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Panorama London versinkt im Bahn-Chaos
Nachrichten Panorama London versinkt im Bahn-Chaos
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16:03 13.12.2016
Die maroden Fahrstrecken der Londoner Bahn führen immer wieder zu spontanen Zugausfällen. Das Vertrauen in den öffentlichen Nahverkehr schwindet. Quelle: dpa
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London

„Heute keine Züge“, heißt es lapidar auf Schildern am Bahnhof Clapham Junction im Süden Londons. Die Fahrer der Southern Railway haben ihre Arbeit niedergelegt, und in den Gängen und auf den Plattformen geht es noch hektischer zu als sonst an dieser Station, die zu den geschäftigsten der Hauptstadt gehört. Mehr als 300.000 Passagieren nutzen täglich die Züge. Nun versucht jeder, auf die Schnelle Alternativen zu finden, doch nur wenigen scheint es zu glücken. „Es ist ein absoluter Albtraum“, sagt eine 34-jährige Britin. Sie zieht einen Koffer hinter sich her, wird in der Masse der Menschen ständig von vorbeihastenden Pendler angestoßen. Wie soll sie nun noch ihren Flug nach Kanada erwischen?

Am Montag begann der Streik der Lokführer, die den Zugservice in Richtung Südküste bedienen. Und damit auch nach Gatwick, Londons zweitgrößtem Flughafen. Der Stillstand ist die gravierendste Bahnbetriebsstörung in Großbritannien seit mehr als zwei Jahrzehnten. Streitpunkt ist die Frage, wessen Job es ist, die Zugtüren zu öffnen und zu schließen – der des Fahrers oder eines zusätzlichen Zugbegleiters? Bislang war dafür ein zweiter Bahnangestellter verantwortlich, dieser soll nun eingespart werden. Der Betreiber versichert zwar, dass dadurch keine Arbeitsplätze verloren gingen, die Gewerkschafter argumentieren jedoch, die Sicherheit der Passagiere werde gefährdet. Londons Bürgermeister Sadiq Khan nennt den Streik als „eine absolute Blamage“, die sofort beendet werden müsse. Aber ein Ende des Ausstandes ist nicht in Sicht.

Touristen werden oft nicht ausreichend informiert

Dabei leiden die Londoner und ihre Gäste bereits seit Wochen und Monaten unter Zugverspätungen und -ausfällen, verursacht durch technische Defekte oder Personalmangel. Die Stadt scheitert inzwischen an ihrer eigenen Größe. Denn auch die Verbindung zu Europas passagierstärkstem Flughafen Heathrow ist derzeit stark beeinträchtigt. Da einige der U-Bahnen der Piccadilly Line, die den Airport anfährt, bis zu 40 Jahre alt sind, werden sie derzeit repariert. Auch einige Abschnitte der Gleise sind marode und müssen saniert werden. Die Konsequenzen für die Fahrgäste: lange Wartezeiten von bis zu einer halben Stunde bis zum nächsten Zug, chaotische Zustände und verstopfte Bahnen, in die Reisende mit Gepäck nicht mehr hineinpassen.

Zudem mangelt es an Warnungen für unbedarfte Touristen oder Hinweisen auf Alternativen zur Tube. In der Folge verpassen seit Tagen unzählige Flugpassagiere ihre Maschinen und müssen spontan umbuchen. „Wir haben vier Stunden von Kensington bis zu unserem Terminal in Heathrow gebraucht und unseren Flug um drei Minuten verpasst“, schildert eine 46-jährige Hamburgerin. Ihre Fluggesellschaft British Airways hat ihr jetzt einen Platz in der Maschine nach Hannover verschafft, von dort geht es per Taxi weiter nach Hamburg. Die Kosten für die Umbuchung trage British Airways, sagt die Touristin: „Die sagen, das gehe jetzt schon seit einer Woche so.“

Am 25. Dezember steht der Nahverkehr traditionell still

Londons Behörden empfehlen, die Schnellzüge Heathrow Express oder Heathrow Connect zu nehmen, auch wenn sie etwas teurer sind. Wann die Tube zum Airport im Westen der Stadt wieder wie gewohnt fährt, ist noch nicht klar. Man arbeite „rund um die Uhr“, versichert der verantwortliche Manager. Die Gewerkschaft hingegen meint, man müsse die Linie für die Bauarbeiten komplett schließen, sie sei „an sich schon unsicher“.

Die Tube ist die älteste U-Bahn der Welt und wird jeden Tag von bis zu vier Millionen Menschen genutzt. Nur an einem Tag im Jahr legt sich über die sonst so geschäftige 8,6-Millionen-Einwohner-Stadt eine ungewohnte Stille. Am 25. Dezember feiern die Briten Weihnachten, und dann rattert weder die Tube im Untergrund, noch ächzen Doppeldeckerbusse durch die Straßen. Der öffentliche Nahverkehr wird für einen Tag eingestellt – und in dieser festlichen Stille ist der Ärger der vergangenen Wochen dann plötzlich vergessen.

Von RND/Katrin Pribyl

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