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Panorama Mit Ulrich Wickert an den Schauplätzen des Terrors
Nachrichten Panorama Mit Ulrich Wickert an den Schauplätzen des Terrors
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08:47 13.11.2016
Ulrich Wickert vor dem Pariser Musiktheater „Bataclan“ in dem 89 Menschen während der Anschlage von Paris starben. Quelle: RND
Paris

Hier beschreibt er, was er erlebt hat, und wie die Stadt, die er so liebt, versucht, zurück ins Leben zu kommen.

Paris, Boulevard Voltaire 50.

Gleich neben dem Musiktheater Bataclan, in dem vor einem Jahr 89 Menschen ums Leben kamen, befindet sich ein kleiner Waschsalon. Sieben Tage die Woche geöffnet. Von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Und wie fast jede Woche war auch Mahmoud an diesem 13. November 2015 hier, um seine Wäsche zu waschen. Mahmoud heißt nicht Mahmoud. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen. Aus Angst, wie er sagt. Und weil sein Name nicht wichtig sei. Wichtig ist ihm nur, dass wir ihm glauben, dass er in Paris geboren und kein Einwanderer ist. Und wichtig ist ihm die Geschichte, die er jetzt unbedingt erzählen muss:

„Ich habe einen der Sicherheitsleute aus dem Bataclan gekannt“, erzählt der ältere dunkelhäutige Mann. „Wir haben immer ein Schwätzchen gehalten, wenn ich hier war und darauf gewartet habe, bis meine Wäsche fertig war. So auch am Tag des Anschlags. Und ein paar Stunden später war er tot.“

Tot?

Ein Jahr lang hat Mahmoud geglaubt, dass auch sein Bekannter unter den Opfern des Massakers im Bataclan war. Bis er am letzten Donnerstag glaubte, ein Gespenst zu sehen. „Plötzlich stand er wieder vor mir, und ich habe am ganzen Körper gezittert, als ich ihn sah. Er hat überlebt. Mann, er hat überlebt! Obwohl ihm die Kugeln um den Kopf geflogen sind, wie er mir sagte. Er hat es irgendwie raus geschafft an diesem Abend…“

Mahmoud kann es immer noch nicht so recht glauben, was ihm widerfahren ist. Aber auch ein Jahr nach den Anschlägen schreibt der 13. November 2015 immer noch neue Geschichten. Geschichten von Trauer und Leid. Aber auch Geschichten von Mut und Lebenswille. Geschichten, die uns auf Schritt und Tritt begegnen, als wir noch einmal die Orte aufsuchen, die so tiefe Wunden in diese Stadt gerissen haben.

Viele Überlebende haben sich nach den Anschlägen in der Organisation „Life for Paris“ zusammengeschlossen, um sich untereinander auszutauschen und gegenseitig zu stützen. Vor ein paar Wochen haben sie sich wiedergesehen. Im Bataclan, streng abgeschirmt von Kameras. Noch einmal zurückzukehren an den Ort des Schreckens - auch das kann Therapie sein. Darunter waren auch Julia und Thomas Schmitz aus Köln, die sich damals mit 30 anderen Konzertbesuchern drei Stunden vor den Terroristen im Backstage-Raum verschanzten, bis sie von der Polizei befreit wurden.

Den Weg, den sie für sich gefunden haben, war, offensiv mit ihrem Alptraum umzugehen, den sie erlebt haben. Darüber zu sprechen. Auch in aller Öffentlichkeit. Trotz Bedenken, trotz der Furcht beschimpft oder im Internet blöd angemacht zu werden, erzählten sie 48 Stunden danach im Fernsehen bei Günther Jauch von ihrem schrecklichen Erlebnis. Und auch ein Jahr später sagt Julia in einem Interview mit der FAZ: “Uns hat der Auftritt gut getan.“

Rue Alibert Ecke Rue Bichat.

Hier feuerten die Terroristen am 13. November aus ihren Sturmgewehren eine Salve nach der anderen auf die Außenplätze der Bar „Le Carillon“ und des gegenüberliegenden kambodschanischen Restaurants „Le petit Cambodge“. 15 Menschen starben hier, zehn weitere wurden verletzt. Heute drängen sich zur Mittagszeit wieder Angestellte aus den umliegenden Büros und Läden an den Tischen, scherzen und lachen. Und auf eine Mauer auf der anderen Straßenseite hat jemand eine Inschrift gesprüht:

Ein Gedenktag für die Wunde.
Wir werden ein Fest daraus machen.
Lasst uns Ballons aufhängen für die Wunde.
Lasst uns wünschen, dass daraus etwas Großes erwächst.
Lasst uns die Opfer wie eine Opfergabe sehen, die sich erheben und geheiligt sein mögen.

Ein paar Straßen weiter patrouillieren Soldaten mit Maschinenpistolen. Die Seiteneingänge des Kaufhauses Lafayette sind immer noch geschlossen. Am Haupteingang kontrolliert Sicherheitspersonal Handtaschen und Rucksäcke. Und die Besucher des Louvre werden mit Metalldetektoren abgetastet. Paris lebt wie das ganze Land immer noch im Ausnahmezustand. Vorläufig noch bis Ende 2017.

Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat deshalb diese Woche einen Fünf-Jahres-Plan vorgestellt, um der Stadt wieder auf die Beine zu helfen. Neben dem Ausbau von Hotelkapazitäten und besseren Verkehrsanbindungen zu den Flughäfen Orly und Roissy-Charles-de-Gaulle sieht ihr Plan aber auch den massiven Ausbau von Überwachungskameras in der Stadt vor, die den Besuchern diskrete Sicherheit signalisieren sollen.

Neueste Videotechnik ist inzwischen auch über dem Eingang des Bataclan installiert, aus dem Maler gerade die letzten Farbeimer schleppen. Alles wurde renoviert, die Außenfassade neu gestrichen, die blutverschmierte zerschossene Bestuhlung, herausgerissen, die Einschusslöcher an den Wänden gespachtelt und überstrichen.

Am Sonnabend, ein Jahr nach den Anschlägen, wird das Bataclan wieder zum Leben erwachen. Mit einem Konzert des britischen Rock-Musikers Sting…

Von Ulrich Wickert und Udo Röbel/RND

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