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Panorama Muss diese 91-Jährige ins Gefängnis?
Nachrichten Panorama Muss diese 91-Jährige ins Gefängnis?
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20:16 05.02.2017
Eine 91 Jahre alte Frau soll ihrem Sohn bei einer Entführung geholfen haben. Quelle: dpa
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Aurich

Auf einer einsamen Straße in Ostfriesland überholt ein schnelles Auto den Wagen eines Reeders. Der Mann wird mit einer Kelle zum Anhalten aufgefordert. Doch die Verkehrskontrolle ist eine Falle: Als Polizisten verkleidete Kriminelle schaffen es so, den Geschäftsmann aus Leer zu überrumpeln – und verschleppen ihn.

Nun werden im Prozess um die Entführung des ostfriesischen Reeders vor dem Landgericht Aurich an diesem Montag die Urteile gegen eine 91-jährige Frau aus dem westfälischen Iserlohn und drei Männer erwartet. Die Seniorin soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft wegen Beihilfe zum erpresserischen Menschenraub drei Jahre ins Gefängnis. Ihre Verteidiger plädierten am vergangenen Montag dagegen auf Freispruch. Als Drahtzieher der Entführung gilt der Sohn der Frau. Das Verfahren gegen den 67-Jährigen wurde aus Krankheitsgründen abgetrennt.

Lösegeld auf das Konto der Mutter überwiesen

Im Prozess in Aurich müssen sich neben der 91-Jährigen drei Männer im Alter zwischen 30 und 41 Jahren verantworten. Ihnen wird versuchte räuberische Erpressung, erpresserischer Menschenraub sowie Urkundenfälschung vorgeworfen. Für die drei Männer forderte die Staatsanwaltschaft Freiheitsstrafen von drei Jahren und zehn Monaten bis zu acht Jahren. Die Verteidiger zweier Angeklagter hielten Haftstrafen von höchstens zwei beziehungsweise vier Jahren für angemessen. Der Verteidiger des dritten Angeklagten forderte eine Bewährungsstrafe.

36 Stunden war der Reeder in der Gewalt der falschen Polizisten. Er musste laut Anklage einen Schuldschein über eine Million Euro unterschreiben. “Das Opfer litt Todesangst“, sagte die Staatsanwalt zum Prozessauftakt. Der Reeder wurde mit Handschellen gefesselt und geschlagen. “Die Entführer drohten auch, ihm mit einem Küchenmesser Ohr und andere Körperteile abzuschneiden.“

Weiter nötigten die Entführer den Geschäftsführer der Reederei, die vereinbarte Summe auf ein Bankkonto der 91-Jährigen zu überweisen. Das Geld wurde zunächst an die Angeklagte überwiesen, das Entführungsopfer daraufhin nach 36 Stunden freigelassen. Später buchte die Bank die Summe allerdings zurück.

Staatsanwaltschaft: Alter schützt vor Strafe nicht

Ob die Seniorin bei einer Freiheitsstrafe tatsächlich ins Gefängnis muss, ist fraglich. Dies hängt von ihrer Haftfähigkeit ab. Aktuell liegt zwar ein Haftbefehl gegen sie vor, der aber gegen Auflagen nicht vollstreckt wird. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Katja Paulke, wollte sich vor dem Urteil dazu nicht äußern. „Grundsätzlich gilt aber: Alter schützt vor Strafe nicht“, betonte sie. 

An der Entführung sollen drei weitere Männer beteiligt gewesen sein. Nach Auskunft eines Gerichtssprechers wurde inzwischen ein dringend tatverdächtiger Mann in Polen festgenommen. Zwei weitere Verdächtige sind noch auf der Flucht.

Von RND/dpa

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