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Panorama Der heimliche Wiesnkönig
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07:03 24.09.2018
O’zapft is! Michael Käfer genießt den Auftakt des Oktoberfestes an und in der Käfer Wiesn-Schänke. Quelle: Daniel von Loeper
München

Dreimal am Tag herrscht Ausnahmezustand: morgens um halb zwölf, kurz vor Einlass, mittags gegen drei und – dann ist es am allerschlimmsten – zwischen sieben und halb acht am Abend. Reservierungswechsel heißt das Spektakel, das 16 Oktoberfesttage lang den Rhythmus jener Location bestimmt, von der so vieles nach außen dringt und in die nur wenige hineinkommen: die Käfer Wiesn-Schänke.

Am Hintereingang, einem mit Gitterzaun gesäumten Rettungsweg abseits der großen Laufwege, stellt sich ein Ordner auf eine Getränkekiste und setzt das Megafon an: „So, und jetzt alle mal einen Schritt nach hinten, niemand muss drängeln. Der Einlass beginnt.“ Ungeduldig schleusen sich die Menschen durch die Eingangssperren, nennen Namen, zeigen nervös auf Listen, die die Ordner abhaken, eilen die Treppe hoch und stürzen sich auf ihre Tische.

Dreimal täglich das gleiche Bild, morgens, mittags, abends, 16 Festtage lang. Der Andrang auf Käfers Wiesn-Schänke ist ungebrochen, seit 47 Jahren. 15 000 bis 20 000 Gäste sind es täglich. Wer sind diese Menschen? Warum wollen sie unbedingt zu Käfer? Und wer steht hinter einem Imperium, dem das Oktoberfest nur ein Sahnehäubchen aufsetzt?

Michael Käfer liebt seine Gäste – und die Gäste lieben ihn

Michael Käfer zu sprechen ist nicht einfach, auch wenn er sofort und sehr kurzfristig zugestimmt hat. Aber da sind die Tischdecken, die getauscht werden müssen, die Reservierungslisten, die noch einmal durchgesprochen werden, und all die Gäste, die den Chef begrüßen und drücken und ihm auf die Schulter klopfen wollen, als wäre er ein alter Freund. Als Michael Käfer kurz Zeit hat, hat er vier leere Maßkrüge in der Hand und ein klingelndes Handy in der Hosentasche.

Das lassen sich auch die Promis nicht nehmen. Tag eins der Wiesn, Tag eins auch für Schwarzenegger und Co., sich auf der Theresienwiese in München blicken zu lassen. Für viele Prominente gehört der Wiesn-Besuch zum guten Ton.

Käfer lächelt, und es ist ein herzliches Lächeln wie bei allem, was er tut und zu tun hat an diesem Auftaktwochenende des Oktoberfests. „Das sind die Glücksgefühle“, sagt er. Er liebt seine Gäste – und die Gäste lieben ihn.

Feinkost Käfer ist ein Delikatessenhandel, immer schon gewesen und immer weiter gewachsen: angefangen 1930 mit einem Tante-Emma-Laden in München, heute in dritter Generation und weltweit bekannt. Die Käfer-Gruppe umfasst 15 Gesellschaften, 18 Restaurants, 1500 Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von rund 140 Millionen Euro. Käfer ist Betreiber von Messe-, Flughafen- und Museumsgastronomie; führt mehrere Delikatessenläden, bewirtet bei Events 200 000 Menschen im Jahr in 38 Ländern. Feinkost Käfer ist ein Name. Käfer ist König. Aber Michael Käfer kein Herrscher.

Bei allen Krisen – auf das Oktoberfest ist immer Verlass

Als seine Großeltern Paul und Elsa Käfer 1930 den kleinen Kolonialwarenladen in Schwabing eröffneten, kam erst der Krieg, dann der Wiederaufbau. Michael Käfer wurde 1958 geboren, da waren die Zeiten schon besser. Der Laden lief, Feinkost war gefragt, doch daheim gab es weiter Wurstsalat aus den Restenden.

„Meine Oma war leidenschaftliche Metzgerin und eine noch bessere Kauffrau“, sagt Michael Käfer. Das Wirtschaftswunder brachte Geld, Aufträge – und Michaels Vater Gerd, der die Geschäfte dann führte, auf eine Idee. Als ein Freund ihn bat, für eine Feier ein paar Brötchen zu schmieren und vorbeizubringen, fing er an, das auch anderen Kunden anzubieten. Es war die Erfindung des Partyservices. „Zeit und Ort dafür waren perfekt, das München der Sechzigerjahre florierte.“ Michael Käfer sagt aber auch: „Wir haben viel Glück gehabt.“

Wenn die Wirtschaft brummt, laufen die Geschäfte. Ein Feinkosthandel ist immer auch ein Seismograf der Gesellschaft. Zwei große Krisen habe er erlebt, sagt Michael Käfer, eine nach der Wende und die andere während der Bankenkrise vor zehn Jahren. Nur auf eines sei wirtschaftlich immer Verlass: das Oktoberfest.

Es ist das größte Volksfest der Welt, ein Universum der Extreme. Alles ist riesig: die Festwiese (rund 47 Fußballfelder), die Bierkrüge (ein Liter), die Zelte (für bis zu 10 000 Menschen). Sechs Millionen Besucher werden jedes Jahr erwartet. Es ist ein gastronomischer Marathon, eine servicetechnische Meisterleistung. 600 Polizisten und noch einmal so viele Rettungskräfte sind im Einsatz, 47 Kameras überwachen die Theresienwiese. Es gibt 1400 Toi­letten (Sitzplätze) und rund tausend Meter Pissoirfläche (Stehplätze). Eine halbe Million Brathendln wurden im vergangenen Jahr verspeist, 7,5 Millionen Maß Bier getrunken.

In die Käfer Wiesn-Schänke kommt nur, wer reserviert hat

Auf die Wiesn kommen Familien, Fußballmannschaften, Junggesellenabschiedstrupps, Freunde, Ar­beitskollegen, Kegelclubs, Touristen aus der ganzen Welt, im Schnitt für zwei, drei Tage. Alles muss sofort passieren – wer morgen schon wieder abreist, will heute alles erleben. Hauptanziehungspunkt waren schon immer: die Bierzelte. Es ist ein eigenes Gefüge aus 37 Zelten (16 große, 21 kleine), die sich wie ein Mosaik zusammensetzen zu einem bunten Gesamtbild. Da ist das Hacker-Zelt, beliebt bei Einheimischen; das Hofbräu-Zelt, das die Münchner meiden wegen der Touristen; das Armbrustschützenzelt, in dem tatsächlich mit der Armbrust geschossen wird, das Schottenhamel, in dem die Wiesn mit dem Anzapfen eröffnet wird – und eben Käfers Wiesn-Schänke.

Vor dem verhältnismäßig kleinen Holzhaus am Ende der Wirtsstraße stehen die Menschen Schlange. Der Käfer-Kosmos teilt sich in drei Bereiche: Der Biergarten im Innenhof ist für jeden, der früh genug kommt oder lang genug wartet und für die Maß 11,50 Euro (ein paar Cent mehr als bei den meisten anderen Wirten) zahlt. Dann gibt es Tische unten und oben in der ersten Etage, und anders als in allen anderen Zelten kann hier nur sitzen, wer reserviert hat – für vormittags, nachmittags oder abends. Mindestverzehr pro Person: 40 Euro. Reservierungen gibt es also nur stundenweise; an den Abenden haben Spontane keine Chance, die sind Stammkunden vorbehalten. Zeit, Raum, Verweildauer – alles ist begrenzt und dadurch exklusiv. Das Essen sowieso. Und die Gäste?

Die Dirndl sind hochwertiger, die High-Heels höher, der Schmuck ist üppiger – vor allem die Damen in Käfers Schänke wirken fast alle wie aus einer Model-Castingshow. Eine weiß blondierte Frau um die 50 begrüßt einen Freund mit Bussi links, Bussi rechts. „Toll siehst du aus“, sagt sie. Sekunden später zeigt er ihr ein Bild auf dem Handy. „Das war mein Gesicht vor der OP“, sagt er und lacht auffallend faltenfrei. Auch Deutschlands bekanntester Schönheitschirurg Werner Mang hat im Übrigen einen Stammplatz in der Wiesn-Schänke.

Großer Ansturm noch vor offiziellem Wiesn-Start. Schon am Morgen warteten tausende Besucher auf die Eröffnung des Oktoberfests 2018.

Käfer, der Promi-Magnet? Käfer, der Ort der oberen Zehntausend?

Außer Baulöwe Richard Lugner, Schlagerproduzent Ralph Siegel und Gesundheitsminister Jens Spahn ist kaum ein Promi am Eröffnungstag bei Käfer. Arnold Schwarzenegger ging lieber ins hippe Marstallzelt, Altkanzler Gerhard Schröder trank sein Bier – mit seiner in ein rotes Dirndl gewandeten koreanischen Frau So Yeon – im Augustiner und der FC Bayern hatte ein Auswärtsspiel in Gelsenkirchen. Auch wenn Lothar Matthäus einer seiner besten Freunde sei, machten Prominente nur einen kleinen Anteil in seiner Schänke aus, sagt Michael Käfer. Als Justin Bieber 2016 spontan vorbeikam, fand man natürlich einen Platz für ihn und der Presserummel sei ihm auch nicht unrecht gewesen. Aber es sei eben nicht alles.

„Natürlich kenne ich sehr viele Prominente, und alle wollen deine Freunde sein, aber echte Freunde habe ich vielleicht zehn oder zwölf.“ Respekt habe er vor Menschen, weil sie etwas geleistet haben, nicht weil sie einen Namen tragen. Der Arzt, der seinem Freund einen Tumor entfernen konnte zum Beispiel, oder der alt eingesessene Handwerksmeister – das seien vor allem seine Gäste: Firmen, Familien, Freunde. Generationsübergreifend.

Beim Reservierungswechsel begrüßt Michael Käfer jeden mit Handschlag

Auch der Betrieb ist mittlerweile eine Art Familie. 178 arbeiten im Service, 67 in der Küche, dazu kommen Ordner, Musiker, Lieferanten. Fast alle sind von Anfang bis Ende da, morgens bis nachts, 16 Wiesn­tage lang. „Manche nehmen sich extra Urlaub“, sagt eine Mitarbeiterin, „viele kennen sich hier seit 20 Jahren.“ Selbst Ordner Hans Brunner macht seinen Job jetzt 22 Jahre, seit zehn Jahren für Käfer. Niemand wird freundlicher begrüßt, öfter geküsst, netter angelächelt. Viele am Zaun muss er abweisen „sorry, wir sind voll“, die meisten aber kennt er mit Namen, Beruf, Familienstand. Am Abend wird er zum Türsteher, die Gäste von oben dürfen mit Bändchen unten rein, umgekehrt nicht. Auf beiden Etagen spielen Livebands die gleiche Partymusik, „aber alle wollen nach oben“, sagt Brunner. Sind die oben wichtiger? „Das meinen sie vielleicht.“

Bei jedem Reservierungswechsel, wenn alle Tischdecken, Dekoballons und Gäste einmal ausgetauscht werden, steht Michael Käfer mit seiner Frau Clarissa oben an der Holztreppe und begrüßt jeden mit Handschlag, Umarmung oder beidem. Am Abend ist es noch etwas voller, die Musik wird lauter, die Menschen tanzen auf den Bänken, die Kübel der 126-Euro-Champagnerflaschen blinken bunt.

Michael Käfer sieht andere Menschen gerne feiern, sich selbst eher weniger. Er trinkt nicht mit, er arbeitet lieber, und sogar seinen 60. Geburtstag im Frühjahr wollte er eigentlich nicht feiern. Am Ende wurde es ein dreitägiges Event: Einen Abend feierte er mit 800 Freunden und Bekannten prunkvoll im Postpalast, am nächsten Tag lud er 800 Bedürftige zum Essen ein. Die Party an Tag drei schenkte er seinen Mitarbeitern.

Von Julia Rathcke/RND

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