen von Energiearmut betroffen

Gezählt werden auch „vermeidbare vorzeitige Todesfälle“, die von Gesundheitsproblemen verursacht werden, die mit der Energiearmut zusammenhängen. Die Zahl der betroffenen Menschen sei in Spanien in den vergangenen zwei Jahren um 22 Prozent auf 5,1 Millionen angestiegen, so die ACA. Nach anderen Schätzungen kann sogar ein Drittel aller Spanier im Winter nicht richtig heizen.

„Eine fortschrittliche Gesellschaft darf nicht zulassen, dass sozial ausgegrenzte Bürger wegen Energiearmut sterben“, klagte die Zeitung „El País“ in einem Leitartikel. Strom sei seit 2008 - dem Jahr des Ausbruchs der langjährigen Wirtschaftskrise - im Schnitt um 52 Prozent teurer geworden. Und die Einkommen vieler Spanier seien parallel dazu stark gesunken. Die Arbeitslosenrate liegt immer noch bei 19 Prozent.

Zahl der Stromsperrungen steigt

Dass der Strom immer mehr zum Luxus wird, beklagen Aktivisten seit längerem. In Spanien ist die Lage laut Experten besonders schlimm.  Laut der Zeitung „El Mundo“ kletterte die Zahl der Stromsperrungen 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 5,9 Prozent auf 506 000.

Dass es nicht noch mehr Strom- und Gasabstellungen sind, dafür sorgen Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder Caritas. „Mit 4,3 Millionen Euro haben wir 2015 fast 17 000 Haushalten bei der Bezahlung von rund 30 000 Rechnungen geholfen“, sagt Fernando Cuevas, beim Roten Kreuz Leiter der Abteilung für Projekte für in Not geratene Familien. Bezeichnend für die Zuspitzung sei, so Cuevas, dass man 2014 noch Anträge zur Bezahlung von Rechnungen in Gesamthöhe von „nur“ 2,5 Millionen Euro erhalten habe.

„Das sind Morde“

Rosas Fall hat Spanien nun derart erschüttert, dass die Menschen nicht nur in Reus zum Protest auf die Straßen gehen. „Armut tötet“ und „Wir sind alle Rosa“ war auf Plakaten zu lesen. Tausende versammelten sich vor Gebäuden des Konzerns Gas Natural Fenosa, der der 81-Jährigen den Strom abgedreht hatte, und riefen: „Das sind keine Todesfälle, das sind Morde!“

Auch viele Politiker nehmen kein Blatt vor dem Mund. „Es kann nicht sein, dass in der viertgrößten Volkswirtschaft der Eurozone Menschen sterben müssen, weil Firmen, die dicke Gewinne machen und ihren Chefs Skandalgehälter zahlen, armen und älteren Menschen den Strom abdrehen“, sagte der Chef der linken Protestpartei Podemos, Pablo Iglesias, beim Protest in Madrid.

Strafmaßnahmen gegen gierige Energieversorger

Reus-Bürgermeister Carles Pellicer warf Gas Natural Fenosa vor, die katalanische Verordnung ignoriert zu haben, wonach bei einer Stromsperrung die Sozialdienste benachrichtigt werden müssen. Der Konzern beklagte seinerseits, die Zusammenarbeit mit den Sozialdiensten klappe aufgrund der Bürokratie nicht gut.

Mehrere Regionalregierungen kündigten derweil Strafmaßnahmen gegen allzu gierige Energieversorger an. Die Welle der Empörung erreichte inzwischen auch das Parlament in Madrid. Auf Drängen der Opposition versprach Ministerpräsident Mariano Rajoy einen Sozialbonus, einen Rabatt auf die Strom- und Gasrechnung für rund 1,6 Millionen Haushalte mit einem Gesamteinkommen von unter 300 Euro im Monat. Rajoys konservative Volkspartei (PP) hatte davor seit 2011 alle Initiativen gegen Energiearmut gekippt. Jetzt hat sie im Parlament allerdings keine Mehrheit mehr. Die neue Kompromissbereitschaft könnte Vielen zugute kommen. Für Rosa kommt sie zu spät.

Von RND/dpa

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